Ausgabe 
28.3.1893
 
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dem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mitgetheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht empfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, was Armgard selber übernahm.

Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinen Leiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager derselben nieder unv brückte sein von Thränen überströmtes Gesicht auf die er» starrten Händchen. Er sprach kein Wort, aber seine tiefe Ver­zweiflung drückte sich nur zu deutlich in der convulstvischen Erschütterung aus, welche die kräftige Gestalt durchzuckte.

Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblick die innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränenstrom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet, wie gebangt vor den Augen des unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvoll ihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganz schuldlos an dem grausigen Ereigniß!

Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Steindorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend.

Armgard!" sprach er leise.Darf ich hier an dieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meines todten Kindes, eine Bitte an Sie richten?"

Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie, erbleichend näher tretend, zögernd und zsiternd die ihrige legte.

Fürchten Sie nichtr Ungehöriges," fuhr er mit gedämpf­ter Stimme fort,dieser letzte Schlag hat mich beinahe tödt- lich getroffen. Nur Ihre Verzeihung erflehe ich, Vergebung für den Schmerz jener Stunden, in denen ich einst das edelste Herz zertrat."

Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgard mühsam.

Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trost in mei­nem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sind gerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hat dieses letzte Kind meine Schuld gesühnt."

Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhüllte dann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt.

Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begab sich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohnzimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung von ihr verabschieden wollte.

Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, Herr Stein­dorf!" sprach sie hastig.Auch ich habe Ihre Vergebung nöthn, weil Sie Ihr Kind in meine Obhut gegeben"

O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard," unter­brach er sie bittend,halten Sie mich für so ungerecht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücks auszubürden, das außer jeder menschlichen Berechnung lag? Ich begreife über­haupt nicht, wie man zu der ungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist."

Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladende Hand­bewegung Armgards hin in einen Seffel niedergelaffen.

, Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerechtfertigt wäre," erwiderte sie,denn welcher Mann könnte so gewtssen- los sein, ohne irgend welche Veranlaffung mehrere Schüffe nacheinander abzugeben, nachdem er durch Aufschrei sich ver­gegenwärtigt hatte, daß er Menschen getroffen? Ich bin über­zeugt, daß der Unselige viermal geschoffen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen, die eine aber und zwar die erste, welche mir oder Herrn Marbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weshalb gab der Schütze die tödlichen Kugeln auf den Wagen ab, wo Marbachs amerikanischer Freund sich mit Ihrer kleinen Lotta unterhielt?"

O nein, nein," rief Steindorf mit entsetztem Blick,er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zur Zielscheibe genom­men haben."

Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine von der großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganz verdeckt war und sich erst im letzten verhängnißvollen Moment erhoben haben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nicht bezweifelt werden."

Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thäter sein kann?"

Ich glaube nicht, die Herren vom Gerichte waren heute Mittag hier und fuhren dann nach Rotenhof. Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen sie die feste Ueberzeugung

eines überlegten Verbrechens nicht insgesammt zu thellen, wäh­rend die Leichenbesichtigung meines alten Hausarztes Sie kennen Doctor Peters ja von früher das Verbrechen, wie r mir sagte, gar nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder bald entdeckt werde."

Das ist mir ziemlich gleichgiltig," bemerkte Steindorf trübe,da er mein todtes Kind mir nicht wieder lebendig machen kann. Und nun will ich Sie nicht länger stören, Fräu- ein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu,nur noch eine Frage, wie steht es mit dem Begräbniß meiner Kleinen?"

Herr Marbach wird die Anordnung desselben auf meine Bitte bereits besorgt haben"

Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schulden," iel Steindorf düster ein,Sie werden das begreifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daran zu ändern ist."

Vergeben Sie mir den neuen Kummer, den meine Heim­kehr Ihnen zugefügt," fuhr er nach einer Weile mit weicher, um Herzen dringender Stimme fort,es ist doch wohl Ihnen gegenüber mein Verhängntß. Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch"

Armgard bebte zusammen und schüttelte heftig den Kopf.

Von mir durften Sie solche theatralische Anwandlungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf!" sagte sie fast drohend. Eher doch hätten Sie an den Gram und die Verlaffenheit Ihrer alten Eltern denken sollen."

Ich wiegte mein Gewisien ein mit der trügerischen Hoff­nung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter sein werde. Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammt Egoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zu gern auf andere Schultern abladen. Ich werde nach dem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Welt zu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freund scheiden, Armaard?"

Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf.

Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihm die Hand, welche er fest umsvloffen hielt, hastig entziehend.

Darf ich denn wirklich wiederkommen?"

Sie antwortete nicht, fah ihn auch nicht an. Schweigend wandte er sich nach einer Weile um und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlaffen und nach seinem Kutscher rufen, doch sie rührte sich nicht von der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie ergriffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sich auf einem wogenden Meer und würde von den Wellen hin- und hergeworfen, die furchtbaren Gemüths- erschütterungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als Mamsell Evers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zu suchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden liegend.

Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagen fuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zu holen.

Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber und phanta- sirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleich mitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf.

Herr Steindorf war also hier," wiederholte er auf den Bericht der Mamsell.Und gleich nachher kam dieser böse Anfall?"

Ja, Herr Doctor! Ich trat gleich nachher, als er weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand das Fräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen."

Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mamsell war schon bei Armgards Eltern auf dem Gute und Jener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kannten sich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Vergangenheit vertraut.

War er lange bei ihr?" fragte der Doctor.

Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dann im Wohnzimmer. Was sie miteinander gesprochen haben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nicht gethan."

Das weiß der Himmel," brummte der Arzt.Es ist eine recht gottlose Geschichte, daß dieses Kind hier just sterben mußte. Wenn Fräulein Holten wieder gesund wird, können wir noch was erleben, Mamsell Evers!"

Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirthschaf-