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junge Arzt dem Rufe Folge; aber seine besorgte Miene hellte sich wieder auf, als er in dem Wartenden den Doctor Julius Stirner erkannte.
Er hatte früher, als der ehemalige Rechtsanwalt noch im Hause seines Vaters verkehrte, auf einem ganz guten Fuße mit ihm gestanden, und er huldigte viel zu toleranteren Anschauungen, als daß er infolge der öffentlich gebrandmarkten Handlungsweise des Advocaten mit einem Schlage alle Sympathien für ihn hätte verlieren sollen. Es war darum durchaus keine Heuchelei, als er dem Anderen zum Gruße feine Hand entgegenstreckte und ihm versicherte, daß er sehr erfreut sei, ihn wiederzusehen. Stirner lächelte eigenthümlich; aber er wies die dargebotene Hand nicht zurück und sagte in einem sehr höflich klingenden Tone: „Ich höre, daß man Ihnen zur Verlobung Ihrer Schwester gratuliren darf, Herr Doctor? Oder ist es noch nicht gestattet, darüber zu sprechen?"
Ernst Hallenstein war von Stirners Absichten auf die Hand Elftiedens entweder gar nicht unterrichtet gewesen oder die Erinnerung daran mußte ihm wieder entfallen sein, denn er würde sonst schwerlich so unbefangen und mit so lebhafter Befriedigung geantwortet haben: „O gewiß! — Wenn auch die öffentliche Bekanntmachung noch nicht erfolgt ist, brauchen wir doch aus einem so frohen Ereigniß durchaus kein Hehl zu machen — am wenigsten unseren Freunden gegenüber, bei denen wir auf eine gewisse freudige Antheilnahme hoffen dürfen."
Der ehemalige Rechtsanwalt kniff die Lippen zusammen und in seinen scharfen grauen Augen glitzerte es tückisch.
„Es ist zwar sehr liebenswürdig, Herr Doctor Hallenstein, daß Sie mich noch immer zu den Freunden Ihrer Familie zählen; aber ich darf diese Ehre doch wohl nur mit einer kleinen Einschränkung für /mich in Anspruch nehmen. Es hat nicht den Anschein, als ob auch von Ihren Angehörigen irgend welcher Werth auf diese meine Freundschaft gelegt würde."
Der Arzt wurde verlegen und murmelte etwas von Miß- verständniflen und unbedeutenden Verstimmungen, die sich gewiß leicht wieder beseitigen ließen. Die Art und Weise des ehemaligen Rechtsanwalts wollte ihm heute gar nicht gefallen und er dachte insgeheim bereits über einen Vorwand nach, um ihn auf gute Manier wieder los zu werden.
Doctor Stirner aber weidete sich eine kleine Weile an seiner Verwirrung, um dann plötzlich in merklich verändertem Tone zu sagen: „Uebrigens — wie auch immer es um unsere Freundschaft aussehen mag — ich würde jedenfalls den armen Kranken Ihre unschätzbare ärztliche Kraft nicht entzogen haben, nur um Ihnen meine Glückwünsche abzustatten. Der eigentliche Zweck meines Kommens ist ein anderer, rein geschäftlicher, siir deffen Erledigung wir also unsere ehemaligen persönlichen Beziehungen ganz aus dem Spiele lassen können."
Keine andere Ankündigung hätte dem jungen Doctor so unbehaglich sein können als diese. Wenn irgend Jemand mit ihm von „Geschäften" redete, so lief es doch nie auf etwas Anderes hinaus, als auf feine Schulden und es war begreiflich genug, daß dies Thema nicht zu den erfreulichsten für ihn gehörte. Obwohl er nicht recht begriff, in welchem Zusammenhang die Person des Doctor Stirner mit einer seiner unerledigten Zahlungsverpflichtungen stehen könnte, hatte er doch bei der eigenthümlichen Beschaffenheit seiner Verbindungen nach dieser Richtung hin schon so merkwürdige Dinge erlebt, daß er sich im Stillen auf die unangenehmsten Eröffnungen gefaßt machte und das Lächeln etwas verzerrt ausfiel, mit welchem er erwiderte: „Ein Geschäft? — Sie sehen mich außerordentlich gespannt, denn hoffentlich wird es doch ein gutes Geschäft sein, das Sie mir vorzuschlagen haben?"
Doctor Stirner zuckte mit den Achseln, und indem er ein Portefeuille aus der Tasche zog, sagte er: „Ich habe da vor zwei Tagen von einem Herrn, der mir eine bestimmte Summe schuldete, einen Wechsel in Zahlung erhalten, auf welchem Ihr Name als derjenige des Acccptanten figurirt. Da meine Ver- mögensverhältniffe mir nicht gestatten, derartige Papiere bis zum Fälligkeitstage liegen zu lassen, so wollte ich den Wechsel gestern weiter begeben; aber der Bankier, bei welchem ich ihn zu discontiren versuchte, lehnte die Honorirung ab unter einer
sehr merkwürdigen Begründung Er behauptete nämlich, daß ihm die Unterschrift des Stadtraths Werkenthin, welche außer der Ihrigen auf dem Wechsel steht, verdächtig erscheine und er nahm wenigstens das Recht in Anspruch, das Papier dem Stadtrath, mit welchem er seit Jahren in geschäftlicher Verbindung steht, zunächst zur Anerkennung vorlegen zu dürfen. Ich hätte ihm die Erlaubniß dazu ja nun ohne Weiteres er* theilen können; aber ich nahm an, daß Ihnen eine derartige Belästigung Ihres Herrn Onkels vielleicht unangenehm sein könnte und daß Sie es möglicherweise vorziehen würden, durch eine sofortige Einlösung Ihres Accepts derselben vorzubeugen."
Indem er sich den Anschein gab, als ob er unter seinen Papieren nach dem Wechsel suche, hatte er es vermeiden können, dem Arzte in's Gesicht zu sehen, und es war vielleicht eine Anwandlung von Mitleid gewesen, welche ihn zu dieser kleinen Rücksicht bestimmt hatte. Denn unmöglich konnte von dem Antlitz eines Verbrechers das Bekenntniß seiner Schuld deutlicher zu lesen sein, als es sich während der kurzen, int nüchternsten Tone vorgebrachten Eröffnung des ehemaligen Rechtsanwalts in den Zügen Ernst Hallensteins ausgeprägt hatte. Jeder Blutstropfen schien aus feinen Wangen gewichen; selbst seine Lippen hatten sich bläulich verfärbt und wie in tödtlicher Angst traten feine Augen weiter aus ihren Höhle» hervor. Wiederholt hatte er den Mund geöffnet, als ob er den Redenden unterbrechen wolle; aber es war kein Laut vernehmlich geworden und feine Brust arbeitete mühsam, wie wenn es ihm an Athem zum Sprechen fehle. Nun, da er unabweislich ge- nöthigt war, eine Antwort zu geben, stieß er in hastigen, ab* gerissenen Worten hervor: „In der That — allerdings — der Wechsel darf unter keinen Umständen meinem Oheim vorgelegt werden! — Aber ich begreife nicht, Herr Doctor, wie er überhaupt in Ihre Hände kommen konnte. Ignaz Barteck hatte sich mir gegenüber ausdrücklich verpflichtet, daß das Papier bis zum Zahlungstage in feinem Gewahrsam bleiben würde. Wenn er es trotzdem weiter gegeben hat, so hat er sein Wort gebrochen und hat an mir nicht wie ein ehrlicher Mann gehandelt."
Doctor Stirner machte sich noch immer mit seiner Brieftasche zu schaffen.
„Ich habe keine Veranlaffung, den Mann zu vertheidigen," sagte er sehr gleichmüthig, „denn seine Charaktereigenschaften sind mir gänzlich unbekannt. Jedenfalls aber war er nach kaufmännischen Begriffen vollkommen berechtigt, Ihr Accept in Zahlung zu geben, und es unterliegt keinem Zweifel, daß etwaige mündliche Verabredungen zwischen Ihnen und ihm für die späteren Besitzer des Wechsels keinerlei Verbindlichkeit haben können. Schließlich ist das Unglück, daß das Appoint in Umlauf gekommen ist, für Sie doch auch nicht so groß. Ich für meine Person zweifle ja natürlich keinen Augenblick, daß es mit der Überschrift Ihres Onkels seine volle Richtigkeit hat, und es war gewiß nur ein fataler Zufall, daß der alte Herr gerade bei dieser Gelegenheit seinen Namen etwas anders geschrieben hat, als es sonst seine Art ist. Eine einfache Anerkennung dieser Thatsache von seiner Seite würbe genügen, um alle Bedenklichkeiten meines Bankiers zu zerstreuen, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß der Wechsel dann bis zur Fälligkeit ruhig in dem Geldschranke desselben verbleiben wird. Es ist also durch den angeblichen Wortbruch des Herrn Barteck an der Lage der Dinge für Sie kaum etwas geändert worben."
Ernst Hallenstein war an das Fenster des Sprechzimmers getreten und hatte feine fieberheiße. Stirn an die kalte Glasscheibe gepreßt. In seinem Kopfe schwirrte und brauste es, so daß er die Worte des Anderen nur wie aus weiter Ferne vernahm, und die tollsten, abenteuerlichsten Ideen jagten sich in seinem Gehirn. Aber trotz seiner wahnwitzigen Aufregung hatte er doch noch Verstand genug, um zu erkennen, daß von den verzweifelten Auskunftsmitteln, welche ihm da in den Sinn kamen, kein einziges wirklich durchführbar war. Und da es für den Augenblick keine Rettung gab, wenn nicht in dem Versuche, Zeit zu gewinnen, so wandte er sich nach einem kurzen Schweigen dem ehemaligen Rechtsanwalt wieder zu und


