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geschehen pflegt, so lange nicht der Ernst des Lebens mit energischem Mahnen an sie herantritt, welche die Phantasie ihnen vorschweben ließ, denn sie waren ja Beide arm an irdischen Gütern, aber im Vertrauen auf Gott sahen sie mit frohen Hoffnungen den kommenden Zeiten entgegen.
Vor einigen Wochen nun hatte das Geschäft, in welchem Josef angestellt, plötzlich seine Zahlungen eingestellt und er war dadurch seiner Stellung verlustig gegangen. Er war dies ein harter Schlag für ihn, aber er hatte den Muth nicht sinken laffen und im Vertrauen auf seine Fähigkeit hoffte er, das Verlorene bald wieder zu erringen — doch hatte er sich getäuscht- Ueberall hatte man ihn bei seinen Versuchen um Erlangung einer Stellung mit Achselzucken abgewiesen und nur leere Versprechungen für ihn gehabt.
Seit einigen Tagen war Josef, der sonst regelmäßig seine täglichen Besuche eingehalten, nicht mehr gekommen und Valerie fürchtete deshalb schon, daß ihm irgend ein Unglück zugestoßen oder er sich aus Verzweiflung gar ein Leids angethan. Wie sollte sie sich denn sonst sein Außenbleiben erklären? — Mußte er, der sonst Niemand auf dieser weiten Welt besaß, nicht bei ihr sich Trost holen und seinen Kummer zu vergeffen suchen?
Solche Gedanken waren es, die das junge Mädchen unaufhörlich quälten und ihr die Ruhe und den Frieden ihrer Seele raubten; sie konnte es gar nicht fassen, daß der schönste Traum ihres Lebens mit einem Male von einem widrigen Geschick zerstört und das empfundene Glück in namenloses Elend umgewandelt worden sein sollte. Die letzten Tage schienen, ihr eine unendliche Zeit des Fürchtens, Zweifelns und dann auch wieder bangen Hoffens, und selbst die tröstenden, liebevollen Worte ihrer Mutter vermochten sie nicht aufzurichten und ihren Schmerz zu lindern.--
Abermals ließ sie jetzt die feinen weißen Hände, in denen sie eine halbfertige Stickerei hielt, müde in den Schooß sinken und schaute thränenumflorten Blickes auf die Straße hinab, wo nur einzelne Fußgänger sich bewegten und bei jeder neuen Gestalt, die plötzlich um die Biegung der Ecke auftauchte, glaubte sie den Geliebten zu erkennen.
Plötzlich stieß sie einen leichten Schrei aus, öffnete blitzschnell das Fenster, wodurch ein scharfer Luftzug einen eisigen Hauch hereinströmen ließ, daß die alte Matrone im Lehnsessel am Ofen erschrocken aufblickte und der laute Ruf „Josef" entrang sich den Lippen Valeriens, die gleich darauf das Fenster wieder hastig schloß; dann eilte sie aus ihre Mutter zu, schlang die Arme um ihren Nacken und legte die thränenfeuchte Wange an deren von Kummer und Sorgen gefurchtes Antlitz.
„Galt Josef dieser Ruf?" fragte nach einer kleinen Weile die alte Frau, indem sie sich sanft aus den Armen der Tochter zu befreien suchte-
„Ach, liebe Mutter, ich glaubte Josef erkannt zu haben; es war ganz seine Gestalt, sein Gang und sein Ansehen, aber ich habe mich getäuscht — es war ein Anderer und dieser Fremde hat meinen Ruf gehört, ich fürchte darum, daß —"
Sie hielt erschrocken inne, denn es wurden jetzt deutlich feste Männerschritte in dem schmalen dunkeln Gange, der zu dem Wohngemach führte, hörbar. Angstvoll richtete Valerie ihre Blicke auf die Thür, die sich gleich darauf nach einem lauten Anklopfen öffnete, und im Rahmen derselben erschien eine hohe, kräftige Männergestalt, die trotz der einfachen, bürgerlichen Kleidung einen vornehmen Eindruck machte, während das freundliche Antlitz mit den gutmüthig blinzelnden Augen etwas ungemein Biederes, Vertrauenerweckendes an sich hatte. Der Fremde blieb einen Augenblick wortlos auf der Schwelle der Thür stehen und ließ seinen Blick forschend durch das zwar ärmlich ausgestattete, aber freundliche Gemach gleiten, bis er schließlich mit sichtlichem Wohlgefallen auf dem jungen Mädchen haften blieb, die gleich wie ihre Mutter wortlos den Eingetretenen anstarrte, der jetzt mit einem feinen Lächeln sich den Beiden näherte und an Valerie wandte.
„Ohne Zweifel haben Sie sich in meiner Person geirrt,
mein liebes Fräulein, obschon ich den Ruf als für mich geltend angenommen, da ich ebenfalls Josef heiße."
„Mein Gott, ich war der Meinung, Sie seien —" Weiter kam Valerie nicht, die offenbare Verwirrung, in der sie sich befand, ließ ihr die weiteren Worte auf den Lippen ersterben.
Der Fremde, welcher wohl einsehen mochte, daß sein Erscheinen nicht wenig Bestürzung hervorgerufen und von der Schönheit des jungen Mädchens, die durch die zarte Röthe, welche die Verlegenheit auf ihrem Antlitze hervorgerufen und die verweinten Äugen nicht beeinträchtigt wurde, gerührt war, ergriff vertraulich Valeriens Hand und sagte theilnehmend: „Seien Sie unbesorgt, gern verzeihe ich Ihnen den kleinen Jrrthum, wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken und die Ursache dieser Verwechselung erzählen wollen, vielleicht kann ich Ihnen nach irgend einer Seite hin behiflich sein-"
Valerie schlug die großen braune» Augen zu dem Fremden auf, dessen freundliche Worte ihrem bekümmerten Herzen ungemein wohlthaten; es war nicht bloß Neugierde, sondern wirkliche Theilnahme, welche in denselben lag. Aber wer mochte dieser Fremde nur sein? Weiter drängte sich ihr unwillkürlich die Frage auf, ob sie demselben, da er noch dazu unter so eigenthümlichen Umständen hier eingedrungen, ihr Leid mittheilen und ihn so in ihre Verhältnisse einweihen sollte-
Erst als ihr der fremde Herr nochmals mit freundlichen Worten zuredete, faßte Valerie Vertrauen und erzählte ihm ihre Lebens- und Leidensgeschichte und die Ursache ihres Kummers in den letzten Tagen, ohne daß er sie unterbrach und nur zuweilen leise mit dem Kopfe nickte, während ihr die Thränen in den Augen standen und sie nur mühsam ein gewaltsames Hervorbrechen derselben verhindern konnte-
Als sie geendet, war der Fremde sichtlich gerührt von den einfachen, wahrheitsgetreuen Worten des bekümmerten Mädchens und suchte sie zu trösten, indem er sie ermahnte, die Hoffnung nicht aufzugeben, da sich ja doch noch Alles zum Guten wenden könne und gab ihr schließlich die Versicherung, er werde selbst nach dem Verbleibe Josef Piroths forschen und ihr hierüber baldigst Nachricht zukommen laffen. Dann verabschiedete er sich mit höflichem Gruße von Valerie und deren Mutter, ohne indeß seinen Namen genannt zu haben---
Es war am Tage vor dem Christfeste, am heiligen Abend. In einem kleinen Mansardenstübchen eines hohen stattlichen Gebäudes der Metropole Wiens, dessen zwei kleine Fenster infolge der draußen herrschenden Kälte seltsame Gebilde und Figuren „Eisblumen" bedeckten, während das in dem Kamine nothdürftig brennende Feuer vergebens versuchte, Herr der in dem kleinen Raume herrschenden Kälte zu werden und Josef Piroth, in dessen Gemache wir uns befinden, rieb sich öftere die von Frost erstarrten Hände und ein tiefer gepreßter Seufzer entrang sich zuweilen seiner Brust.
„O Gott, warum muß denn mich immer das Schicksal mit solch' grausamer Härte verfolgen," murmelten jetzt seine Lippen halblaut und ein bitterer Zug prägte sich auf den sonst schönen und männlichen Zügen aus.
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
Der ehrliche Name. Richter: „Sie haben eine ganze Anzahl Leute unter falschem Namen beschwindelt!" — Angeklagter: „Nun, soll ich vielleicht meinen ehrlichen Namen bei so etwas hergeben?"
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Zweideutig. Gymnasialprofeffor: „Sie, Müller, gestern sah ich Sie mit einem Fräulein gehen." — Schüler: „Das war meine Cousine!" — „Ja, ja! Eine „Cousine" mit „Gänsefüßchen"!
Redactiou: A. Schepda. — Druck und Verlag der Brtthl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


