Ausgabe 
28.11.1893
 
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lich schweigsam. Mit zerstreut in die Ferne schweifendem Blick hörte er der Unterhaltung des Grafen zu, der sprach, wie es ihm um das Herz war und sich von dem offenbaren Mangel an Interesse bei seinem Freunde tief verletzt fühlte.

Wir muffen fort," sagte dieser endlich, nach der Uhr sehend,komm', Albert, Mama wird sich ängstigen wir sind fast drei Stunden fortgewesen."

Noch haben Sie mir den Namen meines kleinen Freundes nicht genannt," sagte Curt, indem er ungern des Kindes Aerm- chen von seinem Halse losmachte.

Er heißt Albert," lautete die Antwort,seine Mama ist eine liebe Freundin von meiner alten Mutter. Kommen Sie morgen und essen Sie bei.uns zu Mittag, wir wohnen noch in dem alten Haus auf der Elgersburg. Meine Multer wird sich freuen, Sie wiederzusehen Sie waren immer ihr besonderer Liebling."

Ich danke Ihnen sehr; aber ich bin nicht in der Stimm­ung, Besuche zu machen. Besser, Sie kommen zu mir. Meine Mutter und Melanie von Selten werden Sie herzlich will­kommen heißen."

Nein, nein," bat Baron Massol,mein kleiner Albert hier sei mein Fürsprecher; lassen Sie es dabei und kommen Sie morgen zu uns; vielleicht erlauben wir unserem kleinen Liebling dann auch einmal, daß er Sie besucht eine große Dunst versichere ich Ihnen. Was meinst Du, Albert? Soll dieser Herr morgen Mittag bei uns essen? '

Ach ja!" rief das Kind und klammerte sich fest an des rafen Hand.Ach ja, bitte, kommen Sie!"

Die liebliche Ktnderstimme siegte und lächelnd meinte der 's:Gut, ich werde kommen. Welche Zeit speisen Sie?"

Um vier Uhr," entgegnete Baron Massol,holen Sie n meiner Stadtwohnung Kronenstraße 17 ab, und hren zusammen hinaus zu meiner Mutter."

'1n Ihrer Stadtwohnung ?" fragte Graf Curt verwundert.

r Sie denn nicht mehr bei Ihrer Mutter?"

..wein," antwortete sein Freund, verlegen erröthend,meine ter hat Gäste im Haus und ich habe in der Stadt zu -an."

Darauf trennten sie sich.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Nach Hause zurückgekehrt, erzählte der Graf von seiner Begegnung mit seinem alten Freunde und dem schönen Knaben. Seine Mutter fand ihn heiterer, denn seit lange; seit Jahren, dachte sie, sei er nicht so froh gestimmt gewesen, wie jetzt, als er lächelnd beschrieb, wie zärtlich der Knabe sich an ihn geschmiegt habe. Jgre Augen füllten sich mit Thränen, als sie seinen Worten lauschte.

Wie dankbar bin ich für Alles, Kind, das sein Interesse erregt," sagte sie zu Melanie,aber das Herz blutet mir, wenn ich denke, daß er nie auf sein eigenes Kind herablächeln wird."

Hoffen wir das Beste," tröstete Melanie ihre Tante,die Zeit heilt viele Wunden. Folgt dem schweren Kummer nicht Freude, so doch wenigstens Friede."

Graf Curt konnte den Knaben nicht vergessen; den ganzen Tag schwebte ihm das liebliche Kindergestcht vor Augen, des Nachts sah er es im Traume; überall sah er die schönen, ver« trauenbltckenden Augen, die goldenen Locken und er mußte über seine eigene Thorheit lächeln.

Ich bin in das Kind verliebt," dachte er,wahrhaftig, ich habe wahre Sehnsucht nach dem Knaben."

Pünktlich fand er sich bei Baron Massol ein und fuhr mit diesem nach Elgersburg.

Es war eine herrliche Fahrt; kein Wölkchen war an dem tiefblauen Maihimmel zu entdecken, die Luft war balsamisch, Himmel und Erde schienen zu lächeln.

Die zwei Freunde sprachen nur wenig. Baron Massol schien in seine eigenen Gedanken versunken und Graf von Rod­deck träumte von jenem Maimorgen, wo er vor Jahren dem schönen, holden Wesen begegnet war, das nun für immer für ihn verloren schien.

Frau Baronin Massols Blick fiel auf ein trauriges Ge­sicht, als sie den alten Liebling ihres Hauses willkommen hieß.

Mein Sohn sagte mir scho.i, wie verändert Sie seien," sagte sie und streckte dem Grafen beide Hände entgegen.

Ich bin nicht auf Rosen gewandelt," erwiderte dieser ernst.

Die Baronin erkundigte sich lebhaft nach seiner Mutter und Melanie von Selten, sie fragte ihn nach Tausenderlei, und doch fiel Curt etwas Eigenthümliches in ihrem Wesen auf. Sie war gesprächiger, als er fie von früher her kannte und offenbar bemüht, daß die Unterhaltung keine Secunde in's Stocken kam- Es war eine wahre Erleichterung, als der Knabe herankam und direct auf den Grafen zulief.

Was war das? Warum füllten sich seine Augen mit Thränen, als die zarten Aermchen ihn umschlangen? Warum schien des Kindes liebliche Stimme ihm bis in's innerste Herz zu bringen und da längst versiegte und vertrocknete Quellen zu berühren?

Mein Sohn sagt mir, Sie hätten den Knaben wunder- bar lieb gewonnen," sagte die Baronin.Er ist aber auch ein prächtiger Bursche, den wir von ganzem Herzen lieb haben."

Nie zuvor habe ich ein Kind so lieb gehabt," entgegnete Graf Curt mit unsicherer Stimme,und bei meinem einsamen Leben wird mir auch nie wieder ein Kind so lieb werden."

Möchtest Du mit diesem Herrn gehen, Albert?" fragte die Baronin.

Ja," entgegnete der Knabe,aber ich kann nicht, ich kann doch Mama nicht verlassen."

Noch weiß ich den Namen meines kleinen Freundes nicht," sagte Curt,ich möchte mir ihn in aller Form vorstellen lassen und mir die Erlaubniß ausbitten, ihn einmal mit mir nehmen

zu dürfen-"

Ein seltsames Lächeln glitt über des Barons Züge.

Möchten Sie Alberts Mama kennen lernen und sie um die Erlaubniß bitten?" fragte die Baronin.

Gewiß, mit Vergnügen, wenn e» gestattet ist," entgegnete Curt.

Sie ist hier im Zimmer nebenan," sagte Jene mit vor Erregung bleichem Gesici t,bitte, treten Sie ein und tragen Sie der Dame Ihre Bitte selbst vor."

Wollen Sie mich nicht begleiten und mich der Dame vor­stellen?"

Nein, Graf, gehen Sie allein," mischte Baron Massol sich in das Gespräch.Albert wird Sie einsühren."

Da, wie Graf Curt auch aus seines Freundes Gesicht eine tiefe Bewegung wahrnahm, da ergriff ihn ein seltsames Zittern, eine unbestimmte Hoffnung regte sich in ihm. Er wollte reden und noch eine Frage thun, aber seine Lippen versagten

ihm den Dienst.

Albert," sagte der Baron,gehe mit diesem Herrn und sühre ihn zu Deiner Mama."

Das Kind ergriff des Grafen Hand und führte diesen an das anstoßende Boudoir. Wie von einem Traum umfangen, drückte dieser auf die Klinke, öffnete die Thüre und trat ein. Er sah ein kleines, trauliches Gemach mit duftenden Blumen und glänzendem Sonnenschein. Er sah o Gott! War es im Traume, war es in Wirklichkeit? er sah, wie sich bei seinem Eintritt ein goldener Kopf erhob, er sah ein^ Gesicht, so schön, so rein, so edel; er sah blaue Augen voll zitternde Lippen, die sich vergeblich bemühten, seinen stammeln; er sah zwei zarte, gefaltete Hände, wie er sie vor Jahren gesehen ein dichter Nebel schwamm ihm vor den Augen, ein Geräusch wie rauschendes Wasser erfüllte fein Ohr-

Eine zarte Kinderstimme brachte ihn zur Besinnung- Das ist Mama," sagte der Knabe, auf diese zueilend. Nein, es war kein Traum! Sie war es, sein Lieb­ling, seine Gattin, die ihn mit zärtlichen Armen umschlang und das schöne, von Thränen überströmte Antlitz au seiner Brust barg. Es war kein Traum, kein Trugbild nein, es war wahre köstliche Wirklichkeit! är

(Schluß folgt.) "