Unterhaltungsblatt jum Gi«h«n«v Anzsigev (Geneval-Anzeigev)
1883
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Dienstag, den 29. August.
Das Erbe.
Preisgekrönte Erzählung von Si. Blankenburg.
(Nachdruck verboten.)
I.
Von dem Crumbacher Höwt, einer der am meisten in die See hinausgeschobenen Spitzen der an Buchten und Vorsprüngen so reichen Insel Rügen, hat man eine herrliche Aussicht air da« die Küste in weitem Bogen umfassende Meer. Die mit Kiefernwald bestandene Düne fällt hier so steil zum Strande ab, daß der oben Stehende den schmalen Streifen Vorland nicht erkennen kann, welcher ihren Fuß umgibt, und so den Eindruck gewinnt, als spüle die wogende, rauschende Fluth un» Ä?lbar an die hochaufsteigende Wand. Das ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Große und kleine Steine, theils von der Natur neben» und übereinander geschoben, theils von Menschenhand zu einer Art von Mauer errichtet, schützen das Land und die Einfahrt für die Boote, die bei ruhigem Wetter hier einhufen können und unbesorgt von den Fischern an den Strand gezogen und verankert werden. Bei bewegtem Wafler ziehen sie allerdings vor, nicht unter dem Höwt zu landen, sondern dort, wo der Weg vom Dorfe über die Dünen führt und wo ein breiteres Vorland ihnen erlaubt, die Fahrzeuge der unmittelbaren Nachbarschaft des immer zu Uebergriffen bereiten Elementes zu entziehen.
In der Einbuchtung jenseits des Waldes, der die in meh» reren Reihen die Küste entlang laufenden Höhen schmückt und nicht nur Kiefern, sondern dem Lande zu auch stattliche Buchen und Elchen enthält, liegt der kleine Strandort. Jetzt, wo ihn der Strom der Touristen und Badegäste entdeckt hat, wachsen jährlich Hotels und Villen aus der Erde hervor, aber früher bestand er aus lauter einfachen Häusern, deren kleine Vorgärten auf die ungepflasterte Dorfstraße führten. Tief über die nied- rigen Fenster, selbst auf der Giebelseite, hingen die strohgedeckten Dächer, auf denen Moos und flechtenartige Pflanzen ein ge- deihlrches Dasein führten. Hier wohnten und wohnen noch heute die Fischer, deren wetterharte Gesichter mit den festen, energischen Zügen der Bevölkerung einen eigenartigen Character verleihen. Etwas größer und behaglicher, wenn auch noch immer bescheiden, sind die Heimstätten, welche sich die Bauern errichtet haben. Auf ihren erbgeseffenen, freien Höfen, welche durch die größeren Stallungen wie durch die umschließende Mauer mit der Einfahrt leicht kenntlich sind, führen sie ein nicht weniger arbeitssames Leben, als ihre Nachbarn. Und doch ist es ein anderes. Sie bilden gewissermaßen den Adel
der Bevölkerung als Leute, welche nicht von der Hand in den Mund leben, sondern die Grundlage de» gesicherten Besitzthums Denen gegenüber vertreten, deren einziges Eigenthum das schwankende Boot auf dem Wasser ist, ein Bild des eigenen, von Gefahr und Sorge umgebenen Lebens. Um diesem Gegen- satz auch nach außen Rechnung zu tragen, lieben sie es, wenn Umstände sie veranlassen, einen Neubau der Gehöfte vorzunehmen, diese mitten in die Felder zu legen, die ihre gesicherte Lebenslage vor Aller Augen kenntlich machen. So sieht man, wenn man zum Waldrand emporgestiegen ist, zwischen Crumbach und dem Pfarrdorf Willnick verschiedene Ansiedelungen liegen und die größte von ihnen, Grashagen, ist dem lederen Orte schon ziemlich nahe, wenn sie auch eigentlich zum ersteren gehört. Sie muß schon seit längerer Zeit den Wohnsitz einer angesehenen Familie bilden, das zeigt das ganze Aussehen des freundlichen Gutes, die gepflegten Felder, der große Garten mit den prächtigen, alten Bäumen, aus denen das weiße Haus mit dem rotheu Ziegeldach hervorsieht. Es war nicht zu ver- wunder», wenn Grashagen zu der Zeit, wo nur wenige bescheidene Badegäste, denen es auf gute Luft und billige Preise ankam, das kleine Crumbach, das nichts an sonstigen Veranü- gungen bot, aufsuchten, ein beliebter Aufenthalt für die heißen Sommernachmittage war. Es saß sich dort so ruhig nach einem behaglichen Spaziergang durch trockene Sandwege oder an den Wiesen entlang, wo Feldblumen in bunter Fülle an den Rändern der Gräben wuchsen, und die freundlich gebotene Erquickung war auch nicht zu verachten.
Ganz anders verhielt es sich mit einem andern Punkt in der Umgebung von Crumbach, den die Handbücher über Rügen als besonders beachtenswerth bezeichnen. Dorthin führte kein bequemer Weg. Wenn man den über die Düne zum Wasser hinabführenden verließ, mußte man auf schmalem Pfade oder über unebene Stufen tüchtig steigen, ehe man das Höwt er« reichte, und um den etwas besseren von Willnick zu gewinnen, war ein bedeutender Umweg nicht zu vermeiden. Außerdem rot das Haus auf der Höhe nur den Menschen, welche genügsam genug waren, um mit Brod und Wasser vorlieb zu neh- men, einen Imbiß. Sonst war es freundlich, und da es nicht ;anz am vorderen Rand der Klippe lag, dem hier immer entlang streichenden Winde nicht ausgesetzt. Ein von der See zurückgekehrter Schiffer hatte es erbaut, weil er sich nicht von hrem Anblick trennen konnte und sie täglich und stündlich in edem Wechsel ihrer Laune vor Augen zu haben wünschte. Bei einem Tode hinterließ er es seinem Pathenkinde, der Tochter )es Fischers Locke, nur mit einem ausgesprochenen Wunsche, daß an jedem Abend mit dem Hereinbrechen der Dämmerung ein Licht in das Hochliegende Fenster des Oberstocks gestellt


