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„Es ist gar keine Sorge vorhanden, Adele. Tausend Dank für Ihre Treue."
Dann wollte er sich ihr nähern, aber sie flüchtete in den Hintergrund des Zimmers.
„Um der Güte Gottes willen, mißverstehen Sie mich nicht so schrecklich, Herr Baron."
Er sandte ihr eine Kußhand.
„Wir sprechen uns weiter, Adele. Beunruhigen Sie sich durchaus nicht. Adieu, adieu!"
Sie stand am Fenster und sah pochenden Herzens dem Wagen nach, dann breitete sie mit leidenschaftlicher Geberde beide Arme aus. Erst als die Equipage hinter einer Biegung des Weges verschwunden war, schauerte sie, wie plötzlich aus einem seelischen Traum erwachend, zusammen und glitt vorsichtig über die dichten Teppiche, um ihr eigenes Zimmer zu erreichen.
Als Hans Adam zum Telegraphenbureau kam, war die gewohnte Depesche aus Frankfurt schon angelangt. „Schlecht, sehr schlecht." So lautete der Bescheid schon seit Wochen. Der ihn gab, war ein vertrauter Freund und von dem Stand der Dinge vollkommen unterrichtet.
Hans Adam biß sich auf die Lippen. Er hatte sich in den Gedanken, daß der Kranke jetzt gestorben sein müsse, mit gewohnter optimistischer Auffassung schon derartig hineingelebt, daß es ihm fast wie eine Enttäuschung erschien, als nur das gewohnte: „Sehr schlecht!" ihm entgegensah. Und dann trat ihm das Blut heiß in's Gesicht. Er hoffte sehnlich auf den Tod eines Menschen, der ihn nie beleidigt hatte, ja, den er kaum kannte.
Mißmuthig warf er sich wieder in die Polster des Wagens. „Zum Herrn Commerzienrath Ltssauer."
Aber dieser Herr war im Augenblick verreist. Die Botschaft fiel wie ein Stein auf das Herz des Barons. Verreist.? — Gerade jetzt, nun es sich um einen Wechselprotest handelte. — Ja, wenn es eine gewöhnliche Klage gewesen wäre, dergleichen läßt sich Monate lang hinausziehen, aber ein Wechsel?
Hans Adam fuhr zu allen Denen, die er als Helfer in derartigen Nöthen kannte, aber was er erreichte, war nur ein mehr oder weniger ironisches Achselzucken. Die Spatzen pfiffen von allen Dächern, daß Schloß Moldt binnen Kurzem in andere Hände übergehen werde, es wollte daher Keiner einen Verlust riskiren. Selbst das Angebot von dreißig Procent wurde nicht angenommen.
Zuletzt entschloß sich der Baron zum Allerschwersten, er wollte den Pferdehändler aufsuchen und mit diesem eine Vereinbarung treffen, überhaupt von dem Zusammenhang der Dinge ein wenig erfahren. Mußte nicht Mardochai, der Mann mit dem Fuchsgesicht, für den völligen Betrag dem Commerzienrath zunächst haften?
Und wann wohl Lissauer den Wechsel an sich gebracht hatte? Schade! Gestern Abend in der Aufregung des Augenblicks war ihm das Datum entgangen. Aber Mardochai würde ja das Alles genau wissen.
In den Geschäftsräumen dieses Mannes begegneten ihm fremde Gesichter. Ein Achselzucken beantwortete alle seine Fragen. Schon vor Monaten war Mardochai unter Zurück- laffung bedeutender Schulden flüchtig geworden. „Hatte denn der Herr Baron von dieser Geschichte niemals etwas gehört?"
Hans Adam durchschaute jetzt Alles. Lissauer hatte den Wechsel für ein Spottgeld an sich gebracht, um diesen zu verwenden, wenn nach seinen Berechnungen der richtige Augenblick gekommen war. Ein förmlicher Feldzug, eine Belagerung, die Gott weiß welches Ende nehmen konnte.
Der, Letzte, den Hans Adam an diesem Tage besuchte, war Willibald. Der junge Bankdirector saß in seinem Bureau und arbeitete mit der langen Pfeife im Munde; er sah aus, wie die gute Stunde selbst. Vor ihm in einem Glas mit Wasser stand auf dem Pult eine Rose, die so sehr ihre Be- stimmung als Liebesbotin zur Schau trug, daneben ein Rahmen mit Miezes Porträt, -über das bei dem Eintritt des Baroru schleunig eine Zeitung geworfen wurde.
Willibald streckte beide Hände aus. „Gut, daß Du kommst,
Hans. In einer halben Stunde schließe ich das Bureau und wir gehen zusammen in meine Wohnung. Es soll ein bedeutendes Fest gefeiert werden."
Der Baron lächelte trotz seiner Unruhe. „Ein Fest?" wiederholte er. „Was ist denn los bei Euch?"
„Das will ich Dir sagen, alter Junge. Im Garten stehen drei Fruchtbäume, wie Du weißt, auch hat die Hinterwand des Hauses ein Weinspalier — da wollen wir nun heute ernten. Mieze hat schon einen Kuchen gebacken und Manra von unfern eigenen Johannisbeeren einen sehr annehmbaren Liqueur fabri- zirt. Da wollen wir denn bei festlichem Schmaus den Keller mit Aepfeln und Birnen anfüllen; ich sage Dir, die beiden Frauen sind vor Vergnügen ganz närrisch."
Der Baron unterdrückte einen Seufzer. „Wie die Kinder!" sagte er, ohne ein Gefühl des Neides ganz aus seinem Herzen verbannen zu können. „Leider ist mir's vollständig unmöglich, Dich zu begleiten."
„Aber weshalb denn, Hans?"
„Ich bin nicht in der Stimmung, Feste zu feiern. Mich drückt ein Aerger, der erst gehoben werden muß."
„Ein Aerger?" wiederholte WMbald. „Darf man fragen, worin derselbe besteht?"
„Ich muß bis übermorgen sechstausend Thaler zur Stelle schaffen und weiß nicht, woher ich sie nehmen soll."
Willibald erschrak. „Eine so große Summe!" stammelte er.
„Eine Bagatelle, eln Nichts. Aber im Augenblicke kann auch das Fehlen des einzelnen Groschens eine Verlegenheit schaffen."
Es entstand eine drückende Pause. Auch Willibalds Gesicht war sehr ernst geworden.
„Besäße ich doch das Geld," sagte er endlich. „Mit tausend Freuden wollte ich es Dir vorstrecken."
„Das weiß ich ja, alter Junge. Aber solltest Du es mir nicht aus den Mitteln der Bank bewilligen können? Auf kurze Zeit, vielleicht nur auf einige Tage, oder im äußersten Falle auf wenige Wochen."
Willibald sah auf. „Ohne Bürgen?" fragte er.
„Das allerdings. Aber'ich denke, Schloß Moldt —"
Ein Kopsschütteln des Anderen unterbrach den angefangenen Satz. „Es ist ganz unmöglich, Hans, ich sage Dir, ganz unmöglich. Aus eigener Machtvollkommenheit kann ich überhaupt keinem Menschen gegen Depot ein Conto eröffnen, sondern muß bei der Hauptgeschäftsstelle anfragen, und dann be- rathen alle drei Directoren miteinander."
„Verwünscht! — Solche Sicherheitscommissäre!"
„Kannst Du denn aber keinen Bürgen auftreiben, Hans? Ist da nicht zum Beispiel Erich Wolfram, ein langjähriger Freund, der Dir helfen würde?"
Ein heißes Roth trat in das Gesicht des Barons. „Der nicht!" sagte er hastig. „Nein, der nicht!"
„Aber laffen wir die ganze Sache, Willibald," fügte er dann hinzu- „Es ist ja beinahe lächerlich, dieser geringen Summe wegen so viele Worte zu verlieren. Ich bin einer der reichsten Leute in der Provinz und laufe von Pontius zu Pilatus, um sechstausend Thaler zu erlangen, Alles nur, weil ein elender Halsabschneider nicht ganz kurze Zeit mehr warten will."
„Du hast also Einnahmen in Aussicht, Hans!"
„Natürlich. Hunderttausende auch ohne die Erbschaft aus Frankfurt. Da sollte doch das Wetter dreinschlagen, wenn nicht irgendwoher die paar Kröten herbeigeschaft werden könnten."
„Hätte ich doch Vermögen! Könnte ich Dir helfen, Hans 1"
„Laß es gut sein, Willibald. Ich fahre morgen in die Hauptstadt; da ist man weniger engherzig als an kleinen Orten."
„Bist Du beleidigt, Hans?"
„Wie sollte ich denn?" lachte der Baron. „Sage Deinen Damen meine besten Empfehlungen, hörst Du?"
Der Bankdirector hielt ihn am Arm fest. „Bist Du verklagt, Hans?" flüsterte er, als fei von einem todtwürdigen Verbrechen die Rede. „Nein, ich will es nicht hoffen, Dein Name wäre für immer beschimpft!"


