erfüllte meinen Herzenswunsch, es eigenhändig einem rechtmäßigen Erben überliefern zu können."
Den andern Morgen erschien Werner verabredetermaßen bet Strehlens.
Der Oberst wußte erst nicht recht, sollte er ihn steif oder freundlich empfangen. Das Intermezzo in Rom lag ihm noch auf dem Herzen und seine Natur war nicht für Winkelzüge geschaffen.
Ehe er noch Leonore hereinbitten ließ, erkundigte er sich ohne Umschweife, ob Werner noch viel mit Mrs. Webster aus« gewesen sei.
Paul entgegnete kurz und bündig, er habe selbstverständlich die Damen an jenem Abend im Hotel bei ihm das letzte Mal gesehen gehabt; er sei überdies zwei Tage später von Venedig aufgebrochen und nach Florenz gegangen.
Die raschen, knappen Antworten, die der Oberst auf seine Fragen erhielt, trugen das Gepräge der Wahrheit. Werners unbefangen vornehmes Wesen war auch nicht das eines Mannes, der etwas zu bemänteln hat, und Astas Karte zerstreute vollends Strehlens Zweifel.
„So, so," sagte er, sich das schmerzende Knie reibend, „die Kleine hat Geheimnisse mit meiner Frau, das ist mir neu! Davon hast Du mir gar nichts mitgetheilt?"
Leonore erschien eben auf der Schwelle und grüßte mit reservirter Höflichkeit.
„Asta hat Dich mit ihrem allerhöchsten Vertrauen beehrt und davon weiß ich nichts? Sie hat Dir Briefschaften für Herrn Werner hinterlassen?"
„Ja, einen Brief, den ich sofort über Seite legte und verschloß. Deshalb habe ich auch gar nicht wieder daran gedacht und vergessen, Dich davon zu unterrichten. Mir lag nur ihr Weggehen im Sinn und der Verlust, der uns daraus erwächst. Ihr heiteres Geplauder fehlt uns jetzt schon. Ich will den Brief gleich holen."
Sie legte das Packet mit neckischer Geberde vor Werner auf den Tisch, mit der siegelüberdeckten Seite nach oben, und bat ihn, sich zu überzeugen, daß die Blumenkörbe sämmtlich unversehrt seien.
„Werden schöne Geheimnisse sein, die der dicke Brief birgt," brummte der Oberst mit angenommenem Mißvergnügen, in der Absicht, Werner zu reizen und auszuholen. „Wer durch's Papier durchschauen könnte, würde sicherlich Manches erfahren."
„Nur sehr Harmloses," beeilte sich Werner, seine Schülerin in Schutz zu nehmen. „Sie können überzeugt sein, der Inhalt steht mit den vielen Siegeln durchaus nicht im Einklang, das ist nur ein Schelmenstreich, um neugierig zu machen, und ich werde Papier über Papier abwickeln müssen, um der Sache näher zu kommen. Fräulein von Schönholz ist wirklich für ihr Alter noch von einer seltenen Kindlichkeit. Ihre Geheimnisse vertragen das Licht; ihre Seele schlummert noch. Die Zeit, wo der bunte Schmetterling die Hülle sprengt und seine Flügel entfaltet, ist für sie noch nicht gekommen."
„Und Ihre Freundschaft?" forderte ihn der Oberst heraus. Ein schmerzender Stich durchfuhr gerade sein Bein. Er streckte es und biß dabei die Zähne zusammen. „Ihre Freundschaft," fuhr er fort und der Schmerz machte seine Aeußerung herbe klingen, „für welche die Kleine manch' harten Strauß mit mir ausgekämpft hat, wie ich Ihnen offen einräume, Ihre Freundschaft hätte die schlummernde Seele noch nicht geweckt?"
Werners Brauen zogen sich hoch und Befremdung malte sich bei Strehlens Worten in seinen Zügen. x
«Herr Oberst," versetzte er stolz, „ich will nicht annehmen, Sie sprechen im Ernst und trauen mir zu, ich könnte das Entgegenkommen des halben Kindes ausgebeutet und mir ihr Herz zu eigen gemacht haben, ehe ihr Verstand völlig gereift! Ich gestehe, es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihre Liebe zu gewinnen. Asta hatte in ihrer Familie Niemand, der sich um ihre Gedankenwelt kümmerte und geistige Fühlung mit ihr suchte. Sie ist ein eigenartiges Wesen, ein Kind des Augenblicks, unberechenbar, von raschem Blut und unüberlegtem Handeln. Sie brauchte Jemand, dem sie sich anschließen konnte und der erzieherisch auf sie wirkte. Ihr Papa liebt sie zärt
295 —
lich und hieß deshalb Alles gut, was sie that; Frau von Schönholz ließ ihr Vieles durchgehen und machte ihr dann hinterdrein Vorwürfe; Frau von Malten, ihre Schwester, schalt entweder oder bespöttelte ihre Einfälle und Empfindungen. — Ich war der Erste, der sie zu nehmen wußte. Ich hörte sie geduldig an, ging scheinbar auf ihre manchmal recht abenteuerliche Pläne ein und wandelte bei der Erörterung ihre Ansichten unmerklich und ohne ihr direct widersprochen zu haben. Deshalb respectirt sie mich auch und setzt unbegrenztes Vertrauen in mich. Hätte sich Jemand aus ihrer Familie in der Weise um das junge Herz bemüht, würde sie sich mir nicht in dem Maße angeschlossen haben."
Der Oberst machte eine absprechende Bewegung. „Erlauben Sie mir, das zu bezweifeln!" Er lachte kurz auf. „Ohne Ihnen damit irgendwie nahe treten zu wollen. Der Verkehr eines jungen interessanten Mannes, eines Künstlers von Ruf obendrein, mit einem hübschen, eigenartigen, ich will nicht sagen „reichen" Mädchen nimmt immer eine gewisse Färbung an. So ängstlich versiegelt man kein Abschiedspräsent, denn was könnte das dicke Packet sonst enthalten an ihren Lehrer! Oder sie schickt Ihnen Ihre Briefe zurück? Das gäbe freilich zu denken!"
Leonore hatte mit steigender Unruhe bemerkt, daß ihr Mann ruckweise sprach und in jenen erregten Ton verfiel, der einen Ausbruch seiner Heftigkeit voraussagte. Seine Rechte rieb und strich das kranke Bein, während seine Linke ungeduldig am Bart zerrte.
Zornsprühend war Werner vom Sitz aufgesprungen. Eine weitere Auseinandersetzung verschmähend, erbrach er mit rascher Hand die Siegel und zerriß die Umhüllung. Ein zweites Packet kam zum Vorschein, welches in großen Zügen sehr leserlich die Aufschrift trug: „Herr Heinz von Götz." Eine offen beiliegende Visitenkarte war auf den Tisch gefallen. Werner war nicht weniger verblüfft über den Inhalt des Packeis als die Andern.
Leonore erfaßte mit rascher Geistesgegenwart die Sachlage und ihr helles Lachen verscheuchte die Gewitterschwüle, die auf den Gemüthern lastete. „Also dem kleinen Götz gehört dieser Gegenstand unendlicher Sorge? Das hätte ich nicht gedacht! Dieser Schlauberger! So geschwätzig sie ist und sosehr sie mich in ihr Herz geschloffen hat, hat sie mir doch den Namen nie genannt. Es läßt tief blicken!"
Werner hatte die Karte zur Hand genommen. „In dem Einschlag befindet sich das Notizbuch des Herrn von Götz," sagte er, „welches auf ganz eigene Weife in Astas Besitz kam. Sie bittet mich, es dem Eigenthümer zuzustellen und ihm mit meinem Wort dafür zu bürgen, daß sie nicht hineingeschaut habe, was sie ihm geschriebm hat. Sie verläßt sich auf meine Freundschaft und Discretion." Schmerzliches Bedauern durchklang seine letzten Worte und verrieth, wie sehr er sein schnelles Handeln bereue.
Auch Strehlen war mit sich unzufrieden. „Machen Sie sich keine Kopfschmerzen wegen des Vertrauensbruches," begütigte er den Maler, von dem lebhaften Verlangen erfüllt, ihn seine aufstachelnden Reden vergessen zu machen. „Es geschah doch lediglich im Interesse der Kleinen, wenn Sie das Packet hier öffneten. Selbstredend bleibt die Angelegenheit zwischen uns!"
„Das darf ich auch beanspruchen," erwiderte Werner mit einem Gemisch von Groll und Selbstanklage. „Freilich hätte ich mich nicht dazu sollen hinreißen lassen, die Siegel vor Anderer Augen zu brechen!"
„Aber, Herr Werner," suchte ihn Leonore zu besänftigen, „die Kleine hat keine wärmeren Freunde als uns, gleichviel, für wen ihr Herz schlägt. Ludwig und ich mußten ja denken, Sie seien Astas Auserkorener. Sie glauben nicht, mit welcher Begeisterung die Kleine uns von Ihnen vorschwärmte. Wir würden unseren ganzen Einfluß aufgeboten haben, um die Schwierigkeiten für Sie und Asta aus dem Wege zu räumen."
„Zu gütig, gnädige Frau," dankte der Maler mit herbem Anflug von Spott, „doch würde ich nie einer Vermittelung bedürfen, da ich niemals eine Verbindung eingehen würde, bei der das „reiche" Mädchen" — ein Blitz der Verachtung brach


