Nntevhattrrirgsblatt zrnn Gietzensv Anzeiaev (Geneval-Anzeigev)
Nr. 37
1883
-5x5—-M«
M
fei
Dienstag, den 28. März.
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
So löste Marbach denn zwei Fahrkarten zweiter Klasse und sorgte für den schönen Steindorf, der in der That ganz gebrochen und vernichtet zu sein schien.
Er hatte sich in die entgegengesetzte Ecke des Coupees gedrückt, um nicht gezwungen zu sein, dem Verhaßten in das schöne, falsche Antlitz zu sehen oder gar mit ihm sprechen zu müssen. Doch schien diesem an einer Unterhaltung auch durchaus nichts gelegen zu sein. Steindorf blickte beharrlich aus dem anderen Fenster, fein Gesicht war blaß, es erschien im Profil, wie Marbach bei einem flüchtigen Hinblick bemerken wollte, sogar stark gealtert. Der blonde Bart, welcher Mund und Kinn bedeckte, schien in einer fortwährend nervös zuckenden Bewegung zu sein. — Vielleicht kämpfte der Mann mit auf- steigenden Thränen, mit dem Schmerz um sein so grausam hingemordetes Kind.
Eine mildere Regung schlich sich bei diesen Gedanken in Marbachs Brust, er fühlte sich sogar versucht, einige Worte des Trostes an ihn zu richten.
Da richtete sich jener plötzlich mit einem jähen Ruck empor und blickte seinen Gegner feindselig an. Sie hatten das Coupee jetzt ganz allein inne, da die wenigen Mitreisenden bei der vorigen Station ausgestiegen waren.
„Mein Kind ist doch noch nicht beerdigt?" fragte Steindorf kurz und schroff.
„Rein," versetzte Marbach in demselben Tone, „ich sagte Ihnen ja, daß sich das Unglück erst gestern ereignet habe."
„Sie haben guten Grund, dieses Unglück zu preisen, mein Herr!"
Marbach blickte seinen Gegner fest an.
„Wollen Sie die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken?" sagte er ruhig.
„Nun, ich sah Sie zufällig das Haus eine» Rechtsanwalts betreten, der für mich einen Prozeß führen sollte Er wird Sie jedenfalls davon unterrichtet haben."
„Und wenn es wirklich so wäre, was weiter, mein Herr?"
„Nichts weiter, als daß der Tod meines Töchterchen» Ihnen sehr zu Gute kommt."
Marbach zwang sich zur Ruhe, unterdrückte die heftige Antwort und wandte sich mit einem verächtlichen Achselzucken dem Fenster zu.
Steindorf ballte die Hände und machte eine Bewegung, als ob er sich auf ihn stürzen wolle.
„Es wird mir vielleicht nicht wieder die Gelegenheit geboten, mit Ihnen ohne Zeugen zu reden," fuhr er dann mit heiserer Stimme fort, „wissen Sie, daß es sehr unvorsichtig von Ihnen war, mit Ihrem Todfeind ein solches Coupee zu theilen?"
Marbach wandte sich langsam um und maß ihn mit einem ruhigen Blick.
„Haben Sie vielleicht die Absicht, mich zu morden?" fragte er spöttisch lächelnd. „Ich wüßte sonst nicht, welchen Sinn ich Ihren Worten beilegen könnte."
Steindorfs Gesicht war fahl geworden'
„Hüten Sie sich vor mir," zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, „mein Kind ist leider tobt, aber noch lebe ich, den Sie beraubt und —"
„Halt!" donnerte Marbach, sich hoch aufrichtend. „Kein Wort weiter, ich würde jede Beleidigung mit der Waffe in der Hand rächen. Halten Sie sich in Ihren Besitzrechten gekränkt, dann will ich Ihnen vor Gericht Rede stehen. Mein Großoheim hat Ihr vätertiches Gut rechtmäßig erworben und durch sein Geld und seinen Fleiß wieder hochgebracht. Von ihm habe ich es geerbt, wo bleibt Ihr vermeintliche» Recht?"
„Natürlich," lachte Steindorf hohnvoll auf, „Sie haben das herrliche Besttzthum leicht erworben. Ihr Großoheim soll meine Familie gehaßt haben und nahm deshalb mein Erbe für einen Bettelbrocken an sich. — Aber Raub bleibt es dennoch, mein weither Herr, und ich habe mindestens bei meiner Heimkehr die Genugthuung gehabt, daß die redlich denkenden Freunde ebenso darüber urtheilen. Fragen Sie Ihre Nachbarin, die Besitzerin von Edenheim, ob sie anders denkt. Nun," fetzte er, Marbachs Erblassen mit stillem Triumph bemerkend, seufzend hinzu, „mir kann es jetzt gleichgiltig sein, weil ich doch einzig nur das Recht meiner armen kleinen Lotta vertreten wollte und konnte. Verzeihen Sie meine Heftigkeit, der grausame Schlag hat mich so verstört, daß ich in der That mich nicht ganz zurechnungsfähig fühle."
Er lehnte sich bei diesen letzten, mit sinkender Stimme gesprochenen Worten wie erschöpft zurück und schloß die Augen, während Marbach ihn erstaunt betrachtete und sich dann finster lächelnd wieder dem Fenster zuwandte.
E» war in ter That das letzte Alleinsein gewesen, da bei der nächsten Station wieder neue Passagiere einstiegen. Als sie ihr Reiseziel erreicht hatten, trennten sie sich mit kurzem schweigendem Gruß.
e
Steindorf war nach Edenheim gefahren und von Armgard mit schmerzlicher Ueberraschuug begrüßt worden. Nach-


