sagte mit einer gewaltigen Anstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen:
„Es ist richtig — die Sache hat für mich kaum eine practische Bedeutung, und nur das wenig ehrenwerthe Verhalten jenes Herrn Barteck ist es, das mich verdrießt. Ich wünsche indessen, wie gesagt, aus gewissen besonderen Gründen sehr dringend, daß meinem Oheim der Wechsel nicht zur Anerkennung vorgelegt werde. Ich werde es wahrscheinlich vorziehen, ihn alsbald einzulösen, und ich darf wohl mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß Sie mir in Anbetracht unserer fteundschaftlichen Beziehungen durch die Gewährung einer kleinen Frist entgegenkommen werden."
„Wenn es sich dabei nur um wenige Stunden handelt — gewiß! Etwas Weiteres aber vermag ich leider nicht zu thun, denn auch ich bin des Geldes sehr dringend benöthigt. Ich hoffe, den Wechsel bis morgen früh um neun Uhr zu Ihrer Verfügung halten zu können, aber ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse dringend, diese Stunde nicht zu versäumen, da ich völlig außer Stande sein würde, länger zu warten."
Ein Krankenwärter erschien mit der Meldung, daß der Oberarzt Herrn Doctor Hallenstein im Operationszimmer erwartete, und da der unglückliche junge Mann wußte, daß es sich um einen besonders schweren Fall handele, durfte er nicht zaudern, der erhaltenen Weisung Folge zu leisten. Obwohl er auch nicht die geringste Möglichkeit sah, sich innerhalb eines Zeitraumes, der nur nach Stunden bemessen war, eine so bedeutende Summe zu verschaffen, wollte er doch nicht durch ein Eingeständniß dieser Unmöglichkeit selbst die kurze Galgenfrist, welche Stirners Großmulh ihm gewährt hatte, wieder auf's Spiel setzen, und so sagte er, indem er dem Doctor wie seinem besten Freunde zum Abschied die Hand drückte, mit fliegendem Athem:
„Ich werde bis neun Uhr bei Ihnen sein — verlassen Sie sich darauf! Und wir werden die Sache alsdann erledigen, wie es sich unter Freunden geziemt."
Als er einige Minuten später den Operationssaal betrat, hatte er selber ganz das Aussehen eines Schwerkranken; die Füße drohten ihm den Dienst zu versagen, und er mußte wiederholt mit der Hand nach irgend einer Stütze greifen, weil er einen heftigen Anfall von Schwindel verspürte.
Der Oberarzt, der sonst eine gute Meinung von ihm hatte und seine Geschicklichkeit sehr hochschätzte, sah ihn verwundert an.
»Ist Ihnen nicht wohl, Herr College? ' fragte er. „Sie sehen übel aus und Ihre Hände zittern. Wäre es Ihnen vielleicht erwünscht, daß ich einen der anderen Herren ersuchen lasse, mir zu afststiren?"
Ernst Hallenstein, der unter dem prüfenden Blick des Anderen die peinigende Empfindung hatte, der erfahrene Menschenkenner müsse ihm das schlechte Gewissen vom Gesicht ablesen, nahm all' seine Willenskraft zusammen, um die Anwandlung zu überwinden. Auch war er als Arzt nicht ohne Ehrgeiz, und er hatte noch vor einer Stunde gehofft, sich gerade bei dieser schwierigen und seltenen Operation besonders hervorthun zu können. So lehnte er das gutgemeinte Anerbieten seines wohlwollenden Gönners ab und bereitete sich hastig darauf vor, seine verantwortungsvolle Pflicht zu erfüllen. Der Patient wurde in eine Chloroformnarkose versetzt ; aber als Doctor Hallenstein dem Oberarzt eben die erste Handreichung thun wollte, ließ derselbe das bereits angesetzte Messer wieder sinken und sagte in sehr ernstem, fast strengem Ton:
»3ch muß auf Ihren Beistand verzichten, Herr College, denn hier steht das Leben eines Menschen auf dem Spiel! Sie sind krank und ich rathe Ihnen dringend, sich nach Hause zu begeben."
Er winkte einen der anderen im Operationssaale an- wesenden Aerzte des Krankenhauses zu sich heran und Ernst Hallenstem ging mit gesenktem Haupte davon, wie wenn ihm der schwerste Tadel zu Theil geworden wäre. Planlos und ziellos irrte er wohl eine Stunde lang in den Straßen umher, tausend abenteuerliche Pläne in seinem Kopfe wälzend und
jeden von ihnen doch als unausführbar in trüber Hoffnungslosigkeit wieder verwerfend.
Mit schmerzenden Schläfen und zitternden Knieen stieg er endlich die Treppe zur Wohnung des Herrn Ignaz Barteck empor; aber die würdige Gattin des Patriarchen empfing ihn mit der niederschmetternden Eröffnung, daß ihr Gemahl gestern eine kleine Erholungsreise angetreten habe und vor Ablauf einer Woche keinesfalls zurückerwartet werden dürfe.
So war denn auch diese letzte schwache Aussicht auf Rettung in Nichts zerstoben und die Barmherzigkeit der Doctor Julius Stirner bildete die einzige Hoffnung, welche den unglücklichen jungen Mann noch mit dem Leben verband. Denn er war fest davon überzeugt, daß er seinem schmachbedeckten Dasein freiwillig ein Ende machen müsse, wenn es ihm nicht gelang, das Mitleid des Rechtsanwalts zu erwecken und die Gefahr einer Entdeckung von sich abzuwenden. Aber er sagte sich, daß er seinen Besuch bei Stirner nicht bis zum folgenden Morgen aufschieben dürfe, sondern daß er auf der Stelle versuchen müsse, wenigstens einen längeren Aufschub zu erlangen.
In den elegant ausgestatteten Räumen seines Bureaus fand er den Doctor nicht anwesend; man wies ihn vielmehr in die Privatwohnung desselben, und eine endlos lange, qualvolle halbe Stunde mußte er hier im Vorzimmer wartend zu- bringen, ehe es Julius Stirner gefiel, ihn zu empfangen.
Ein einziger Blick in das Antlitz des Besuchers genügte dem menschenkundigen Advocaten, um ihn zu überzeugen, daß Doctor Hallenstein nicht gekommen sei, seinen Wechsel einzulösen, und er würde ihm ja auch wahrscheinlich jene Frist nicht zugestanden haben, wenn er nicht durch seine Kundschafter zuverlässig davon unterrichtet gewesen wäre, daß es für den jungen Arzt keine Hülfsquellen mehr gab, aus denen er so beträchtliche Summen hätte schöpfen können-
Schweigend hörte er das mit fast versagender Stimme vorgebrachte Anliegen des Doctors an; aber mit ernster Miene schüttelte er, als Jener geendet, den Kopf.
„Es ist unmöglich," sagte er kurz, „und wir wollen nicht erst viele unnütze Worte darüber verlieren. Ihr Herr Onkel wird sich die kleine Unbequemlichkeit nun schon wohl oder übel gefallen lassen müssen."
Er legte einen Briefbogen vor sich hin und rückte seinen Schreibstuhl zurecht wie Jemand, der einem lästigen Besuch deutlich zu verstehen gegeben, daß seine Zeit anderweitig in Anspruch genommen sei. Ernst Hallenstein drehte an den Enden seines Schnurrbarts, ohne zu wissen, was er that. Vor seinen Augen begann es zu flimmern, die Umrisse der im Zimmer befindlichen Gegenstände lösten sich in einem unbestimmten Nebel auf und in diesem Nebel nahm er als einzig unveränderlich nur das blasse Gesicht des ehemaligen Rechtsanwalts mit seinem schrecklich gleichmüthigen, unbarmherzigen Ausdruck wahr.
Er zermarterte sein Gehirn, um einen noch innigeren, rührenderen Ausdruck heißen Flehens zu finden; aber er hatte schon vorhin oll' seine Beredsamkeit erschöpft, und als er nun Julius Stirners Feder über das Papier dahinkreischen hörte — ein unzweideutiges Zeichen, daß Jener die Unterredung als beendet und die Angelegenheit als abgethan betrachte, da übermannte ihn die Verzweiflung, und in seiner Rathlosigkeit griff er zu dem Aeußersten, das er in der gegenwärtigen Sage noch zu thun vermochte-
„Sie — Sie dürfen nicht zu dem Stadtrath gehen!" keuchte er mit heiserer, klangloser Stimme. „Er würde feine Unterschrift nicht anerkennen — er kann sie nicht anerkennen, denn — denn sie ist nicht von seiner Hand."
Stirner schrieb den begonnenen Satz ruhig zu Ende, und dann, nachdem er feinen Brief noch einmal gemächlich überflogen, wandte er sich sehr gelassen gegen Ernst Hallenstein.
Mas sagten Sie da? — Ich habe doch wohl nicht ganz richtig gehört. Sie sprachen von einer Unterschrift des Stadtraths, die gar nicht feine Unterschrift fei. Ist das ein Scherz oder habe ich Sie irgendwie mißverstanden?"
„Nein — Sie verstanden mich recht. Ich — selbst habe dm Namen meines Onkels auf den Wechsel gesetzt."


