Ausgabe 
28.9.1893
 
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seltsamsten, süßesten Reizes nicht entbehrt - an dem ich aber doch noch zu Grunde gehen werde."

Gleichsam schützend legte Rafaele den Arm um die Freun­din.Du erschreckst mich l Wie ist es möglich, sich so voll­ständig beherrschen zu lasten? ' sagte sie.

r ,rn ''Wer weiß? - Vielleicht erfährst Du es dereinst an Dir selbst," flüsterte Magda.

O nein! Nun und nimmermehr!" rief die schöne Blon­dine, den Kopf stolz zurückwerfend.Ehe ich einem Manne gestatte, solche Gewalt über mich zu erringen, eher fliehe ich bis an's Ende der Welt vor ihm. Schon der Gedanke an diese sclavische Unterwürfigkeit empört mich und macht mein Blut heiß aufwallen. Alles, was ich besitze, ja, mein Leben könnte ich vielleicht hinopfern, aber um meinen freien Willen würde ich kämpfen bis zum letzten Athemzug. Den soll und wird mir Niemand rauben! Nein, dieser Zauber, den Frank auf Dich, die Mutter und Andere ausübt, wird mir stets un­begreiflich sein. Ich leugne die fascinirende Kraft, die Ihr seinem Blick zuschreibt."

Sie besteht aber! Und doch sind sie nicht einmal schön, seine grauen, tiefliegenden Augen, denen die Macht, zu binden und zu lösen, verliehen ist. - Jndeß begreife ich, daß Du vor ih u zurückbebst. Du findest nur nicht den rechten Ausdruck für Das, was Du empfindest. Ich will versuchen, es Dir zu erklären. Seine Ueberlegenheit, die man anerkennen muß, mag man sich auch noch so sehr dagegen sträuben, das Bewußtsein, daß er weit über anderen Männern steht, sein imponirender Blick, der jedes Geheimniß, jeden Gedanken zu erforschen scheint das ist es, was einschüchtert, was befangen macht und oft einen gewissen Widerstand hervorrust. Man bemüht sich, den Zauberkreis, in dem man gefangen ist, gewaltsam zu durch­brechen aber vergebens und dieses Gefühl der Ohnmacht wirkt beklemmend, ja, es stachelt den Stolz auf. Wir beklagen, daß unsere Geistesschwingen zu schwach sind, um uns zu gleicher Höhe empor zu tragen."

Nein, Du hast meinen Worten eine völlig unzutreffende Auslegung gegeben," fiel Rafaele lebhaft ein.Ich sehe ihn mit ganz andern Augen an, als Du, und gestehe, daß ich keineswegs Empfindungen hege, wie die eben von Dir geschil­derten- Es ist etwas in seinem Wesen, was mir mißfällt und mich vor ihm warnt. Ich sagte es Dir bereits, als er mir zum ersten Male entgegen trat, und so wie damals denke ich auch heute noch. Vielleicht nennt man ihn einst unter den Be­rühmtheiten schon jetzt genießt er ja die ehrenvollste An­erkennung, aber wenn sich auch alle Welt bewundernd vor ihm beugt, die Abneigung, welche er mir einflößt, wird niemals schwinden. Der Vogel flattert ängstlich, wenn ein Gewitter im Anzug ist, jedes Thier kennt und flieht seinen Feind und auch in die menschliche Brust hat Gott ein Vorgefühl nahenden Unheils gelegt, ein ahnungsvolles Grauen, das deutlich sagt: Sei auf Deiner Hut! Dir droht Gefahr! Diese innere Stimme meine ich stets zu vernehmen, wenn Frank in meine Nähe kommt."

Magda bückte sich nach der zu Boden gefallenen weißen Rose, stellte sie in eine mit Wasser gefüllte Vase und zog die von den Fenstern herabwallenden Vorhänge fester zu. Das Alles that sie, um zu verbergen, daß Thränen an ihren Wim» pern glänzten. Es war ihr unbeschreiblich peinlich, in solcher Weise von dem hochverehrten Mann sprechen zu hören. Ohne wie sonst über Scherze und anmuthige Neckereien die späte Stunde zu vergessen, gingen die Mädchen zur Ruhe.

Unterdessen war Frank in P. angekommen und hatte zu Hause die Mutter noch seiner harrend gefunden, um ihm die angekommenen Briefe zu übergeben und einige Bestellungen ouszurichten. Während er erstere erbrach und durchsah, lehnte sie sich in den Stuhl zurück und heftete den durchdringenden Blick ihrer lebhaften, braunen Augen forschend auf ihn. Trotz ihrer Jahre war sie eine äußerst rüstige, thatkräftige Frau. Aus sehr guter, aber verarmter Familie stammend, hatte sie einem Beamten die Hand gereicht und gemeint, er würde Carriere machen. Nachdem diese Erwartung jedoch unerfüllt geblieben, hoffte sie durch Georg ihre ehrgeizigen Träume der-

i einst verwirklicht zu sehen. Früh verwittwet, war sie gezwungen gewesen, zu sparen, zu arbeiten und die größten Entbehrungen zu tragen, um ihm das kostspielige Studium zu ermöglichen. Jetzt war ja viel erreicht. Ec nahm eine geachtete und infolge seiner Landpraxis auch auskömmliche Stellung ein, befand sich aber dennoch, sowohl ihrer, als seiner eigenen Meinung nach, erst auf der untersten Stufe der Leiter, die er erklimmen wollte. Sie liebte den Sohn leidenschaftlich, schon deshalb, weil sein Character, wenigstens in den Grundzügen, dem ihren glich; was er wünschte und erstrebte, fand ein Echo in ihrer Brust und trotzdem meinte sie, sein Vertrauen nicht ausreichend, nicht unumschränkt zu besitzen Es gab Dinge, über die er sich niemals offen aussprach. Jedesmal, wenn er von Claus- witz zurückkam, sah sie ihn erwartungsvoll an, aber nicht wie Jemand, der einer freudigen Mittheilung harrt. Sie fürchtete eher eine unangenehme, ihre Pläne durchkreuzende.

(Fortsetzung folgt )

Eine Aosse aus dem Leöen.

Wenn im Theater ein auf Amors geheimen Pfaden wandelnder Held, wie z. B. der Monsieur Hannibal, um ernst­lich drohenden Gefahren zu entgehen, in einen Kasten sich ver- kriecht oder sich in einem Sauerkrautfaß in die Küche seiner Frau Liebsten transportiren läßt, so traut man dergleichen possenüblichen Spässen nicht recht, man meint, dergleichen komme in der Wirklichkeit nicht vor. Aber man lese nur folgende humoristische Begebenheit, die vor allen ähnlichen Anecdoten den Vorzug hat, nicht erfunden, sondern aus dem umfangreichen Material einer gerichtlichen Anklageschrift geschöpft zu sein, und man wird Ben Akibas bekannten Ausspruch wieder ein- mal bestätigt finden.

Herr Laurenz Vibiral, Privatbeamter in Wien, lebte mit seiner hübschen kleinen Frau in glücklichster Ehe. Der einzige Schatten, welcher über der sonnigen Häuslichkeit schwebte, waren die häufigen Besuche einer alten Erbtante, der Frau Sophie Meidinger, die mit der Tante Fränzchen aus der ,Heimath" sehr viel Aehnlichkeiten hatte, wenigstens titulirte sie Herr Vibiral nicht anders, wiedie alte Zange" oder deneng- tischen Senf". Machte nun Tante Sophie ihre Visite, so er- griff der junge Gatte schleunigst die Flucht und die junge Frau mußte der Tante Kopfschmerzen oder dringende Beschäftigung ihres Mannes vorlügen. Wie nun alte Tanten einmal sind, merkte Frau Sophie recht bald, wo der Hase im Pfeffer lag und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. So erschien sie denn vor einigen Tagen in aller Frühe bei dem Ehepaar. Herr Vibiral war noch bei der Toilette, als er den ihm be- kannten schrillen Ton der Klingel vernahm, an dem er die Tante sofort erkannte. Unglücklicher Weise führte man den Besuch in's Frühstückszimmer, wo bereits der Tisch gedeckt stand. Herr Vibiral hoffte, Tante Sophie würde sich bald entfernen und harrte mit Geduld hinter der Thür. Als sie aber immer länger blieb und Herr Vibiral immer größeren Appetit verspürte, beschloß er, sich mit List in den Besitz seines Frühstückes zu setzen. Er wollte sich an das Dienstmädchen wenden aber nein, seine Frau war ja eifersüchtig auf die hübsche Louise. Doch der Magen knurrte und knurrte lauter als die zarte Stimme des Gewissens.

Er schlich sich also über den Corribor in die Küche und flüsterte Louise zu:Rufen Sie gleich meine Frau unter einem Vorwande heraus, sagen Sie meinetwegen, das Gansel da ist gerupft und was nun damit geschehen soll, oder so was Der­gleichen." Das Mädchen folgte dem Befehl und alsbald hörte Herr Vibiral, wie die beiden Frauen auf den Corridor traten, die Tante aber, anstatt Abschied zu nehmen, mit neugieriger Theilnahme sagte:Also ein Gansel habt'« Ihr heut'? Das muß ich mir anschau'n, ob's etwa» auch so Heber is, wie dar meinige von voriger Woche."