Ausgabe 
28.12.1893
 
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Eingabe, mir geschieht recht, daß ste mich nun verstößt, mich nicht mehr in ihrem Tempel duldet/

Wir wollen die Probe morgen fortsetzen," wandte sich der Capellmeister jetzt an das übrige Theaterpersonal.

Schweigend entfernten sich die Künstler und Künstlerinnen, um draußen desto lebhafter ihre Vermuthung über den sonder­baren Vorgang auszutauschen.

Ich kann mir denken, was geschehen ist!" rief eine muntere kleine Liebhaberin.Natürlich ist eine Herzens­geschichte mit im Spiel; der schöne Lieutenant von Born- stetten wird wohl ernstlich müde geworden sein, die spärlichen Reize unserer Primadonna zu bewundern."

Selbstgefällig im Bewußtsein ihrer Unwiderstehlichkeit blickte die kleine Person um sich.Ich möchte nicht mit ihr tauschen und wenn ihre Stimme noch viel schöner wäre."

Ich auch nicht I" rief eine andere Sängerin mit schmach­tendem Augenaufschlag.

Die Herren lachten und der erste Tenorist erklärte neckend der eitlen kleinen Liebhaberin, daß bei ihr die Schminke auch immer erst das Beste thun müffe, das Tageslicht sei durchaus nicht vortheilhaft für ihr Gesicht."

Ein giftiger Blick der kleinen Dame traf für diese Schänd­lichkeit den Tenoristen und da» Künstlervölkchen trennte sich lachend.

Johanna und der Capellmeister waren allein in dem Theater, das die Orchestermitglieder jetzt auch verlassen hatten, zurückgeblieben.

Die junge Sängerin hatte sich auf einen Sessel geworfen und starrte mit irren Blicken herunter in den öden Raum, aus welchem ihr sonst ein begeistertes Publikum entgegen ge­jauchzt.

In Liebe und Leid, in allen Stadien der Leidenschaften hatte sie hier von diesen Brettern herunter ihre Stimme er­klingen lassen, und nun, wo das Schicksal in ihr eigen Sein so erschütternd eingegriffen hatte, da versagte ihr die Stimme, da verließ ste die Kunst, welche Anderen in solcher Lage zur Trösterin wurde.

Ich ahne Alles, Johanna," sagte mit herzlicher Theil- nähme der Capellmeister jetzt, indem er zu ihr herantrat,aber daß das Unglück Sie so tief treffen würde, hätte ich nicht er­wartet. Derartige Erregungen, getäuschte Liebe und dergleichen, bringt doch jedes Menschenleben mit sich, aber wem das Götter­geschenk die wahre Kunst gegeben, der sollte nicht verzweifeln, meine ich. Sie sind trotz der bitteren Enttäuschung ein bevor­zugtes Menschenkind, Johanna, und können in der Ausübung Ihrer edlen Kunst mit den Auszeichnungen, die für Sie nicht ausbleiben werden, und, wenn Sie wollen, auch noch in den Werken der Großmuth und Nächstenliebe Ihr Glück finden. Aber singen müssen Sie wieder, Johanna I Es wäre ja ewig schade um Ihre herrliche Stimme."

Wie soll ich singen, während da» Herz mir stillstehen möchte!" rief Johanna.Da kann man nicht singen."

Sie können es wohl! Das erst ist die wahre Macht und Größe der Kunst, daß sie uns zu erheben vermag über das Elend und die Enttäuschungen. Glauben Sie denn, den großen Künstlern aller Zeiten hätte das Schicksal nur Rosen auf den Lebenspfad gestreut, und ste wären nicht auch wie andere Men­schen durch die Schule des Leiden» gegangen? Die härtesten Schicksalsschläge zeitigten oft die schönsten Blüthen."

So sprach der wackere Capellmeister überzeugungsvoll und wie begeistert.

In Johannas Blicken leuchtete es verständnißvoll auf bei diesen Worten ihres verehrten Lehrers und Freundes.

Noch verstehe ich Sie nicht ganz, aber ich ahne den Weg, den ich zu gehen habe," sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln.

Der Capellmeister Braun hatte sich an das Clavier gesetzt und intonirte jetzt das berühmte Gebet der Elisabeth aus dem Tannhäuser.

Da sprang die junge Sängerin bei diesen wohlbekannten Klängen wie neu belebt auf, es war ihr, als ergösse sich plötz­lich ein neuer Lebensstrom durch ihre Adern; und mit voller

Stimme begann sie das herrliche Lied mit einer wunderbaren Innigkeit zu fingen.

Dem Capellmeister traten di« Thränen in die Augen, so hinreißend, so ergreifend hatte Johanna noch nie gesungen. 6» war, als ob fie all' ihr Herzeleid in diesen Tönen wollte aus­klingen lassen.

Die Künstlerin hatte sich wieder gefunden in ihrer Kunst und die Musen führten ihren Liebling weit herauf zu jenen Höhen, wo das Mtagsgeräusch der Welt nicht mehr hindringt; und nun erst, als ste durch die Kunst ihr Leid überwunden, hatte ste die volle Weihe derselben empfangen.

In gehobener Stimmung verließ fie an der Seite de« Capellmeister» das Theater. Auf der Straße begegnete ihnen das Brautpaar; Helene hatte es nicht erwarten können, sich den neugierigen Augen der Residenzbewohner mit ihrem statt­lichen Verlobten zu präsentiren.

Sie hatte dann auch die Genugthuung, daß fie das größte Aufsehen erregte und aus allen Fenstern neugierige und er­staunte Gefichter hinter ihnen herstarrten.

Dem feinfühlenden Bornstetten war diese Situation sehr unbehaglich, und als nun Johanna mit dem Capellmeister ihnen entgegentrat, erhöhte sich sein Mißbehagen noch bedeutend. Ver­wirrt blickte er auf Johanna, die durchaus nicht bleich und verlegen vor ihm stand, sondern au» deren Augen ein erhabe­nes Glück und eine stille Zufriedenheit strahlten. Selbst Jo­hannas Wangen waren rosig angehaucht und sie sah jetzt gar nicht häßlich aus, als ihr freundlicher, herzgewinnender Blick demjenigen Bornstettens begegnete.

Sie hätten nach der Probe kommen sollen," sagte der Capellmeister, nachdem er dem Brautpaar gratulirt.Fräulein Johanna hat heute gesungen wie ein Engel."

Das macht die Freude, daß die Kunst mich allein be­friedigt und glücklich macht und daß die Opernsaison nun bald wieder beginnt," sagte Johanna, auf des Capellmeister» jovialen Ton eingehend.Die rechte Lebenslust für uns weht doch allein dort in dem Musentempel."

Bornstetten biß sich auf die Lippen. Die junge Sängerin schien ja sehr schnell und vollständigen Trost für ihre unglück­liche Liebe in ihrer Kunst gefunden zu haben. Auch Helene war etwas frappirt, ihre kleine Seele vermochte es vollends nicht zu begreifen, wie Johanna heute schon so ruhig und ge­lassen ihnen gegenüber zu treten vermochte.

IX.

Am Abend dieses Tages saß Johanna allein im Wohn­zimmer am Flügel. Sie hatte oll' die Lieder gesungen, weiche sonst in seligen Stunden Bornstetten entzückt hatten und jetzt hielt sie da» Notenblatt in der Hand, welches er ihr damals bet seinem ersten Besuch gebracht.

Ihre Blicke starrten auf die traurigen Verse Lenaus:

Sahst Du ein Glück vorübergeh'n, Das nie sich roieberfinbet, Jst's gut, in einen Strom zu seh'n. Wo Alles rvogt unb schwinbet.

O, starre nur hinein, hinein. Du wirst es leichter missen, Was Dir, unb soll's Dein Liebste» fein, Vom Herzen warb gerissen.

Blick unverwanbt hinab zum Fluß, Bis Deine Thränen fallen.

Unb sieh', durch ihren sanften Guß Den Strom hinunter wallen.

Hinträumenb wirb Vergessenheit Die Herzenswunbe schließen. Die Seele sieht mit ihrem Leib Sich selbst vorüber stießen."

Leise hatte sie die Worte vor sich hingesprochen und be­gann nun das Lied zu singen ahnungslos, daß vor der Thür der Componist desselben lauschend stand, auf'« Tiefste erschüttert von ihrem seelenvollen Gesang. Den Kopf an den Thürpsosten gelehnt, ließ Bornstetten selbstvergessen Thräne auf Thräne die gebräunten Wangen herunterrollen.