Ausgabe 
28.11.1893
 
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auf seinem schönen Gesicht, dem der Graf nicht widerstehen konnte; er bückte sich zu dem Knaben herab und hob ihn auf seine Kniee.

Du darfst mich nicht fortnehmen," sagte der Knabe in reizend kindlicher Weise,ich bin Mama ihr Kind."

Das will ich auch nicht," entgegnete Curt ernst,Du sollst nur eine Minute hier bleiben, ich will Dir auch meine Uhr zeigen."

Das Kind war von der glitzernden Uhr und Kette entzückt.

Willst Du mir das schenken?" fragte es.

Wir wollen sehen," versetzte der Graf,erst sage mir, wie Du heißt."

Albert," sagte der Kleine.

Albert und wie weiter."

Mamas Albert," antwortete das Kind und hob dabei seine schönen Augen zu dem traurigen Gesicht des Grafen auf.

Dieser Blick berührte Curt seltsam; Augen wie diese mußte er schon einmal im Traum gesehen haben.

Er beugte sich zu dem Knaben herab, küßte das kleine Gesicht und strich liebkosend über die goldenen Haare.

Ich wünschte, ich hätte auch so einen kleinen Knaben, wie Du," sagte er dann zu dem Kind,ich habe keinen kleinen Sohn."

Und ich habe keinen Papa," erwiderte der Kleine schnell.

Albert," rief da eine dem Grafen wohlbekannte Stimme, Albert, wo bist Du?"

Ihr Knabe ist sicher bei mir," gab Curt höflich zur Antwort.

Ich fürchte, er belästigt Sie. Ah, Graf Noddeck! Sie hier ist's möglich?"

Baron Mafsol!" rief der Graf, freudig überrascht auf­springend.Ich wähnte Sie in Paris!"

Ich bin auch erst vorige Woche heimgekehrt," entgegnete dieser.

Wie lange waren Sie fort?"

Drei Jahre," war die kurze Antwort, und Curt wun­derte sich über das veränderte Wesen seines Freundes.

Wie freue ich mich, Sie zu sehen," fuhr er fort und streckte Baron Mafsol wieder die Hand entgegen, zu seinem höchsten Erstaunen that dieser, als bemerkte er sie nicht-

Ist das Ihr Söhnchen?" fragte Curt.

Nein," gab der Andere zur Antwort, während ihm die Röihe in das Gesicht stieg,ich bin noch unverheirathet und werde in meinen Jahren mich auch nicht mehr zu einer Heirath entschließen."

Noch nie habe ich ein reizenderes Kind gesehen," fuhr der Graf fort,ich kann mich noch gar nicht wieder von ihm trennen."

Baron Masiol machte eine ängstliche, unruhige Bewegung.

Wem gehört der Knabe?" fragte Jener weiter-Ich bin ganz entzückt von ihm um des Kindes willen möchte ich seine Eltern kennen lernen."

Baron Masiol gab keine Antwort und es trat eine pein­liche Pause ein.

Masiol," sagte Curt endlich,ich verstehe Sie nicht! Vor drei Jahren schieden wir als die besten Freunde jetzt ver­weigern Sie mir die Hand. Sie sehen mich verlegen an; kaum, daß Sie meine Fragen beantworten. Was hat Sie so ver- ä i Oder hätte ich Sie irgendwie beleidigt?"

*:S)u schaute ihn der Baron mit einem tieftraurigen Aus­druck in seinen ehrlichen Augen an.

Das bedarf wohl keiner Erklärung," erwiderte er kurz.

O doch! Gewiß!" sagte Curt erstaunt.Ich habe Sie immer lieb gehabt, Masiol, und war stolz, Sie meinen Freund nennen zu dürfen. Was habe ich gethan, daß Sie mir jetzt offenbar zürnen?"

Sagt Ihnen das nicht Ihr eigenes Gewisien?" fragte Baron Masiol ernst.

Mein Gewissen?" rief Curt, auf's Höchste erstaunt.Nein, allerdings nicht h verstehe Sie weniger denn je! Ich bin unglücklich vielleicht der unglücklichste Mensch unter der Sonne, aber mein Gewissen ist rein."

Ich habe kein Recht, zu reden," antwortete Baron Maffol kurz,komm', Albert," wandte er sich dann zu dem Knaben, es ist Zeit, nach Hause zu gehen."

Aber das Kind schlang beide Arme um den Grafen.

Der Herr gefällt mir," sagte es,ich will hier bleiben."

Da ward des Barons Gesicht seltsam blaß und in stummer Verwunderung sah Gras Curt, wie seine Lippen vor innerer Erregung bebten.

Was ist Ihnen, alter Freund?" fragte er.Welches Gespenst hat sich zwischen uns gestellt?"

Da wandte Baron Maffol sich ihm voll zu und mit einem festen Blick in des einstigen Freundes veränderte, verhärmte Züge sprach er:Sie haben Recht ich wollte Ihre Hand nicht berühren, wollte nicht mit Ihnen reden, da Sie es aber wünschen, so sei es denn. Antworten Sie mir, Graf von Rod­deck: Was haben Sie Ihrer Gattin gechan?"

Curt schrak heftig zusammen und sah seinen Freund in höchster Verwunderung an. Diese Frage schmerzte ihn tief.

Meine Gattin?" wiederholte er mit bleichen, bebenden Lippen.Mein Leben gäbe ich dafür hin, wenn ich wüßte, wo sie ist. Wie gerne wollte ich sterben, wenn ich sie noch einmal, nur ein einziges Mal sehen könnte!"

Aber Sie haben sie doch von sich geschickt!" sagte Baron Maffol, nun seinerseits erstaunt.

Nun und nimmermehr!" fiel Curt ihm heftig in's Wort. Gott allein weiß, was ihre Flucht mich gekostet hat! Wer hat Ihnen eine so grausame Geschichte erzählt, Maffol und wie konnten Sie so etwas von mir glauben?"

Gleichviel, wer es mir sagte, wenn es nicht wahr ist," sagte der Baron;nie habe ich eine Frau gesehen, die so rein, so schön, so edel war, wie Ihre Gattin! Was sie nicht ändern konnte ihre üble Abkunst das hätten Sie übersehen sollen!"

Aber als sie mich verließ, wußte ich ja kein Wort da­von," sprach Curt traurig,meine Liebe zu ihr würde mehr, weit mehr übersehen haben."

Sie wußten nichts davon?" wiederholte der Baron, kaum seinen Ohren trauend.Warum schickten Sie sie dann fort?"

Das that ich ja nicht," entgegnete Curt;ihre Fluch« war mir ein Räthsel, bis ich am Sterbelager ihres Vaters stand erst da ward mir Alles klar."

Der Baron sah den Grafen auf's Höchste bestürzt an.

Ich weiß nicht, was Sie gchöit haben," fuhr der Graf mit weicher Stimme fort-Ich verzeihe Ihnen Ihre Worte; soll ich Ihnen erzählen, was Wenige reiften wie ich meine Gattin verlor?"

Er erzählte seine traurige Geschichte.

Ich habe ein ganzes Vermögen für Aufrufe in allen nur existirenden Zeitungen ausgegeben," sagte er,in ganz Deutsch­land ist nach ihr gesucht worden, aber vergebens- Ich weiß nicht, ob sie lebt ober tobt ist, nur das weiß ich: lebend ober tobt bleibe ich ihr treu keine Andere soll je ihre Stelle einnehmen. Mit Freuden gäbe ich Alles hin, wenn ich sie noch einmal sehen könnte. Das Ganze war ein Mißverständniß, ein furchtbares Mißverständniß! Ich war eifersüchtig und erregt, aber ich habe bitter, bitter dafür gelitten. Gott schütze einen Jeden vor einem solchen Schicksal."

Sonderbar, sonderbar!" faßte Baron Maffol sinnend.

Weniger sonderbar als traurig," antwortete Curt.Ach, Mafsol, wie konnten Sie mich nur für fähig halten, daß ich meine Gattin fortschickte, weil ihr Vater nicht das war, was er hätte sein sollen? Ich hätte sie darum nur um so mehr geliebt. Als ich sie heirathete, wußte ich nichts von ihrer Familie, noch kümmerte es mich, welcher Abkunft sie war. Wie konnten Sie glauben, daß ich sie in der Stunde, wo Schmerz und Kummer über sie kam, forttreiben würde?"

Noch lange saßen die beiden Freunde plaudernd beisammen, ohne der schnell dahinstießenden Zeit zu achten.

Graf Curt fand seinen Freund, selbst nachdem er ihm Alles erklärt hatte, ausfallend zurückhaltend. Wohl reichte er Curt die Hand und bat ihn wegen seines ungerechten, unbegrün­deten Verdachts um Verzeihung, dann aber war er eigenthüm-