Ausgabe 
28.11.1893
 
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Unteichaltriiigsblatt zunr Gietzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeigev)

Nr. 140.

1893

W

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Dienstag, den 28. November.

Herzenskämpfe.

Roman von Theodor Schmidt.

(Fortsetzung.)

Auch auf Melanie lasteten viele Sorgen. Vor drei Jahren hatte sie Herbert versprochen, die Seine zu werden, sobald die Wolke von dem Roddeck'schen Hause gewichen sein würde. Sie hatte gelernt, ihn innig zu lieben, er war ihr jetzt theurer als Curt je gewesen, sie sah sein bekümmertes, resignirtes Gesicht, sie fühlte, daß die erste Pflicht sie zu ihm rief, und doch war es ganz unmöglich, jetzt ihre Tante zu verlaffen.

In tiefes Sinnen versunken, saß Melanie von Selten in ihrem Zimmer; dann stand sie auf, trat an ihren Schreibtisch und schrieb an ihren Vetter Curt- Sie schrieb ihm von Her­berts Liebe, von ihrer Verlobung mit ihm und wie unmöglich es ihr sei, des Geliebten Gattin zu werden, bevor er heim­gekehrt sei zu seiner vereinsamten Mutter.

Verzeih', daß ich Dich daran erinnere," schrieb sie,aber es gab einst eine Zeit, wo ich Dir zu Liebe' meine Hoff­nung, in diesem Leben je glücklich zu werden, zum Opfer brachte; ich verlange jetzt nur wenig dafür: ich bitte Dich, kehre heim; Deine Mutter verlangt nach ihrem Sohn, Deine Diener und Angestellte verlangen nach ihrem Herrn und, Curt, Herbert verlangt nach mir."

Dieser Bitte kann er nicht widerstehen," sprach sie lächelnd zu sich;den Gedanken, unserm Glück im Wege zu stehen, wird er nicht dulden, und die Mutter bekommt ihren Sohn zurück."

Und Melanie hatte Recht, Curt konnte ihrer Bitte nicht widerstehen; in der Erinnerung, was sie ihm einst gethan, mußte er ihr jetzt das Opfer bringen; und seine Mutter war ganz außer sich vor Freude, als ihr Sohn seine baldige Rück» kehr verkündete.

Als er heimkehrte, waren die Gräfin und Melanie be­troffen von seinem Aussehen. Er sah nicht mehr krank aus, aber auf seinem Gesicht lag eine Schwermuth, die seinen inneren Kummer mehr verrieth, als alle Worte es vermocht hätten.

Erst als sie sich am Abend für die Nacht trennten, er- wähnte die Gräfin wieder Marthas Namen.

Still, Mutter," entgegnete er in tieflraurigem Tone, sprich nicht von ihr. Wenn sie noch am Leben wäre, hätte ich sie finden müffen; ich glaube sicher, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber sprich nicht von ihr ich kann es ' noch nicht ertragen." I

Curt nahm seine Pflichten wieder auf, er versäumte, ver­nachlässigte nichts; aber die Gräfin seufzte, wenn sie lange nach Mitternacht an seiner Zimmerthür vorüberging und noch Licht drinnen sah; und sie seufzte, wenn sie ihn in früher Morgen­stunde unablässig in feinem Zimmer auf- und abgehen hörte.

Sie meinte, die Thätigkeit, der er sich wieder widmete, sei zu viel für ihn, und machte ihm darum den Vorschlag, sie wollten sich wieder auf einige Zeit nach der Residenz begeben. Curt war einverstanden damit, denn ihm, dem Unglücklichen, war Alles gleich, hatte er doch keinen anderen Gedanken, als an die Geliebte, die er verloren hatte.

Achtundzwanzigstes Capitel.

Eines Tages es war Ende Mai, an einem Morgen, an dem Alles frisches, neues Leben athmete machte Graf Curt einen Spaziergang in dem öffentlichen Park, der in dieser frühen Morgenstunde weniger von der eleganten Welt, als von Bonnen und Wärterinnen mit ihren Zöglingen und Pfleglingen besucht war. Leichte Kinderfüße trippelten hin und her, frische Stimmen und silberhelles Lachen erfüllten die klare Frühlings- lüft; es war so nett, die Kleinen bei ihren Spielen zu be­obachten.

Graf Curt ließ sich auf eine der Gartenbänke nieder und schaute mit traurig-ernstem Lächeln dem Treiben der Kinder zu; der Anblick dieser frohen Kinderschaar that seinem Herzen unsagbar weh. Kein Kind kleiterte auf seine Kniee, kein Kind nannte ihn Vater, keine zarte Kinderhand liebkoste die seine, keine rothen Kinderlippen berührten fein Gesicht. Er würde in seinem Hause nie den Klang frischer Kinderstimmen hören!

Einsam, traurig und verlaffen saß er da im Hellen Sonnen­schein und fragte sich, warum das Schicksal hart gegen ihn gewesen. Einem Jeden schien Leben und Liebe, Schönheit und Glück zugefallen zu sein, nur ihm war alle Hoffnung genommen! An einem eben solchen Morgen war es, als er die geliebte, verlorene Gattin zum ersten Male in den Bergsdorfer Wäldern gesehen hatte.

In diesem Augenblicke zog ein auffallend schöner Knabe des Grafen Aufmerkfamkeit auf sich, ein Knabe von anscheinend drei bis vier Jahren mit einem Gesicht, wie die alten Meister es sich als Modell für ihre Engel wählten rothe, lächelnde Lippen, dunkelblaue Augen, den Kopf voll üppig blonder Locken, und lange, goldene Wimpern, die im Sonnenscheine glänzten.

Graf Curt blickte mit wahrhafter Bewunderung auf den kleinen, stolzen Knaben, der eifrig mit Blumenpflücken beschäf­tigt war. Dicht an der Bank neben dem Grafen blühte eine große blaue Glockenblume, der Knabe sah sie und kam herbei- gesprungen, sie zu pflücken; dabei lag ein fo reizendes Lächeln