Ausgabe 
28.10.1893
 
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sämmtliche Hindernisse weiter. Neugierig spähte ich ihin nach. Als er bei der Stewardeß angelangt war, hielt er inne, rich­tete sich etwas empor und legte dann sein schweres Haupt ver­trauensvoll auf die Schulter des apathischen Fräuleins, das keine Regung machte, die sonderbare Bürde abzuwehren. Nun, ich ließ ihn ruhig an seinem Platz, zumal mir im Grunde ge­nommen Alles, was mit mir, meinem Mantel und meinen Mit­menschen noch geschehen konnte, gleichgiltig geworden war. Selbst mein Heroismus für Minnie begann zu verdämmern und darauf passtrte mir das Beste, was mir pafsiren konnte: ich schlief ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, schien die ganze Welt ein einziger, grauenhafter Katzenjammer zu sein. Das Kajütenlicht brannte noch wie eine ewige Lampe, trotzdem der Tag das Schlachtfeld bereits verdrießlich beleuchtete. Um mich her dieselbe Scenerie wie in der Nacht und wahrhaftig! Dort schimmerte auch noch das Kopftuch der Schwedin in der Ecke und traulich daneben wirrte sich der aus dem Staub­mantel lugende Haarbusch meines Asmus- Etwas stumpfsinnig stierte ich noch hinüber, als ein Kammervorhang zurückschlug und ein weißes Näschen hervorlugte, welches einige Secunden witternd so verharrte, um dann mit einer gewissen Plötzlichkeit gleich wieder zu verschwinden. Unmittelbar darauf kroch aus der nächsten K immer eine übernächtige, kleine Gestalt heraus. Es war Herr Sasse aus Hamburg. Als er bei der friedlichen Gruppe am Fußboden anlangte, stutzte er sichtlich, setzte seine Brille auf und schien darnach mit einer Gebärde der Entrüstung seinen Weg fortzusetzen.

Nun erhob auch ich mich und zog als ähnliche, wenn auch längere Jammergestalt meines Wegs in's Freie.

Asmus, Du! Aufstehen! Hier sitzt Du ja scheußlich un­bequem!" Asmus rührte sich nicht, obschon ich ihn bedeutend schüttelte. Dafür erwachte die Stewardeß. Sich aufrichtend, starrte sie mich verstört an. Dann bemerkte sie den süß schlummernden Karl. Einen leisen Schrei ausstoßend, sprang sie empor und flüchtete, ihr Kopftuch zurücklassend, in die Speisekammer. Der Stütze beraubt, neigte sich Karl tief seit­wärts. In dieser Stellung verließ ich ihn, um auf dem win­digen Verdecke mit Hilfe einer in der Küche erbetenen Blech­schale anspruchslos Toilette zu machen.

Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Das dem Menschengeschlechts grollende Kattegat lag hinter uns und vor uns der Schärengürtel, der den Hafen von Gothenburg beschützt.

Die Sonne schien. Die See spielte wie ein Kind. Alles, was bisher spurlos von Bord derCeres" verschwunden schien, tauchte wieder hervor: Herr und Fräulein Sasse, mein Freund Asmus und ich selbst, Ingo Döderlein, mich den Genesung spendenden Fesseln einer zweiten Schlafperiode entreißend. Es war herrlich! Sogar die Studenten saßen wieder bei ihrem Skat.

Natürlich war kein Mensch seekrank gewesen. Jeder hätte eher zugegeben, schon einmal im Zuchthause gesessen zu haben, als diese Niederlage. Besonders Asmus wollte von nichts wissen. Allerdings besaß er von seinem Abenteuer mit der Stewardeß keine Spur von Erinnerung. Dafür schien der alte Herr Sasse eine solche zu bewahren. Dieser geschätzte Herr nahm mich abermals vertrauensvoll auf die Seite, zeigte mit dem Damen verstohlen nach meinem Busenfreund hinüber, indem er mir zuraunte:Don Juan, schrecklicher Don Juan!"

Ich zuckte die Achseln. Asmus war erkannt. Wozu ihn vertheidigen? Wenn er auch im Banne der Seekrankheit auf die Stewardeß zurollte, war dies doch infolge eines dämonischen Zuges geschehen; sonst hätte er ja ebensogut bei dem Clavier liegen bleiben können.

Vielleicht war dieses vielsagende Achselzucken nicht ganz freundlich. Wenigstens empfand ich so in meinem Gewissen, als mir von Seiten Fräulein Minnies, der ich mich theilneh- mend behufs Erkundigung nach ihrem Wohlbefinden genaht hatte, ein sehr übler Empfang bescheert wurde.

Ein kurzer Dank, ein niederschmetternder Blick aus den !

blauen Augen und dann wandte sie sich ihrein Nachsteller As­mus zu.

Wie undankbar! War ich in der Nacht doch in erster Linie, um die eventuelle Rettung dieses jungen Mädchens be- werkstelltgen zu können, in die scheußliche Kajüte hinabgestiegen!

Vergebens zerbrach ich mir den Kopf, weshalb ich Un- fchuldswurm so plötzlich Fräulein Minnies tiefste Ungnade auf mich geladen hatte? Ich stand vor einem Räthfel und zwar vor einem für mich äußerst peinlichen! Dieses Räthsel mußte unbedingt aufgeklärt, es mußte eine offene Aussprache herbei­geführt werden.

Jndeffen jeder Annäherungsversuch an das verletzte Fräu- lein mißlang. Mein Jammer glich nicht den fröhlichen Farben der Holzhäuser, an denen wir vorüber glitten, sondern den nackten, grauen Klippen, auf denen jene verstreut lagen. Ein­sam sah ich die vielen Handelsschiffe, die Holzlagerstätten an mir vorbeiziehen, einsam erblickte ich die mit Dampfern be­setzten Quais und die geschlossenen Steinhäuserreihen und Thürme der Stadt dahinter. Wir waren in Gothenburg im fernen Schweden angelangt. Doch ich fühlte mich einsam, unerhört einsam!

Meine verehrten Landsleute in Tuttlingen, wenn Sie wissen wollen, wie ein ideales Frühstück schmeckt, dann gehen Sie in'sHotel Christiana" nach Gothenburg. Ich lasse sonst nichts auf dmgoldenen Löwen" kommen, allein so etwas Voll­kommenes an Lachs, Hummern, Krabben, Krebsen u. s. w. bietet er doch nicht im Entferntesten.

Der Preis warphänomenal" billig, wie Freund Karl behauptete, der prahlerisch für mich die Zeche mit beglich und dem Kellner ein Trinkgeld gab, als ob die imaginäre Mineral­wasserfabrik Tuttlingen ihm im laufenden Jahre 75 Procent Reingewinn eingetragen habe.

Dieser sichtliche Reichthum hinderte indeffen den alten Sasse nicht, Asmus genau so schlecht zu behandeln, wie Minnie es mir gegenüber machte. Zwar war er nicht stumm wie diese, sondern er nahm einfach nur von Asmus völliger Jnteressen- losigkeit an der Zusammensetzung vpn Amylen, Propylen, Bu­tylen und ähnlichem Zeugs absolut keine Notiz. Sowie Asmus Fräulein Minnie etwas Schönes sagen wollte, hagelten gleich wieder eine Reihe unaussprechlicher chemischer Verbindungen dazwischen.

Zunächst beschlossen wir nun, die berühmten Trollhättanfälle in Augenschein zu nehmen. Dazu war eine mehrstündige, recht theuere Eisenbahnfahrt nöthig, die uns unter Bewunderung der durch Fels und Birken charakteristischen schwedischen Landschaft leidlich schnell vergingen. Unsere Erwartung war aufs höchste gespannt.

Auf ziemlich heißem Wege gelangten wir an die zum Theil von Brettermühlen und anderen Etablissements umgebenen Fälle.

Wie die Wasser lustig und gleichzeitig großartig über die Klippen dahergestürzt kamen! Dergleichen hatten wir alle noch nie zuvorgesehen. Sogar Karls Blicke wurden durch Wasserkaskaden zuweilen von Minnie abgelenkt.

Zwischen letzerer und mir hatte sich ein frostiger modus vivendi hergestellt. Ich rückte an sie heran, während wir auf den Felsen saßen, die vom schäumenden Gischt benetzt wurden. Der gesegnete Donner des tobenden Wassers ward zum Vermittler eines für dritte Ohren unvernehmbaren Zwie- gefprächs.

Fräulein Sasse, sind Sie mir böse?"

So hatte ich noch niemals zuvor zu einem weiblichen Wesen gesprochen. Meine Stimme vibrierte. Ich fühlte dies. Durch meine Bewegung schlug so etwas wie ein erstaunter Stolz über meine Leistung hindurch.

Das lustige Fräulein Minnie blieb ganz ernsthaft, ja sie erröthete sogar über und über, und während sie fassungslos auf die tanzenden Wassergebtlde starrte, erwiderte sie leise: Warum?"

Weil Sie nicht mehr mit mir reden, oder nur so kurz hin-"