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1893.
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Samstag, den 29. April.
Liebe um Liebe.
Novelle von Carl Cassau.
Nachdruck verboten.
I.
E« war ein sternheller Winterabend. Der Schnee knarrte unter den Sohlen der auf den Straßen dahin eilenden Fuß- qänger, denn eine scharfe Kälte hatte längere Zeit die Herrschaft behauptet, weshalb es auch auf „dem Ring" der Kaiserstadt trotz der noch nicht weit vorgeschrittenen Stunde verhält- nißmäßig belebter war als sonst.
Rasch schritt auch ein Fußgänger daher, der sich in einen dichten Pelzmantel gehüllt hatte. Von dem bärtigen Antlitz sah man wenig, doch verrieth der glänzende Cylinderhut, daß sein Besitzer sich auf einem Gange zu irgend einer Abendgesell- schäft befand. Da fuhr im flackernden Lichte des großen Gaskandelabers rasch ein eleganter Wagen vorbei, in welchem außer dem Kutscher auch ein in Pelze gehüllter Herr saß.
Ein lauter Ausruf ertönte, der Wagen schoß noch eine Strecke weiter, der Insasse sprang heraus und stand vor dem vor Anstrengung keuchenden Fußgänger, der ihm entgegenrief: „Lothar, alter Junge, bist Du es oder ist es Dein Geist?"
„Ganz ich selbst, lieber Franz I" gab der aus dem Wagen Gesprungene zurück. „Hole mich um zwei Uhr ab, Karl; ich gehe den Rest des Weges mit meinem Freundei" rief er dann dem wartenden Kutscher zu und wandte sich nun wieder an den Freund: „Du willst in Gesellschaft gehen, Franz?"
„Allerdings! Und Du?"
„Ebenfalls!"
„Du machst Dich jetzt recht selten!" ,
„Ich fühle mich auf meinem Tusculum so wohl, daß ich die Stille da draußen mit dem Getriebe der Stadt nicht vertauschen mag!"
„Das glaube ich! Wer so mit einem „Arkadien in der Brandung der Revolution" eine halbe Million und mit den „Romellis" eine zweite halbe Million Gulden innerhalb eines Jahres verdient hat, kann sich wohl eine Villa leisten, Gespann, Dienerschaft und jeden Comsort des Lebens! Dein Name Doctor Lothar Hiller hat nun einmal Klang! Dagegen bleibt Dein armer Freund, Doctor Franz Löwe, immer noch ein armer Redacteur des Tageblatts mit zweitausend Gulden Jahres- gehalt. — Aber da ist das Restaurant Sterzinger. Laß uns eintreten in seine heiligen Hallen, um zur Erwärmung unseres inneren Menschen ein Glas Punsch zu uns zu nehmen; der Herr Winter führt ein abscheulich streng Regiment!'
„Ja, wir wollen auf einen Augenblick eintreten!" erwiderte Doctor Hiller. „Im Uebrigen, mein lieber Franz, stehen die Thore der Villa Hillershausen besonders für Dich gastlich offen. Du sollst sehen, daß ich mit meinen Freunden rechtschaffen theile!"
„Bin überzeugt, alter Knabe!" erwiderte Doctor Löwe.
Die Freunde traten jetzt in das reich decorirte Restaurant. Nachdem Doctor Löwe zwei Glas Punsch ä la Strauß bestellt, nahmen die beiden an einem kleinen Tischchen Platz. Doctor Lothar Hiller war eine hohe, stolze Gestalt. Sein Gesicht war von edlem, klassischem Schnitt und von einem langen, dunklen Barte umrahmt, mit welchem die Augen und das volle, dunkle Lockenhaar vorzüglich harmonirten. Doctor Franz Löwe war etwas kleiner von Figur als sein Nachbar, hatte blaue Augen, blondes Haar und einen blonden Voll- und Schnurrbart. Aus seinen mit einer Brille bewaffneten Augen sprachen Gutmüthig- feit und Witz zugleich. L , ,
„Was schreibst Du jetzt?" fragte der Redacteur nach enter Weile den Freund. „In einer Woche brauche ich für mein Feuilleton eine Novelle; am liebsten brächte ich etwas von Dir. Wir zahlen das Doppelte des früheren Honorars, denn Du hast wie gefügt als Schriftsteller einen berühmten Namen."
Lothar zuckte die Achseln und sagte: „Ich unterbreche mich bei meinen Arbeiten nicht gern. Mein Roman, „Das Labyrinth", nimmt mich vollständig in Anspruch."
„Ein vielversprechender Titel! Hast Du Deine Ariadne schon gefunden?"
„Ich denke!" c
„Und sie wird Dir den Faden reichen, der Dich aus dem Labyrinth führt?"
Ich hoffe!"
"Puh, wie zugeknöpft! - Ich will mittheilsamer sein. Ich bringe in diesen Tagen eine Geißelung der Börseniobberer. Weißt Du schon, daß infolge der Krise abermals zwei große Häuser gefallen sind, Röber und Bachmann, und Milowsky und Sohn?$^t roieber ^mmen, wie zur Zeit des großen
Illerdings! Prosit Lothar! — Wohin willst Du denn heute, wenn ich fragen darf?"
„Zu Eppingers!"
„Zu Eppingers? — Ha, ha, ha!
Doctor Löwe lachte laut auf. Gesprächig fuhr er dann fort: „Guter Junge, eben dahin will ich ;a auch. Der Spaß ist köstlich! Und wir sitzen hier und verplaudern die Zeit."
Sie tranken nun rasch die Gläser au«, schlugen die Pelz-


