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werden solle als Wahrzeichen für die Schiffer, die draußen auf der See waren.
seiner Liebe und Wonne zu einem schnellen, furchtbaren Ende zu bringen. Unwillkürlich preßten sich die Lippen des Pastors zusammen, ein Seufzer stieg aus seiner Brust empor, ein um gesprochenes Flehen für Die, welche vor seinen Augen zu Grunde gehen sollten! Aber es schien, als ob er vergeblich an die Pforte der Gnade pochte, denn schneller folgten die Butze auf einander, während der Donner mächtig tönend über dem Waffer rollte. Keiner der drei auf der Klippe Versammelten dachte noch an das schützende Obdach des Hauses. Das Fern« rohr abwechselnd an die Augen gedrückt, standen die Männer, während das Mädchen nur die emporgestreckte Hand als Schutz vor dieselben hielt und dann mit scharfem Blick noch mehr er- spähte, als die Andern zu thun vermochten. Sie sprachen nur kurze, abgebrochene Worte mit einander, welche nicht von den Empfindungen berichteten, die der Anblick in ihnen hervorrief, sondern nur sachlich und knapp sich mittheilten, was sie bemerkten. Es war ihnen bald klar, daß das kleine Fahrzeug sich dem Ufer näherte, aber daraus folgte eine Frage, die ste in bangem Herzen erwogen. Fesselte ein leeres, kieloben
und Meer und Donner, aber er sah, daß die Hand des Mannes freundlich einladend auf fein Haus wies. Doch er konnte sich noch nicht trennen, er schüttelte den Kopf, und obgleich jetzt die ersten Tropfen herabzufallen begannen, wendete er den Blick wieder dem Meere zu. Wie durch ihn ebenfalls dorthin ge- zogen, ließ auch der Fischer den seinen hinausschweifen und plötzlich fühlte der Pastor, wie die Hand, welche noch seinen Arm gefaßt hielt, eine unwillkürliche Bewegung machte, so daß er erstaunt auf den Alten sah. Aber dieser hielt seine Augen unverwandt auf eine Stelle gerichtet, auf welcher der andere, so aufmerksam er sie auch prüfte, nur dasselbe wahrnehmen konnte, was das ganze vor ihm liegende Meer bot: die wogende, schwankende Fluth der schaumgekrönten, sich überstürzenden Wellen. Doch immer hielt der Fischer seinen Blick fest auf den einen Punkt gerichtet, und als jetzt ein flammender Blitz i herabfuhr, war's dem Andern, als sehe er dort etwas, was vorhin nicht da war, einen kleinen dunkeln Gegenstand, und zusammenfahrend wendete er sich zu seinem Genoffen: „Was ist's?" Aber seine Stimme, so sehr er sie erhob, schien nicht zu befien Ohr gedrungen zu sein, denn der antwortete nichts, sondern kehrte sich sogar schnell ab und ging eiligen Schrittes | zum Hause hin. Dort sah ihn der Pastor die Thür öffnen
Es war ein heiser, schwüler Julinachmittag. Ein einziger Wanderer, der Pfarrer von Willnick, den ein Amtsgeschäft nach Crumbach geführt hatte, war den beschwerlichen Pfad zum Höwt emporgestiegen und stand, nachdem er den Fischer in seinem Hause begrüßt hatte, auf der höchsten Stelle der vom Wasser umrauschten Klippe, wo das Auge weit hinausschaut in die Ferne und nichts erblickt, als das weite, weite Meer. Ebenso wie auf den Spitzen der hochragenden Gebirge, so wird die Seele auch hier durchschauert von der großartigen Schönheit der Natur und ahnt die gewaltige Hand, welche die Erde aus dem Nichts hervorrief. In den erhabenen Anblick verloren, stand der Pfarrer noch immer, als schon die Sonne begann, sich dem Westen zuzuneigen, und blickte mit Augen, die das tiefe Versenken in das vor ihm liegende Bild spiegelten, in die Weite hinaus. Er hatte schon Stunden hier verweilt, und wenn er sich jetzt fragte, was er gesehen, so hätte er es nicht anzugeben vermocht, denn wenn das Schauspiel auch em anderes geworden war, leise und unmerklich waren die Veränderungen gewesen, die es umgestaltet hatten- , Zuerst hatte ihn der tiefblaue Himmel erfreut und die sanft wie Perlmutter . »»... -?•• m .■ ■.
schimmernde Woge, die leise und gemächlich zu dem steinigen und hinter der geschlossenen verschwinden, dann wandte er sich
Ufer heranspülte. Dann war am Horizont, dort, wo er sich von Neuem und mit verdoppeltem Interesse dem Meere zu.
auf das Wasser niederzusenken schien, eine Dunstschicht erschienen, Aber er konnte nicht das Geringste unterscheiden n ^
welche mehr und mehr die weite Ferne verhüllte. Sie hatte und Wallen, und da der Regen anfing, stärker zu werden, war
die Grenze zwischen Meer und Luft verwischt und war lang- er im Begriff, der vorhin ausgesprochenen Ausforderung d s
sam und stetig näher und näher gerückt. Leise hatte sich der Fischers nachzukommen und den Schutz desHausesaufzusuchen
Wind erhoben, noch war er als sanftes Lüftchen daher gekom- als er diesen wieder an seiner Seite bemerkte und zwar war
men, aber er hatte schon die Kämme der Wellen geschwellt, er nicht allein zurückgekehr , eine i»nge'
wie sie mit lauterem Rauschen an den Strand schlugen. Dann stand neben ihm- Sie hatte zum Schutz gegen den Regen em
hatte er an Kraft gewonnen und damit zugleich hatte der leichtes Tuch um das volle, blonde Haar geschlungen, mit dessen
dunstige Horizont sich geändert. Umrisse von Wolkenbtldern einzeln daraus hervorquellenden Löckchen der Wind em scherz,
waren an ihm hervorgetreten, und während sich auf den Wogen Haftes Spiel trieb, und folgte mit den Augen derRchtung,
weiße Schaumkronen zu bilden begannen, fuhr der Wind leb- m welche der ausgestreckte Finger ihres Vaters deutete, eine
Hafter daher. Höher stiegen die Wolken; sie hatten die Sonne, kurze Zeit nur, dann nickte bedeutungsvoll^mit einem er-
die leuchtend am westlichen Himmel stand, erreicht und ver- schreckten Ausdruck in dem.frischen- Antlitz. Mit lauter und dunkelten den milden, freundlichen Schein. Drohend erhoben doch wunderbar weicher Stimme sprach ste eimge Worte zu
sie sich in scharf gethürmten, massiven Formen, blauschwarz in ihrem Begleiter, welcher inzwischen ein Fernrohr Mer Ar
der Masse, die Ränder hell und in fahlem Grau. Ueber die hervorgezogen hatte und es seinen Augen paßlrch machte. Sie Meeresfläche kam es auf unsichtbaren Schwingen. Hochauf wandte sich hierauf zu dem Geistlichen. „Ein Boot Herr richtete sich die Welle, als ob sie kämpfend der feindlichen Kraft Pastor, sehen Sie s? Er hatte siestrotzder> sie umgebenden Widerstand bieten wolle, aber sie mußte bald die trotzige Stirn Lärms verstanden, aber ein Herz neiaeii. wahr anzunehmen, was seine Augen ihm «och nicht bekundeten.
Weißer Schaum bedeckte das gesenkte Haupt und wie ein So wartete er denn mit Spannung, bis der Fische sein Glas langer Schleier zog er hinter der Welle her, sie verhüllend und sinken ließ und streckte seine Hand danach aus. Ja, M a r bedeckend, als sie klein und demüthig geworden, den Weg fort- As an das Auge gesetzt hatte, stand eööor ihm.wasdes fetzte. Aber noch einmal raffte sie sich empor. Ungestümes Mädchens scharfes Gesicht ohne solche^ Beihilfe erspäht hat , Schwellen hob ihren Busen, von Neuem wollte sie den Kampf das schwankende, auf und nieder Elende Fahrzeug in Mitt beqinnen, doch der unerbittliche Gegner ließ sie nicht zur Ent- der empörten Wellen. Dort war es, et e» tartliy, bort faltung ihrer Stärke kommen, er trieb sie vor sich her ihrem kämpfte ein Menschenleben oder vielleicht gar *te mit bem Untergange zu, mit klagendem Wehruf brach sie sich an bett Tode, der in furchtbarer, gewaltiger Ges alt neben hm stand, Steinen der Küste, hoch auf spritzte der Gischt, die letzten bereit, die Hand auszustrecken und das frohe Dastin mit all Tropfen verrannen, als sie vergehend dahinsank. Und höher 1 f' “"k stiegen die Wolken empor, dunkle Schatten breiteten sich über Land und Meer, und dann zog plötzlich ein Leuchten, ein fahles Aufflammen schnell und vorübergehend hindurch.
Der Mann, welcher auf der Höhe der Klippe stand, hatte bett Hut abgenommen und hielt ihn in ber Hand. Der Wind trieb bas schlichte Haar, bas an bett Schläfen einen merklichen Schimmer von Grau zeigte, aus ber Stirn zurück, er bemerkte es nicht; feine ganze Seele war in bas Anschauen bes vor ihm liegenben Bilbes versenkt. Und immer höher stiegen die Wolken. Blitze flammten von einer Seite zur andern ober zuckten herab unb erleuchteten für wenige Augenblicke bas Dinkel btt, wo Luft unb Meer ineinander zu fließen schienen. Jetzt rollte ber erste Donner, lang verhallenb über bie Wasser- wüste, unb wie durch eine plötzliche Berührung aufgeschreckt, wandte der Pastor schnell sein Haupt zur Seite. Er hatte sich nicht geirrt, der alte Fischer stand neben ihm. „Es thut nicht gut, Herr Pastor, draußen zu sein bei solchem Sturm. Kommen Sie —" Das Uebrige verschlang der Lärm von Wind


