Nnterchaltrrngsblatt 311m Gieszenev Elnzeigev (Geneval-Anzeigev)

1893

Donnerstag, den 27. Juli.

Der Staatsanwalt.

Novelle von Wolfgang Hellmuth.

(Fortsetzung.)

Beim Aufbruch wollte ihm der junge Arzt sogar durchaus seine Begleitung für den Heimweg aufdrängen; aber der Staatsanwalt lehnte dies Anerbieten mit Bestimmtheit ab und nach einem kurzen, zärtlichen Abschied von seiner schönen Braut verließ er als der letzte der Gäste das Haus des Professors. Der Weg, welchen er einschlagen mußte, um nach seiner in einem anderen Viertel der Stadt gelegenen Wohnung zu ge­langen, führte zunächst an dem ausgedehnten Garten des Gym­nasiums, welches früher Jahrhunderte hindurch als Kloster ge­dient hatte, vorüber. Hier, wo die Straße zur Rechten von dem Fluffe und zur Linken von der Mauer des Klostergartens begrenzt wurde, herrschte in der vorgerückten nächtlichen Stunde tiefste Einsamkeit und Stille. Auch die Beleuchtung war nur eine kümmerliche und der Staatsanwalt, der überdies in seinen glückseligen Gedanken dahinwandelte wie in einem schönen Traum, nahm nichts davon wahr, daß sich bei seiner An­näherung eine lange, dunkle Gestalt hinter einen Pfeiler des hohen Gartenthores schmiegte, um ihm dann in kurzer Ent­fernung mit den geräuschlosen Schritten einer Katze nachzufolgen.

Erst als sie da, wo die Parkmauer einen scharfen Winkel bildete, die dunkelste Stelle der ganzen Wegstrecke erreicht hatten, überholte der Verfolger mit einigen langen Schritten den ahnungslosen Staatsanwalt und vertrat ihm, indem er sich direct vor ihn hinpflanzte, den Weg.

Guten Abend, mein Herr!" hörte der überraschte Rode- waldt die Stimme des Doctors Julius Sttrner an sein Ohr schlagen.Oder muß man nicht vielmehr schon sagen: Guten Morgen? Sie haben sich allem Anschein nach da oben vor­trefflich unterhalten, daß ich genöthigt war, hier unten so lange auf Sie zu warten."

Nur für einen Moment war der Staatsanwalt durch das Unerwartete der Begegnung in leichte Bestürzung versetzt wor­den; noch ehe der Andere mit seiner höhnischen Anrede zu Ende gekommen, hatte er seine kaltblütige Ruhe vollständig zurückgewonnen.

Gehen Sie mir aus dem Wege!" befahl er kurz.Ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen."

Ich aber wünsche mit Ihnen zu reden, mein Herr Staatsanwalt! Und damit Sie mir nicht wieder entschlüpfen wie beim ersten Mal, habe ich mir diese hübsche Stelle dafür ausgesucht. Hier werden wir ganz ungestört sein, und auch

von den Schutzleuten, für die Sie eine so besondere Vorliebe haben, wird uns hier keiner incommodiren."

Noch einmal: Geben Sie mir den Weg frei!" donnerte ihm Rodewaldt zu.Oder beim Himmel! Sie sollen erfahren, wie man mit Strauchdieben und Wegelagerern umgeht."

Die Thatsache, daß dieser widerwärtige Geselle sich nun schon zum zweiten Mal mit dreister Unverschämtheit mitten in seine holdesten Phantasien zu drängen wagte, erhitzte das Blut des sonst so ruhigen Mannes zu stürmischer Zorneswallung, und schon während der letzten Worte hatte seine rechte Hand sich unwillkürlich zur Faust geballt.

Aber der Andere nahm entweder nichts von diesen drohen­den Anzeichen wahr oder er glaubte sich dem Staatsanwalt auch körperlich überlegen.

Wähnen Sie, daß ich eine halbe Nacht geopfert hätte, nur um Ihnen im Vorbeigehen einen guten Abend zu wün­schen?" höhnte er weiter, ohne sich von der Stelle zu rühren. Ich denke vielmehr, mich recht gründlich mit Ihnen aus­zusprechen und zwar in Ihrem eigenen Interesse, damit Sie künftig wissen, wie wenig mit mir zu spaffen ist. Sie haben meine letzte Warnung in den Wind geschlagen, Sie sind diesem hübschen Frätzchen zuliebe, das nun einmal nicht für Sie oder Ihresgleichen bestimmt ist"

Weiter kam er nicht, denn ein wuchtiger Faustschlag, der ihn mitten in's Gesicht getroffen, machte ihn mit einem Auf­schrei der Wuth und des Schmerzes gegen die Gartenmauer zurücktaumeln. Der Weg war frei und Bernhard Rodewaldt ging weiter, ohne seinen Schritt zu beschleunigen und ohne nur einen einzigen Blick nach seinem Feinde zurückzuwerfen. Wohl mußte er darauf gefaßt sein, daß Stirner ihm folgen würde, um auf der Stelle Rache zu nehmen für den schweren, tödt- lichen Schimpf, der ihm widerfahren, und er lauschte denn auch aufmerksam jedem Geräusch hinter seinem Rücken, um auf einen etwaigen Angriff vorbereitet zu sein. Aber es blieb Alles still und unangefochten erreichte der Staatsanwalt eine Viertelstunde später seine Wohnung, fest überzeugt, daß ein Gezüchtigter, der nicht den Muth gehabt hatte, auf der Stelle seine Genugthuung zu nehmen, schwerlich noch einmal wagen würde, ihn durch die Wiederholung einer dreisten Provocation zum Zorn zu reizen.

Doctor Ernst Hallenstein hatte eben den Rundgang durch seine Krankenstation im städtischen Hospital beendet, als einer der Wärter ihm meldete, daß im Sprechzimmer ein Herr sei, der ihn in dringender Angelegenheit zu consultiren wünsche. Etwas zaghaft und mißtrauisch, denn seit einiger Zeit wurde er von seinen Gläubigern auch bis hierher verfolgt, leistete der