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Dienstag, den 28. Februar.
Dämon Gold.
Original - Roman von W. Höffer.
(Fortsetzung).
Sechstes Kapitel.
Tante Anna fuhr, getreu ihrem Versprechen, sogleich nach Dornau und wartete da geduldig drei Stunden, bis Erich kam, um aus ihrer Hand das für ihn bestimmte Schreiben seiner Schutzbefohlenen zu empfangen.
Wie er erschrak, wie er bald bleich, bald roth wurde. — „Ruth im Gefängniß!" — Erich schien seinen Sinnen zu mißtrauen.
„Was schreibt das arme Kind?" schluchzte Tante Anna.
„Sie bittet mich um Hilfe, gnädige Frau. Ich muß jetzt sofort abreisen — Verzeihung, aber es ist nicht anders möglich."
Er ging mit hastigen Schritten davon, und während die Haushälterin den Besuch durch allerlei Erfrischungen und reichliche Mitleidsthränen nach Kräften zu trösten suchte, verbarg er Ruths Brief im Schreibtisch und legte nur das zerknitterte Blatt von der Hand Cäciliens in seine Brieftasche, dann traf er dem Großknecht gegenüber für die nächsten Tage einige notwendige Anordnungen und ritt, so schnell das Pferd laufen konnte, zur Stadt.
Irgendwo mußte Adele während der Nacht geblieben sein, irgendwo hatte sie einige Einkäufe gemacht, oder zu Abend gegessen — und diesen Ort wollte er aufspüren, um von da aus die Fährte zu gewinnen.
Ein bitteres, zorniges Weh erfüllte fein Herz. Und sollte er über den halben Erdball der Verleumderin nachsetzen — wiederfinden wollte er sie.
Nur ein Zweifel beschäftigte ihn fortwährend. Rief er die Polizei zur Hilfe oder nicht?
Im ersteren Falle mußte ein Verhaftsbefehl ausgestellt werden und ehe das geschah, vergingen Stunden, vielleicht ein ganzer Tag; Adele fand Zeit, die Landesgrenze zu überschreiten, und schlimmer noch, die Behörde nahm ihm selbst die Verfolgung der ganzen Angelegenheit einfach aus der Hand und das schien von allen Eventualitäten die gefürchtetste.
Wer würde so energisch verfahren, mit solchem Eifer nachforschen, wie gerade er selbst? Kein Lebender.
Nein, er wollte vorläufig allein handeln.
Und so kam er denn in die Stadt, brachte das Pferd in ein Wirthshaus und überlegte, wo er feine Nachforschungen beginnen sollte.
Doch wohl zuerst bei den Portiers der verschiedenen Gast
höfe; Adele war ja schwerlich gleich am ersten Abend weitergereist.
Und dann fiel ihm ein, wo der Kutscher von Moldt auszuspannen pflegte. Er eilte mit schnellen Schritten dahin. „War gestern des Barons Equipage hier?"
Man bejahte. „Aber der Baron selbst nicht; nur Fräulein Malten, die Gesellschaftsdame."
Erich fürchtete, das Klopfen seines Herzens möge von den Leuten gehört werden; er zwang sich mit Mühe zur äußeren Ruhe.
„Und Fräulein Malten ist noch hier?" forschte er.
„Nein, sie ist abgereist."
„Wohin?"
Man zuckte die Achseln. „Der Hausknecht hat ihr Gepäck zum Bahnhof gebracht," hieß es. „Weiter wissen wir nichts."
Erich eilte .fort. Noch zwei lange Stunden, bevor der Zug abging.
Die weite Halle war geöffnet, auch die Wirthschaftslocali- täten; er konnte nach Belieben in dem herrschenden Gewühl ausharren und zehn Züge davondampfen sehen, ehe der seinige vorgeschoben wurde — Niemand hinderte ihn.
Die Uhr behielt in der Tasche keine fünf Minuten Ruhe. Ob sie nicht auch jählings stehen geblieben war?
Und er horchte. Nein, der Zeiger bewegte sich wirklich.
Eine halbe Minute, seit er zuletzt nachsah. Wie kann nur eine halbe Minute so entsetzlich lang erscheinen?
Und er wanderte wieder vor dem geschloffenen Schalter wie ein Löwe im Käfig rastlos auf und ab.
„Ein Verliebter," flüsterten lächelnd die Leute. „Er erwartet „sie", er hat ein Stelldichein."
Da steht er wieder nach der Uhr.
„Guten Tag, Wolfram!" redete ihn ein mit dem eben in die Halle eingelaufenen Bahnzuge Angekommener, ein benachbarter Gutsbesitzer, an. „Was machst Du hier, alter Junge?"
„Ich will zur Hauptstadt," antwortete Erich, dem es erst in diesem Augenblicke schwer auf's Herz fiel, daß er gewissermaßen in's Blaue hineinzureisen gedacht. Wer konnte denn wissen, wohin sich Adele gewendet hatte.
Wahrscheinlich in die Hauptstadt, aber vielleicht auch nach der entgegengesetzten Seite.
Der Andere zog die Uhr. „Dann geht Dein Zug in einer und dreiviertel Stunden, Wolfram. So lange willst Du doch nicht hier vor dem Schalter stehen?"
„Ich will wenigstens den Bahnhof nicht erst noch verlassen."


