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----— (Nachdruck verboten.)
Es war einige Tage vor dem Weihnachtsfeste, an einem schönen Decembertage; die Sonne schien so warm und einladend auf die fußhoch mit Schnee bedeckte Erde herab und verleitete dadurch Manchen, der sonst wohl keine Veranlassung dazu hatte, den Aufenthalt in einem wohldurchwärmten behaglichen Ge- mache mit demjenigen im Freien zu vertauschen, in warme Kleider gehüllt, sich auf die Straße zu wagen.
In dem kleinen Giebelstübchen einer hohen, dichtbewohnten Hauses in einer stillen Straße der Wiener Vorstadt, das trotz seines einfachen Meublements, welches sich auf das Nothwen- digste beschränkte, infolge der Sauberkeit und peinlichen Ordnung, die darin herrschte, einen wohlthuenden Eindruck machte, saß am Fenster ein junges Mädchen und blickte hinter den fadenscheinigen, aber schneeweißen Gardinen hinunter auf die Straße, wo einzelne Fußgänger oder ab und zu ein einzelnes Gefährt sich bewegten. Im alten wackligen Lehnstuhle am Kamin, in dem Helles Feuer lustig knisterte und wohlthuende Wärme verbreitete, faß eine alte Matrone, das Haupt über ein Gebetbuch geneigt.
Die in dem Gemach herrschende Stille wurde nur zuweilen durch einen leisen, schluchzenden Ton des jungen Mädchens unterbrochen, dessen regelmäßige Gesichtszüge trotz der vermein- ten Augen die Spuren ungewöhnlicher Schönheit zeigten. Der auf dem Gesichte zum Ausdruck kommende melancholische ernste Zug mußte auf den ersten Blick fesseln und man konnte das Mnge Mädchen trotz der einfachen, fast ärmlichen Kleidung eine Schönheit nennen — ein Veilchen, welches im Verborgenen blühte.
Es war eine glückliche Zeit, welche die beiden jungen Leute von diesem Tage an verlebten; mit Sehnsucht sah Valerie jedesmal der Stunde entgegen, zu welcher Josef sie in seiner freien Zeit zu besuchen pflegte und in Gegenwart ihrer Mutter mAr . „n f m u . । schmiedeten sie Pläne für die Zukunft. Freilich waren es nur
Valerie Wendt, so war der Name des Mädchens, hatte I goldene Luftschlösser gewesen, wie das bei Liebenden so oft zu
Als Johanna geendet hatte, trat er dann ganz leise ein. „Johanna!" rief Bornstetten. Er lag plötzlich vor ihr auf den Knieen und barg das Gesicht in ihrem Schooß. „Sagen Sie ein Wort, ein einziges, sagen Sie, daß Sie mir verzeihen, daß Sre mir Ihre Freundschaft auch ferner schenken wollen."
„Stehen Sie auf, Herr von Bornstetten, ich bitte Sie, wenn Helene käme!" rief Johanna erschreckt.
„Erst Ihre Verzeihung! Mag Helene kommen, mag sie er wissen, ich — ich — o, Johanna!" Bornstetten stöhnte tief auf.
„Anter dem Ghristöaum."
Weihnachts-Erzählung von Gustav Lange.
einst in ihrer Jugend bessere Tage verlebt, so lange ihr Vater ÄnMHHener Kaufmann, noch am Leben war, als aber dieser Aann gezeigt, daß er in den letzten Jahren in seinen geschäftlichen Unternehmungen vom Unglück verfolgt gewesen, da trat ein völliger Umschwung in den bis dahm glücklichen Verhältnissen der Familie Wendt, die aus Mutter und Tochter bestand, ein. Von dem einstigen Reich, q r ¥5 ihnen nichts, nicht einmal so viel, um das nackte ?U fÖn"x unb die bitterste Roth begann sich be- rerts fühlbar zu machen, als Valerie, die damals achtzehn te'- Qlk starb, auf den Gedanken kam,
durch Stickerei und weibliche Handarbeiten die Mittel zu ihrem und ihrer Mutter ferneren Unterhalt zu erwerben; da sie be- reit« m den Tagen ihrer Wohlhabenheit sich darin einige Fähigkeiten angeeignet und entschiedenes Talent besaß, so siel
Da legte sie wie beschwichtigend ihre sanfte, schlanke Hand auf das lockige Haupt des wankelmüthigen Mannes und sagte: „Ich verachte Sie nicht, Curt, es hat wohl so kommen müssen; Helene ist so schön, so liebenswerth, und sie gleicht Ihrer verstorbenen Braut. Ich aber bin . . ." - wiv tiH
sckim-^Eom'int st°ckte jetzt Johannas Stimme, sie athmete I ihr'dies "nicht" schwer' 'HE, sie wollte etwas sagen, was nicht über ihre Zunge wurde es ihr möglich, Abnehmer für ihre Arbeiten ru finden
wollte. Ihre Brust keuchte einige Sekunden und angstvoll und war der Verdienst anfangs auch nur gering so reichte er
stf an, indem er ein verdammendes Urtheil doch hin, sie und ihre Mutter vor der g äußersten Roth zu
L?"/?^rbbfürchtete. schützen und sie begannen sich bereits mit ihrem herben Schick!
Aber auf einmal fand Johanna ihre Fassung wieder, sie I sale auszusöhnen.
? freundlich und sagte sanft zu Bornstetten: I Zwei Jahre waren so verstossen; Valerie batte durch Ver, Ihnen von Herzen und wünsche, daß Sie mit I Mittelung einer einflußreichen Gönnerin das Glück gehabt an Schwester glücklich werden. Ich weiß es, wo allein ich I ein großes Wiener Confectionshaus ihre Arbeiten abliefern zu iuJu$e” habe, fuhr sie mit erhobener Stimme können und dadurch einen besseren Verdienst als bisher zu er« Ämei6 e8/ und ihre Augen leuchteten begeistert auf. zielen. Hierbei traf es sich nun, daß sie mit einem Anaestell- r'.®/. ^""st' .roenrn ,roir uns ihr mit voller Seele hingeben, I ten des Hauses, einem hübschen, bescheidenen jungen Manne bietetzwar kein so bezauberndes, aber schließlich ein dauerndes Josef Piroth mit Namen, öfters geschäftlich in Berührung kam' auch ? emSiebe/ ^mal mir meine Kunst der durch sein bescheidenes, schlichtes Wesen und dadurch, daß
auch gestattet, Großmuth und Barmherzigkeit zu üben." er ihr viel anders, als die meisten jungen Leute des Geschäfts »nb st? eVn9eI!" erwiderte Bornstetten entgegenkam, die durch seichte Witze und zudringliche Liebens-
SÄ Ä 6? zu küssen. Würdigkeiten bei ihrer Anwesenheit in dem Geschäft die Gunst
Johanna wehrte sanft ab und verließ das Zimmer, des schönen Mädchens zu erringen suchten, sich in Valeriens iTpSLn11fKn ^e*6e"b uoch ein wenig im Garten Vertrauen zu setzen wußte. In ungeschminkter Wahrheit er- zu ergehen und mit ihren Gedanken ganz allein zu sein. zählte sie ihm ihre Famtlienverhältnisse und wie sie durch ihrer (Schluß folgt.) eigenen Hände Arbeit sich und ihre Mutter ernähren müsse.
Jose Piroth war nach diesem Geständniß sehr ernst, fast nieder- geschlagen geworden, aber nicht Enttäuschung war es, wie sie später wohl erfahren, sondern der Gedanke an seine gleiche ckI' . berreE befand und die ihn in Valerie eine Leidensgefährtin erblicken ließ. Es waren einige Tage vergangen, seitdem Valerie Josef Piroth in ihre Verhältnisse eingeweiht, als dieser ganz unverhofft in ihrer Wohnung erschien und ihr unumwunden das Geständniß seiner Liebe machte. Valerie war im ersten Augenblick überrascht, denn wenn der junge Mann auch von Anfang an einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, so hätte sie doch niemals dem Gedanken in ihrem Innersten Raum zu geben gewagt, daß Josef Piroth ihr gegenüber ein anderes Gefühl, als das der Freundschaft oder des Mitleids hegen könne, denn sie war ja nur ein armes Mädchen, das einem Manne, der doch andere Ansprüche an das Leben stellte, nichts zu bieten vermochte. Unumwunden erklärte ihm Valerie ihre Bedenken, aber Josef Piroth ließ sich dadurch nicht abweisen und ferne Gründe wirkten so überzeugend, daß Valerie nicht länger zu widerstehen vermochte und auch ihm nun ihrerseits gestand, daß er ihr seit der ersten Begegnung nicht gleichgiltig gewesen und sie ihn viel lieber gehabt, als alle anderen Men- schen, mit denen sie zusammenkam, weil er immer so lieb und freundlich gegen sie gewesen.
Heller Jubel entrang sich der Brust des jungen Mannes, als er aus dem Munde des jungen Mädchens dieses Geständniß vernahm, und trotz der Anwesenheit der Mutter schloß er sie freudig in seine Arme und schwur hoch und heilig, ihr diese schönste Stunde seines Lebens nie zu vergessen und nimmer von ihr zu lassen, was das Schicksal für sie auch im Gefolge haben möge.


