Ausgabe 
28.9.1893
 
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Schlafen Sie?" fragte Frank.

Ja." Klang es traumhaft leise zurück.

Leeren Sie diesen Champagnerkelch I"

Sie führte das vorgetäuschte Glas an die Lippen, zwischen Hand und Mund einen Raum lassend, als ob sie in der That ein Glas hielte.

Sie werden jetzt die Augen aufmachen, eine weiße Rose pflücken und in dem Haar des Fräulein von Waldau befestigen, doch erst erwachen, wenn ich es Ihnen befehle und dann Alles, was Sie während Ihres Schlafes thaten, vergessen haben."

Magda öffnete die Lider, stand auf und schritt zu dem Rosenbäumchen. Ihre Bewegungen hatten etwas Automaten­hastes. Sie brach eine der köstlich duftenden, schneeigen Blüthen und schmückte damit die goldige Pracht, die sich schimmernd um die weiße Stirne der Freundin kräuselte.

Man folgte mit so gespannter Aufmerksamkeit dem Vor­gang, daß Niemand den heißen, leidenschaftlichen Blick bemerkte, den Frank auf die schöne Blondine heftete.

Der Befehl:Erwachen Sie!" löste endlich den Bann. Die Hypnotifirte erinnerte sich nur des Einschlafens; was während dieses Schlafes geschehen war, davon wußte sie nichts.

Sie scheint außerordentlich prädisponirt zu sein," flüsterte stud. med. Werner seinem Nachbar Erich v. Degenfeld zu. Man möchte meinen, sie wäre nicht zum ersten Mal in Hyp­nose versetzt."

Noch einige Zeit hindurch standen die Anwesenden unter jenem Zauber, den alles Uebersinnlichscheinende ausübt, wenn man auch weiß, daß es auf natürliche Ursachen zurückgesührt werden muß.

Ein stolzes und etwas geringschätzendes Lächeln gab dem strengen Antlitz des Arztes keinen freundlicheren Ausdruck, als er sich mit der Frage:Nun, halten Sie Fräulein von Boden­stein etwa für eine Simulantin?" an den Gerichtsrath Wer­necke wandte.

Davon kann natürlich keine Rede fein," erwiderte dieser. Ich sprach überhaupt nur im Allgemeinen und dann in mei­ner Eigenschaft als Gerichtsbeamter. Von der Behauptung, daß schon vielfache Täuschungen versucht wurden, kann ich nicht abgehen. Freilich mag auch bei manchen Personen sogar die Möglichkeit krimineller Suggestionen nicht ausgeschlossen sein, aber ich glaube, daß derartige Fälle nur höchst selten vorkom­men werden, weil der Hypnotiseur, wenn seine verbrecherische oder leichtsinnige Handlungsweise entdeckt würde, in argen Con- flict mit dem Strafgesetzbuch gerathen müßte."

Er zog die Uhr hervor und bemerkend, daß es bereits sehr spät geworden, verabschiedete er sich. Das war das Signal zu einem allgemeinen Aufbruch.

Als der letzte der Gäste den Wagen bestiegen hatte, wurde es ruhig und dunkel in ClauSwitz. Ein Licht nach dem andern erlosch, nur in dem Schlafzimmer der beiden Mädchen blieb es noch hell.

Seit Jahren schon betrachtete es Magda als ihr Recht, das Haar der Freundin zu lösen und in zwei dicke Zöpfe zu flechten. Wenn sie mit dem Elfenbeinkamm durch die leicht- gekräuselten Wellen fuhr, entstand jedesmal ein goldiges Ge­flimmer, wie wenn Schwäne über die sonnenglänzende Fluth ziehend, schimmernde Furchen hinterlassen.

Du bist ja so still," begann Fräulein v. Waldau endlich. Wahrscheinlich fühlst Du Dich ermüdet?"

Ein leises, melodisches Lachen widerlegte diese Vermuthung.

Müde? O nein! Ich weiß nicht, ob der Schlummer mir überhaupt in dieser Nacht nahen wird," erwiderte Magda. Weißt Du, es war köstlich, wie Frank den Zweifler mit den Waffen der Wissenschaft bekämpfte und ich freue mich, ja, ich bin stolz darauf, daß ich, wenn auch unbewußt, ihm zu diesem geistigen Siege verhalf."

Das feine blasse Gesicht erglühte im schönsten Rosenroth und aus den dunklen Augen sprühte leidenschaftliches, aber dennoch sanft verschleiertes Feuer.

Rafaele bemerkte jedoch mit dem Tone nicht zu verkennen­den Unmuths:Ich begreife Deine uud der Mutter fast blinde Vorliebe für diesen Mann nicht."

Und ich finde Deine Abneigung unerklärlich."

Niemand ist Herr seiner Empfindungen. Man kann sie wohl, wenn es sein muß, verbergen, aber nicht besiegen. Ost fühlt man sich zu dem Einen unwiderstehlich hingezogen und von dem Andern abgestoßen, ohne daß man in beiden Fällen zu erklären vermöchte, warum."

Aber einer durchaus grundlosen Abneigung, deren Un­gerechtigkeit zweifellos ist, sollte man nicht nachgeben."

Die Blondine zuckte die vollen, weißen Schultern, von welchen der mit kostbaren Stickereien fast überladene Frisir- mantel glitt.

Ich habe nie die Nothwendigkeit eingesehen, Krieg mit meinen Ansichten zu führen. Wer sich durch mein Betragen verletzt fühlt, mag mich eines Besseren überzeugen oder mir fern bleiben," sagte sie.Und was ist es denn eigentlich, was Dich so unwiderstehlich fesselt?"

Ein träumerisches Lächeln spielte um die Lippen des Mäd­chens.Ich muß es wohl Dankbarkeit nennen," erwiderte sie. Vergißt Du denn, daß ich am Rande des Grabes stand? Ich glaubte sterben zu müssen und fürchtete mich so sehr vor dem Tode. Duft, Wärme, Sonnengold strömten in mein Stübchen. Akazien und Rosen blühten, summende Bienen, schillernde Schmetterlinge schwebten an dem Fenster vorüber, hinter welchem ich matt und erschöpft lag. Das Herz der Natur pulsirte in kräftigen Schlägen und das meine drohte stille zu stehen. Da haderte ich mit Gott. Ich wollte nicht fort von der schönen, wunderbaren Welt, nicht hinab in die kalte, finstere Gruft. Es waren keine frommen, demüthigen Gebete, die ich empor sandte. Ich konnte mich dem Willen der Vorsehung nicht unterwerfen und flehte nur immer mit verzweiflungsvoller Angst:Lasse mich leben, was auch mein Schicksal auf Erden sein mag! Ich will nicht in der Erde ruhen, während Veilchen auf meinem Hügel blühen und Vögel ihre Jubellieder voll Liebessehnsucht singen. Ich will leben leben! Und wäre es auch zu meinem Unheil! Erbarme Dich, sende mir einen Retter! Meine Seele vermag sich nicht los­zuringen, sie hat noch zu wenig von der irdischen Wonne ge­nossen, um schon nach der ewigen zu verlangen!" Endlich kam der ersehnte, erflehte der verzweiflungsvoll gerufene Helfer. Mein stürmisches Verlangen fand Erhörung. Ich fühlte, wie die eisige Hand des Todes von mir abließ. Da floß meine ganze Seele in Dankbarkeit und Bewunderung über. Wenn Frank in's Zimmer trat, hätte ich ihm entgegen jubeln mögen:Willkommen, mein Freund, mein Erlöser, mein Be­freier aus tiefster Roth!"

Du bist eine Schwärmerin! So überschwänglichen Dank verdient er gar nicht. Nicht allein seine Pflicht, sondern auch sein Ehrgeiz geboten ihm, Dich zu retten," erwiderte Fräulein v. Waldau halb mitleidig, halb belustigt,aber nun offenbart sich mir erst das Geheimniß Deines Herzens. Wo die Liebe spricht, da wird keine Warnung gehört und doch möchte ich Dir zurufen: Nimm Dich in Acht! In seinem Gesicht ist ein Zug, der ein wenig an Mephisto erinnert."

Magda machte eine Bewegung, wie Jemand, der plötzlich aus einem Traume erwacht.

Ich verstehe Dich nicht!" rief sie.Liebe? Nein, nein! Wie soll ich Dir aber schildern, was ich für ihn empfinde? Vermag ich doch selbst das Räthsel nicht zu lösen. Oft glaube ich sogar ihn zu Haffen, denn es ist, als nähme er meine ganze Seele, meinen Willen, meine Gedanken gefangen, als handle ich überhaupt nicht mehr aus eigenem Antriebe- Dann lehne ich mich auf, will mich gewaltsam seinem Einfluß entziehen den er doch nur zu meinem Besten ausübt widerspreche ihm, weigere mich zu thun, was er mir räth und stehe ihm so trotzig wie ein unvernünftiges Kind gegenüber. Dann möchte ich ihm zurufen: Gieb mich mir selbst zurück! Ich will nicht länger unter Deiner Herrschaft stehen! Doch gar bald vollzieht sich eine wundersame Veränderung. Wie die Sonne allmälig durch Wolken bricht, so wird es wieder klar und licht in meinem Innern, alle thörichten Einbildungen I schwinden und das unbeschränkte Vertrauen kehrt zurück. Es liegt ein Widerspruch darinnen ein Widerspruch, der de»