Ausgabe 
28.10.1893
 
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189.3.

Nr. 127.

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Untevbaltungsblatt znm Gieszenev Anzeigsv (Genepal-Rnzetgep)

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Samstag, den 28. Oktober.

Mann hatte ohnehin das Irdische bald ausgenoffen. Was konnte er noch werden? Höchstens Schwiegervater eines soliden Hamburger Geschäftsmannes; und darauf vermochte ich wirk' ich keinen großen Werth zu legen. Das edle Gefühls Minnie in der Stunde der Gefahr nahe sein zu muffen, trieb mich in die Kajüte hinunter.O Wuz, Wuz, wie hast Du Dich verändert I" raunte es in meinem Innern- Einerlei! Ich mußte dennoch hinunter und außerdem war es kalt und wmdig oben, und eine eventuelle Stärkung durch Schlaf erschien durch- aus nothmendig, falls die Anstrengungen eines Schiffsbruchs unvermeidlich werden sollten. ,

Dort unten war es freilich fürchterlich. Zunächst stolperte ich bei der schwachen Beleuchtung über menschliche Gebeine. Dieselben gehörten einer der schwedischen Stewardeffen an, die ihr Lager direct auf dem Fußboden etablirt hatte. Das heißt in sitzender Stellung, mit dem Rücken gegen die Kajütenwand, Kopf und Arme auf einen eingekeilten Seffel gelegt. Vor» sichtig wankte ich an der schwedischen Jungfrau vorbei in s Kajütenrondel, wo ich mir 'ja meine Ruhestatt belegt gehabt hatte. Rechts und links lagen Leute, in denen ich die geknick­ten Reste der früheren unentwegten Skatspieler erkannte, und in der Nische über mir wälzte sich stöhnend Asmus, der theuerste meiner Jugendfreunde. Ich beschloß, ihn nicht zu stören, warf ihm, da er ohne jede Bedeckung war, mitleidig meinen grauen Staubmantel über und streckte mich still unterhalb seinem Schmerzenslager auf das meinige.

Ich schloß die Augen, unablässig in Gefahr, schwebend auf den Fußboden befördert zu werden; aus verschiedenen Gründen kein angenehmer Gedanke. Bald befanden sich meine oberen, bald die unteren Extremitäten höher, als der übrige Körper. DieCeres" krachte in allen Fugen ihrer Eingeweide, das Dröhnen der herumschlagenden Schraubenwells schlug jedes- mal schmerzhaft auf mein armes brausendes Hirn- Dazu ringsum ein Aechzen, gleich dem Ringen verdammter Seelen, und doch trotz allen diesen Tönen eine gewiffe furchtbare Stille, ein düsteres Todesschweigen, leichenhaft von verirrten Licht­strahlen der fernen Hängelampe durchzittert. So etwa mochte es in der Hölle hergehen. ..... .

Doch wenn man an den Teufel denkt, so kommt er.

In meinen Staubmantel gewickelt, fuhr er auf mich herab Das heißt, dieCeres" legte sich plötzlich derartig auf die Seite, daß mein lieber Asmus über seine! Schutzleiste weg. geschleudert wurde, auf mich wie em Mehlsack herniederfiel, um dann gegen das Clavier zu rollen. Ich behauptete ver­mittelst rasch eingestemmter Absätze mein Lager. Asmus aber schien an dem Rollen eitel Vergnügen zu finden, denn als die Ceres" sich nun wieder tief nach vorn neigte, kollerte er über

(Fortsetzung.)

Nachdem ich meine Haltung als homo sapiens einiger­maßen wieder erlangt hatte, starrte ich mit Grauen ob der Macht der entfeffelten Naturgewalt über die mächtige Ostsee. Aus dem Dunkel sah man ein Licht aufblitzen und wieder ver­schwinden. Wohl ein Leuchtfeuer. Holde Mutter Erde, , du warst also doch noch immer vorhanden I Dieses Bewußtsein schuf mir einen Hoffnungsschimmer. Was hätte ich jetzt darum gegeben, nur der Lampenputzer jenes Thurmes sein zu dürfen! Mir ward es nie klarer, als in diesem Augenblick, daß der Mensch für das Seefahren eigentlich nicht geschaffen ist. O, die guten Leute am Stammtisch im goldenen Löwen zu Tutt­lingen ahnten nicht, wie weise sie gehandelt, als sie daheim in dem niemals zu Luftsprüngen geneigten Schwabenländchen ver­harrten! . , , , ,.

DieCeres" hatte vorn ein Segel bergesetzt, welches sie besonders zu bedrücken schien- Sie schlug mit ihrem Haupt in die schwarzen Wogen, daß es krachte, und überschüttete sich dann mit fliegendem Schaum. Ihre Maschine quälte sich dabei zum Gotterbarmen. Wenn sie nun explodirte, was dann? Es be­fand sich nur ein einziger, gespensterhaft aussehender Mann auf der Commandobrücke- Wenn dieser einzige Mann sich nun irrte, was dann? Wie leicht konnten wir auf ein Riff gerathen und das Wasser war dunkel, kalt und vor Allem sehr tief- Scheußlicher Gedanke! Für Freund Karl und mich wäre die Katastrophe vielleicht die gerechte Strafe des Himmels für unseren frevelhasten Leichtsinn gewesen. Was aber hatte ein unschuldiges Wesen wie Fräulein Minnie vollbracht, um ein so grauenvolles Ende verdient zu haben? Merkwürdig, selbst in diesem Augenblick verzweifelter Vorstellungen mußte ich mich an Fräulein Minnie erinnern. Schlechterdings befand sie sich in den unteren Schiffsräumen an gefährdetster Stelle. Hilf­los, ohne Besinnung lag sie in ihrer Kammer eingeschlossen. Ich malte mir aus, wie Karl und ich sie retten könnten. Doch Karl auch? Nimmermehr! Ich wollte es allein, ganz allein thun, und wenn es nicht gelänge, allein mit ihr sterben. Mochte Karl sich dann retten, mochte er mit irgend einer anderen leben­digen Millionärstochter glücklich werden, nur nicht mit Minnie Und was sollte aus dem vermuthlich ebenso hilflosen, alten Herrn Sasse werden? Ich wollte es versuchen, auch ihn vor'm Untergange zu schützen. Wenn es aber nicht gelänge? Du lieber Gott, einmal müssen wir doch Alle sterben! Der alte

Eine verhängnißvolle Nordlandsfahrt.

Humoristische Novelle von Johannes Wilda.