98 -
„Thorheit! Wir können gut nach meinem Hause fahren und da eine Flasche Wein trinken. Komm' mit."
„Nach Deinem Hause?" wiederholte Erich. „Nach Deinem Hause? Aber ich bitte Dich um des Himmels willen!"
Der Gutsbesitzer schüttelte ganz verwundert den Kopf.
„Weshalb sollte denn das unmöglich sein? Der Blumenhof ist zehn Minuten entfernt."
Erich wechselte die Farbe. „Das weiß ich ja," versetzte er, „aber — es kommt dies oder jenes unvorhergesehene Hinderniß und man bleibt stecken. Heute darf ich aber den Zug um keinen Preis verfehlen."
Der Andere drückte ihm die Hand. „Du bist unrffhig, Wolfram," fagte er. „Ich will Dich nicht weiter quälen."
„Später erzähle ich Dir Alles, Nollaul"
„Schön, schön. Wünsche guten Erfolg."
Sie trennten sich und Erich nahm seine Wanderung wieder auf. Sieben Minuten, seit Nollau ihn begrüßte. Es war, um zu verzweifeln.
Er sah einen Zug aus der Halle fahren und entsann sich, daß es derselbe war, welcher in einer drei Meilen entfernten Stadt angelangt sein mußte, ehe der, den er selbst erwartete, jene Station verlaffen durfte.'
Drei Meilen. Welch' eine Strecke!
Er setzte sich auf eine Bank und grübelte. In der Hauptstadt mußte er doch wohl die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Da verwirrten und verschlangen sich die Fäden, da herrschten so ganz andere Berhältniffe; die, welche er suchte, konnte ihm in dem Menschengewirr so leicht verloren gehen.
Und er seufzte ungeduldig. „Wenn ich nur erst dort wäre!"
Immer tastete von Zeit zu Zeit die Hand nach der Brief, lasche. An dem Blatte mit den abgebrochenen drei Worten hing zu viel; vielleicht sogar Tod und Leben.
Und er schauderte; sein Herz setzte die Schläge aus.
Jetzt mußte der Bahnzug diese und nun wieder jene Station erreicht haben. Es war nur noch eine halbe Stunde, bis er einlief, um nach kurzer Rast weiter zu eilen, unaufhaltsam wie das Berhängniß naht und alles Lebende in seine Wirbel zieht.
Nun noch Minuten. Der Schalter wurde geöffnet und mit zwei langen Schritten stand Erich als der Erste vor dem Beamten.
Während dieser die Fahrkarte verabfolgte, beugte sich Erich tiefer zum Schalter hinab. „Eine Frage, mein Herr!" „Bitte!"
„Sollten Sie sich zufällig erinnern, ob gestern Abend eine hübsche junge, in tiefe Trauer gekleidete Dame hier für den- selben Zug, der jetzt fällig wird, ein Billet nach der Hauptstadt nahm?"
Der Beamte lächelte. „Ich bedaure lebhaft," sagte er, „aber gestern hatte ein Anderer den Dienst am Schalter."
„Ach!"
Erich fühlte, wie die halb und halb erwachte Hoffnung abermals entfloh. Er drängte sich, als die Flügelthüren geöffnet wurden, Allen voran auf den Bahnsteig und eroberte im Coupee einen Eckplatz. So eingekeilt zu sitzen, mit der nagenden Ungewißheit im Herzen, bedrängt von rechts und links, ohne den Blick in das Freie — er hätte es nicht ertragen können.
Endlich rollten die Räder; der Train brauste hinaus in die Schneelandschaft, schwarze Schatten huschten vorüber, ein Dorf tauchte auf und verschwand. Tiefer und tiefer senkte die Nacht ihre Schleier herab auf all' das endlose Weiß, mit dem die Schneeflocken fest überzogen hielten, was ihre fluchende Fülle erreichen konnte.
Am zweiten Bahnhof schaukelte eine Petroleumlampe im Wmd: der Zug sollte fünf Minuten Aufenthalt haben, und eine große Anzahl von Reisenden stürmte das niedrige Schenk- Mmer, um in der kalten Nacht irgend einen erwärmenden Tropfen zu erhaschen. Erich sah aus dem geschlossenen Fenster, während seine Gedanken dem Zuge vorauseilten. Was kümmerte ihn das Menschengewühl auf dem Bahnhofe.
Einige Personen nahmen schmerzvollen Abschied, Andere schwelgten im Wiedersehensjubel, noch Andere sahen mit verdrießlichen, gelangweilten Mienen in die Welt hinein, das ist der Wechsel der Dinge und Situationen, aus denen sich das Leben aufbaut.
Die Thür des Wartezimmers zweiter Klaffe wurde geöffnet und eine Dame in Trauerkleidern trat heraus. Erich sah sie, ohne es zu wollen, dann aber fuhr er auf, als habe ihn ein Messerstich plötzlich getroffen.
Die da auf den Stufen stand, war Adele.
Jnstinctmäßig griff Erich zum Thürdrücker, als wolle er in Sprüngen das Coupee verlaffen und sich der Gesuchten entgegenstürzen, um sie festzuhalten, aber schon der nächste Augenblick ließ ihn die Uebereilung erkennen. Es gab kein Mittel, in diesem kleinen Orte ohne polizeiliche Hilfe, ohne einen Ber- haftsbefehl oder irgend welchen Rechtsgrund eine fremde Dame an der Weiterreise zu verhindern, das mußte er erkennen; wenn ihm aber Adele einmal glücklich entschlüpft war, dann würde sie den Zusammenhang der Dinge sogleich durchschauen und das werthvolle Document vernichten. Darauf durfte er es nicht ankommen laffen.
Das Alles zuckte blitzartig durch sein heißes Hirn, während Adele immer noch auf den Treppenstufen der Thür stand und das erste Gedränge abwarten zu wollen schien. Die Hand am Thürgriff, behielt Erich unverrückt ihre schlanke Gestalt im Auge, bereit, hinauszuspringen und sie festzuhalten, sobald sie nur Miene machen würde, in das Wartezimmer zurückzukehren.
Jetzt ertönte das erste Signal und die junge Dame schritt langsam zum Perron. In der Hand trug sie eine kleine Ledertasche ; ihr blasses Gesicht war unverschleiert. Sie wandte sich jetzt mit einer Frage an den Schaffner.
Dieser öffnete ein Coupee, nur zwei Thüren entfernt von dem, in welchem Erich saß. Er drückte das Gesicht gänzlich in den Schatten der Ecke — Adele sollte ihn ja um keinen Preis erkennen.
Dann schloß sich geräuschvoll die Thür jenes anderen Coupees und der Schaffner kam, um die Fahrkarten einzufordern.
Erich nahm gedankenschnell aus der Tasche einen Thaler, den er dem Manne unvermerkt in die Hand drückte.
„Auf ein Wort, guter Freund!"
„Befehlen der Herr?"
„Wohin fährt die Dame, mit der Sie vorhin sprachen?" „Die schwarze Dame — nach der Hauptstadt."
„Nun wohl; dann bitte ich Sie, das Coupee, in welchem sich diese Reisende befindet, auf allen Zwischenstationen sorgfältig im Auge zu behalten und mir, wenn sie etwa aussteigen sollte, einen Wink zu geben."
Der Schaffner lächelte vertraulich. „Ich denke, wir machen das viel einfacher," flüsterte er.
„Auf welche Weise?"
„In dem andern Coupee ist noch ein Platz frei — nehmen Sie denselben für sich, mein Herr!"
Erich schüttelte abwehrend den Kopf. „Es ist nicht, wie Sie denken, Schaffner. Die Dame darf auf keinen Fall erfahren, daß ich in der Nähe bin."
Der Beamte griff plötzlich mit veränderter Miene an die Dienstmütze. „Ah so — der Herr ist ein Geheimpolizist?"
„Nehmen Sie es an, guter Freund."
„Ich werde nicht ermangeln."
Der Zug setzte sich langsani in Bewegung und Erich sank ruhiger als vorher in die Polster zurück. Es schien jetzt, als sei das Ziel nahe; er durfte hoffen, nun bald der schönen Verbrecherin gegenüber zu stehen. Und dann — dann —
Er athmete tiefer. Sie sollte ihm nicht entkommen und müßte er Himmel und Erde in Bewegung setzen.
Auf jeder Station kam der Schaffner an das Coupee. „Alles in Ordnung, mein Herr."
Und Erich nickte. Er selbst beobachtete unausgesetzt, er horchte und spähte, als könne Adele durch das Fenster davonfliegen wie ein Vogel, den man hoch oben in den Lüften wohl


