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tetin, „wollte Gott, der Störenfried wäre mit seinem Kinde in Amerika geblieben."
„Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei herauskommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher Pasien Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unberufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leiche in's Verwaltershaus hinüber ge. bracht werden, damit keine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke erregt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal instruiren." — *
Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms aus Chicago, welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete: „Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auftrag auszuführen "
Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nachzuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotz alledem mit der Antwort selber nach Rotenhof hinaus.
„Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinte Marbach, „ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist ein Stock- Amerikaner, für welchen jede Minute Geld bedeutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht auf Verdienst. Ob ich selbst hinübergehe?"
„Was gewinnen Sie dadurch? Gar nichts I" erwiderte Reinhardt. „Ein Brief thäte just das Nämliche. Da jedoch kein Bild von dem Räuberhauptmann existirt, so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, der jenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nutzen. Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitze von ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathen soll, mein lieber Marbach und zwar als aufrichtiger Freund, dann überlaffen Sie der Polizei alles Weitere und schließen Sie für Ihre Person mit diesem Telegramm die Acten-"
„Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösen zu können, ist ein zu entsetzlicher für mich," rief Marbach, in stillem Gram auf- und abschreitend. „Wissen Sie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt, ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötzlich, vor dem Maler stehen bleibend, hinzu.
„Und das wäre?"
„Ein blutigrother Strich zwischen Kinn und Mund, den er durch einen blonden Bart versteckt."
Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vor sich hin, als erhöbe sich vor seinem inneren Blick ein Schreckbild.
„Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt.
„Nein," fuhr Marbach, jäh emporfahrend, fort, „der rothe Strich rührt von einem Jndianermesser her, dessen Scalpirungs- versuch er sich widersetzt haben soll. So hat er nämlich meinem Freunde erzählt. Uebrigens habe ich Ihnen wohl noch gar nicht mitgetheilt, daß Mister Prien ein auffällig schöner Mann von hoher, prächtiger Körpergestalt, ganz besonders kleinen Händen und Füßen, mit einem Wort ein germanisch-blonder Recke sein soll, besten unglückliche Frau drüben im December gestorben ist. Von mehreren Kindern,'welche ebenfalls gestorben sind, hat er ein einziges nur behalten, mein Freund wußte nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen, da dasselbe in einer Pension erzogen worden ist. Diese Personalbeschreibung paßt freilich auch auf Andere, zum Exempel, wie mir einfällt, auch auf diesen Herrn Steindorf."
Er hatte den letzten Satz im gleichgiltigsten Tone, ohne den Maler dabei anzusehen, gesprochen-
Eine augenblickliche Stille trat ein, — als er sich wieder zu Reinhardt umwandte, sah er diesen mit erblaßtem Gesicht unbeweglich vor sich hinstarren. Dann begegneten sich ihre Blicke mit einem festen Ausdruck.
„Hat die Polizei eine solche Personalbeschreibung erhalten?" fragte Reinhardt.
„Allerdings, bis auf den rothen Strich. — Ich glaube, daß Herrn Steindorf ein zierlicher Schnurrbart auch sehr verjüngen würde."
Der Maler erhob sich rasch und schüttelte sich dann, wie von einem plötzlichen Grauen ergriffen.
„Nein, nein, das wäre zu gräßlich," sagte er, schwerathmend, „denken Sie an das erschoffene Kind!"
„Ein furchtbarer Zufall, keine Absichtlichkeit, wer denkt denn auch daran?" versetzte Marbach. „Aber recht Vieles würde dadurch in die rechte Beleuchtung kommen. Der Schuß zum Exempel, der mir galt, — er mußte unzweifelhaft durch Feindschaft gelenkt worden sein Wir Beide, mein Freund und ich, waren dem mörderischen Schützen zuviel in der Welt- Liegt in dieser Behauptung keine Logik?"
„Freilich — freilich, aber hüten wir uns doch, einen solchen ungeheuerlichen Gedanken laut werden zu lasten, mein bester Marbach, der Tod des Kindes wäre sein bester Schild."
„Er könnte sich ja leicht durch das Fehlen jenes Kennzeichens reinigen,", meinte der junge Mann, den eine fieberhafte Unruhe zu erfüllen schien. „Bedenken Sie, Reinhardt, wenn es diesem unheimlichen Menschen glückte, Fräulein Holten zu heirathen."
Der Maler sah ihn nachdenklich an.
„Na, mein Lieber, wir könnten es nicht hindern —"
„Vielleicht doch," knirschte Marbach mit einem wahrhaft ingrimmigen Lächeln. „Irgend eine gute Freundin müßte Ortrud spielen und der leichtgläubigen Elsa von Brabant elwas Mißtrauen gegen ihren blondbärtigen Lohengrin in's Ohr träufeln. Zum Exempel, weshalb er den häßlichen Kinnbart, der ihn ganz entschieden älter macht und sogar seiner Schönheit Eintrag thut, sich habe wachsen lasten? — Wenn Elsa darauf bestände, ihn ohne denselben zu sehen." (Fortsetzung folgt)
Der Motkswih als Anatom.
Von Leo Lothar.
----- (Nachdruck verboten.)
Wir haben kaum einen eifrigeren, gründlicheren Anatom, als den Volkswitz, und doch wieder kann man ihm bett Vorwurf nicht ersparen, daß er in seiner Zergliederung des menschlichen Körpers sehr „oberflächlich" verfährt. Das klingt paradox, stimmt aber, denn in der That beschränkt der Volkrwitz seine anatomischen Studien mit anscheinend wenig Ausnahmen lediglich auf die Oberfläche des menschlichen Körpers, während er den inneren Organen so gut wie gar keine Beachtung schenkt; er beschäftigt sich eben mit dem, was er sieht, was ihm besonders in die Augen fällt. So ist es denn erklärlich, daß er normal gestaltete Körpertheile so gut wie gar nicht in den Bereich seiner Betrachtungen zieht, während ec sich mit Abnormitäten um so eingehender, mit um so größerer Vorliebe beschäftigt.
Von den inneren Organen des menschlichen Körpers kommen für den Volkswitz nur zwei in Betracht: Lunge und Herz, also die beiden, die im menschlichen Leben dir bedeutendste Rolle spielen- Jemand hat einen guten oder einen schlechten „Blasebalg", je nachdem er gesunde Lungen hat ober „schwach auf ber Brust" ist. Um bas Herz kümmert sich der Volkswitz nur, wenn der Eigner ein Don Juan ist, bann leidet er an „Herzerweiterung" oder bas Herz — bas reine „Mädchengelah" — gleicht einer „Wechselstube". Anders, wie gesagt, verhält sich ber Volkswitz den äußerlich sichtbaren Organen, den einzelnen Körpertheileu, ja dem ganzen äußeren Körper gegenüber. Da ist wohl kein noch so winziger Theil, ber nicht seinen besonderen Namen führte, wohlgemerkt hauptsächlich bann, wenn er eine von ber normalen Beschaffenheit abweichende Form aufzu- weisen hat-
Hören wir zunächst einmal die Aeußerungen unseres Anatomen über den menschlichen Körper in seiner Gesammtheit- Ist Mutter Natur bei Zuertheilung des Größenmaßes etwas knauserig verfahren — und das kommt zum Leidwesen so manches „Gernegroßes" vor — so heißt's von solch einem „abgebrochenen Riesen": er „langt knapp mit den Beinen bis auf die Erde"; ist das Maaß dagegen etwas zu reichlich aus- gefallen, so kriegt der „etwas lang geratene Zwerg", wenn er sich einmal kalte Füße holt, „erst nach vierzehn Tagen Den Schnupfen". Für Leute, die sich eines in die Augen springenden Embonpoints zu erfreuen haben, giebt es eine Menge Vergleiche mit Dingen, an die sie mit ihrer wohlgerundeten Form


