Ausgabe 
30.11.1893
 
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Doch die Trennung verlief nicht ohne Thränen. Inmitten ihres Glücks schmerzte es Martha, sich von ihren Freunden trennen zu müffen, die so unendlich gütig gegen sie gewesen.

In der Stille eines köstlichen Frühlingsabends kehrte der Graf mit seiner Gattin und dem Kinde heim. Nie waren ihnen die Sterne so glitzernd erschienen, nie hatte der sanfte Abendwind ihnen süßer in's Ohr geflüstert, nie hatten sie einen köstlicheren, glücklicheren Abend verlebt.

Du bist zu Haus, wieder zu Haus!" sagte Curt mit glückstrahlendem Antlitz, als der Wagen vor der Thür hielt

Dreißigstes Capitel.

Gräsin von Roddeck und Melanie saßen allein im Wohn­zimmer; schon war es zehn Uhr vorüber und Graf Curt hatte gesagt, er werde zeitig heimkehren.

Bald darauf verkündete Wagenrollen seine Rückkehr.

Was ist Dir, Curt? ' rief die Gräfin dem Eintretenden erstaunt entgegen.Du siehst ja aus, als habest Du etwas ganz besonders Glückliches erlebt?"

Das habe ich auch," gab Curt zur Antwort,ich habe Gäste mitgebracht, die Du willkommen heißen sollst, Mutter."

Gäste? Wen? wenn ich fragen darf!"

Eine Dame mit einem kleinen Knaben," versetzte Curt und der Gräfin entging es nicht, wie seine Stimme bei diesen Worten zitterte.

Eine Dame und einen kleinen Knaben?" wiederholte sie rr staunt.

In dem Augenblicke trat ein schöner Knabe in das Zimmer.

Sieh'," sagte Curt,dies ist mein jüngster Gast."

Was für ein reizendes Kind!" rief die Gräfin mit be­wunderndem Blicke aus.Er sieht wirklich aus wie ein Morillo'scher Engel I"

Küsie ihn, Mutter, und heiße ihn daheim willkommen."

Die Gräfin stutzte.

Daheim?" wiederholte sie langsam.Was soll das heißen, Curt? Hast Du den Knaben adoptirt? Wer ist er?"

Der Knabe ist mein Sohn, Graf Albert von Roddeck," sagte dieser mit tiefbewegter Stimme,und seine Mutter harrt draußen Deines Willkommens. Soll sie eintreten?"

Die alte Dame vermochte kein Wort hervorzubringen, aber die Liebkosungen, mit denen sie das Kind überschüttete, waren Antwort genug.

Endlich war ihr Herzenswunsch erfüllt, sie hielt das Kind ihres Sohnes, den Erben von Roddeck, in ihren Armen! Das alte, stolze' Grafengsschlecht sollte nicht aussterbenI

Als aber eine schöne Frau mit goldenem Haar und hold erröthendem Antlitz eintrat und sie um Vergebung für all' den Kummer, den sie ihr bereitet hatte, bat, da fand sie die Sprache wieder und zum ersten Male in ihrem Leben schloß sie die Gattin ihres Sohnes zärtlich in die Arme.

Ich sollte Dich um Vergebung bitten," sprach sie,von nun an sollst Du mir wie die liebste, theuerste Tochter 'sein. Kein Geheimniß soll je wieder zwischen uns treten."

Bin ich denn ganz vergessen?" fragte Melanie und schloß die Wiedergefundene zärtlich in ihre Arme.

Mitternacht war lange vorüber, ehe der glückliche kleine Kreis aureinanderging. Mit dem goldhaarigen Knaben schlum­mernd im Arm erzählte Curt Baron Massols edle, großherzige Handlungsweise.

Drei Tage später schien die Maisonne auf eine köstliche Scene auf der Roddeck'schen Besitzung.

Der Schloßherr, hieß es, sei nun endlich mit Frau und Kind von einer weiten Reise hetmgekehrt- Ueberall waren Triumphbögen mit Willkommengrüßen errichtet; von allen Bäumen wehten Banner und Fahnen, und durch die weiche, balsamische Luft drang von fernher das Läuten der Glocken.

Der Himmel war blau, die Bluinen blühten, die Vögel sangen, die Sonne glitzerte es war ein köstliches Bild! Eine große Menge Dienerschaft und Angestellte war versammelt, und als die Wagen endlich in Sicht kamen, da erscholl ein jubelndes, nimmer endenwollendes Hurrah!

Bevor die Junirosen blühten, war Melanie von Selten Herbert von Kalbornr Frau geworden.

Herberts Name war weithin bekannt, und als man ihm zu seinem großen politischen Erfolg Glück wünschte, wandte er sich mit dankbarem Auge zu der edlen Frau an seiner Seite und dankte ihr für das, was sie aus ihm gemacht hatte.

Bald erreichte auch die frohe Kunde von Baron Massols Vermählung die Glücklichen auf Ro^deck. Zu seiner Mutter größten Freude hatte er eine junge Dame kennen gelernt, die sein Herz im Sturm erobert hatte.

Sie sind sehr glücklich und versäumen nie, alljährlich einen Besuch auf der Roddeck'schen Besitzung zu machen.

An einem klaren, sonnenhellen Junimorgen bat Graf Curt seine Gemahlin, ihn auf einem kleinen Spaziergang zu be­gleiten. Albert lief vor ihnen her und ein kleines, blond­haariges Mädchen, das ihre Mutter Magdalena nannte, ging an deren Seite.

Wohin gehen wir?" fragte Martha.

Geduld," erwiderte der Graf,Du wirst es gleich sehen."

Sie durchschritten den Park, wo der Wind heimlich zwischen den Bäumen flüsterte und die Vögel unter dem schattigen Laub­dach ihr munteres Lied sangen, gingen die breite Landstraße hinab, an dem grauen Häuschen bei den Weiden vorüber nach dem kleinen Kirchhof, wo Gräfin Martha einst mit verzweifeln­dem Herzen gestanden hatte.

Der Graf nahm seine Gattin an der Hand und führte sie zu der Stelle, wo sich einst ein namenloses Grab befunden hatte. An derselben Stelle war jetzt ein kostbares Monument von weißem Marmor errichtet, das die Inschrift trug: Gewidmet dem Andenken an

Magdalena Horst, durch schwere Prüfung zur ewigen Ruhe eingegangen.

Martha," sagte ihr Gemahl,meine Mutter hat dieses Denkmal errichtet und auf ihren Wunsch brachte ich Dich hier­her. Sprich, Geliebte, schwebt noch eine Wolke an Deinem Himmel?"

Keine," erwiderte sie und hob mit dankbarem Blick ihr schönes Auge zu dem klaren Morgenhimmel empor. -Der Himmel ist so gut gegen mich; ich will mich bemühen, diese Güte auch zu verdienen."

Die Sonne, deren goldene Strahlen auf das stille Grab und auf die leise rauschenden Baumwipfel, auf den treuen, edlen Gatten und auf die schönen, blühenden Kinder fielen, war nicht heller, nicht glänzender, als die Zukunft, der Gräfin Martha entgegensah.

Der photographirte Kutz.

Die Sonne bringt es an den Tag." Das ist ein altes Sprüch- und Wahrwort, das seit der Zeit, da die Moment­photographie zum Sport, zum dilettantischen Zeitvertreib, zur Amateurkunst geworden ist, doppelte Geltung besitzt. Diese Apparate, welche mit unheimlicher Genauigkeit den Augenblick im Bilde sesthalten, sind für viele ihrer Besitzer eine Quelle jener reinen Freude, die aus der Liebe zu Gottes herrlicher Natur entspringt; interessante Veduten, schöne Gegenden, die vielleicht noch nie im Bilde wiedergegeben worden sind, werden für die nachgenießende Erinnerung verewigt und die Sammelmappe des fleißigen Amateur-Photographen ist oft eine anregende Ge­schichte seiner Erlebnisse, ein curriculum vitae in Bildern-

Aber, wie jede Vervollkommnung einer Erfindung, so hat auch die Momentphotographie manche mißbräuchliche An­wendung im Gefolge gehabt, und man erörtert erst vor kurzer Zeit im Kreise der berufenen Vertreter dieser modernen Kunst, fertigtet, welche Mittel wohl geeignet seien könnten, den Uebel- ständen vorzubeugen. , r . Y r r

Daß eine baldige Entscheidung in dieser Sache sehr wün- schenswerth wäre, beweist auch ein Vorfall, der dieser Tage bald zu einer kleinen ehelichen Tragödie geführt hätte.

Im Wiener Bezirk Mariahilf gehört der Kaufmann