nehmen. Da Frau Huhn das sah, wollte sie den Rock eiligst entfernen.Ich habe Alles in dem Zustand gelassen," ent« schuldigte sie sich,in welchem es sich am letzten Tage seiner Anwesenheit hier befand."

Nein, bitte, lasien sie! Nehmen Sie ihn nicht fort! Ich bitte Sie inständigst darum!" rief Leonore, und breitete schützend ihre Hände über den Sammetrock.

Sie ließ sich in den Stuhl nieder und die Castellanin setzte sich gleichfalls, denn Leonore hatte versichert, wenn sie es nicht thun würde, sehe sie sich gezwungen, sofort aufzu- brechen.

Mit großer Vorsicht brachte die junge Frau das Gespräch auf ihre kleine Freundin und deren Abreise. Zu ihrer Be« ruhigung erfuhr sie, Asta habe der Castellanin für ihren Lehrer nur eine Karte zum Abgeben anvertraut. Von der Uebernahme eines Briefwechsels ließ sie nichts verlauten, als Leonore eine diesbezügliche Andeutung machte. Also hatte sich die Kleine in ihr Geschick gefunden und den Gedanken an eine heimliche, durch fremde Hände gehende Correspondenz aufgegeben.

Es war ein Leichtes für die gewandte Weltdame, auf die Jugend der alten Frau hinüber zu lenken und ihr die sichtliche Befangenheit, mit der sie bei ihren Antworten zu kämpfen hatte, allmählich zu nehmen. Die theilnahmsvollen Steuerungen der schönen, lieben, jungen Gnädigen thaten ihr wohl, und die Andacht, mit welcher sie ihren Worten lauschte, schmeichelte ihr- Als sie nun auf ihren Mann zu reden kam und wie sehr ihn Prinz Georg durch sein hohes Vertrauen geehrt, befand sie sich in ihrem richtigen Fahrwasier und er­ging sich vom Hundertsten ins Tausendste.

Leonore hatte sich bequem in den alten Sessel zurück- gelegt. Hier mag einst, vielleicht auf demselben Stuhl, dachte sie, der schöne Prinz geruht haben; dieser Raum sah seine Herzenskämpfe und der Kamin könnte erzählen, wie in einer stürmischen Novembernacht seine Flammen das bleiche Gesicht und die Lockenfluth der rothen Comtesie mit Gluth übergossen. Die von der Aufregung leicht gerötheten Wangen der jungen Frau schmiegten sich an den Sammetrock. Niederblickend nahm sie ein Paar weiße Handschuhe wahr, die in seiner Tasche steckten. Ohne es zu wiffen, nahm sie dieselben heraus und strich in unbewußter Spielerei liebkosend glättend darüber hin.

Es mußte in dem alten Saal eine Märchenstimmung in der Luft liegen. Eine Ahnung unendlichen Glücks beschlich Leonorens Seele. Alles hier heimelte sie so wunderbar süß an. Träumerisch schlossen sich ihre Lider- Die alte Frau, die des Erzählens nicht müde wurde, stand wohl auch unter dem Bann dieses Zaubers. In ihren blauen, vom Alter ge­schwächten Augen blitzte es auf wie Jugendfeuer, während, sie die alten Zeiten in ihrer Erinnerung lebendig werden ließ. Die schöne jugendliche Gestalt im Sesiel vor ihr mit dem langen, lockigen Goldhaar und den gesenkten Wimpern kam ihr wie ein gemaltes Bild vor. Sie mußte ihre Bewunderung in Worte kleiden, es drückte ihr das Herz ab.Nehmen Sie es mir alten Frau nicht Übel, aber es fehlt nur der Spinn­rocken und der Königssohn und ich würde meinen, das Mär­chen vom Dornröschen sei fertig-"

Leonore lächelte still vor sich hin.

Ein leises Räuspern von der Thür her antwortete dem Vergleich der Castellanin und machte sie zusammenfahren.

Ich hörte sprechen und habe dreimal geklopft, ehe ich eintrat," sagte der Maler.Sie scheinen zu erschrecken, .frei­lich hätte ich erst schreiben und Sie von meinem Eintreffen benachrichtigen sollen, aber meine Rückkehr kam früher, als ich eigentlich beabsichtigte."

Leonore öffnete groß die Augen und blieb ruhig in ihrer Lage» Sie sah ihn traumverloren an; hatten sich ihre Ge­danken doch mit ihm beschäftigt und ihn mit den Augen des Geistes fo deutlich vor sich gesehen, wie er jetzt vor ihr stand. Dann zum Bewußtsein der Gegenwart erwachend, schnellte sie in die Höhe und die Linke, welche noch immer Werners Hand­schuhe hielt, fuhr unwillkürlich nach dem Herzen.

Ich habe Sie erschreckt, gnädige Frau, ich bitte tausend­

mal um Verzeihung! Laffen Sie sich durch mein unerwartetes Erscheinen hier nicht stören. Ich wollte mich nur für morgen Vormittag bei Mama Huhn anmelden," er reichte der Castellanin die Hand zum Abschied,und gehe schon wieder."

Nein, bitte, Herr Werner, bleiben Sie doch!" stammelte Leonore in abgeriffenen Lauten, denen man das Herzklopfen anmerkte.Ich habe mich ohnehin schon viel zu lange hier aufgehalten. Es ist hohe Zeit, daß ich gehe! Mir sind die Stunden wie im Fluge entschwunden. Ich glaube, ich hätte hier Tag und Nacht sitzen und zuhören können."

Frau Huhn war mittlerweile Astas Karte eingefallen, welche sie gleich abgeben wollte.

Der Maler überflog sie.Meine Schülerin verweist mich an Sie, gnädige Frau?" Er hielt ihr die Karte hin.Sie seien in Alles eingeweiht und würden die Güte haben, mir die nöthigen Aufklärungen zu Theil werden zu laffen."

Asta ist auf längere Zeit verreist, hauptsächlich auf Ernas Veranlassung," belehrte sie ihn.Das Weitere wird Ihnen wohl der Brief sagen, der im Geheimfach meines Schreibtisches auf Sie wartet."

Wenn Sie gütigst gestatten, gnädige Frau, werde ich mir morgen erlauben, denselben in Empfang zu nehmen und zugleich Ihrem Herrn Gemahl den seinerzeit in Italien ver­sprochenen Besuch zu machen."

Wenn ich um Eines bitten dürfte," wandte Leonore ein und hielt dann merklich verlegen inne.

Bestimmen Sie gefälligst den Tag," bat er,sollte ich morgen ungelegen kommen?"

Durchaus nicht."

Frau Huhn, welche annahm, ihre Gegenwart sei bei dieser Auseinandersetzung störend, wagte die Bitte, die gnädige Frau möchte sie für ein paar Minuten entschuldigen und bis zu ihrer Rückkehr verziehen. Sie möchte ihr noch eine Kleinigkeit als Andenken aus dem Stift einhändigen.

Sie kommen nicht ungelegen," sagte Leonore,nur möchte ich nicht gern, daß Sie unsere Begegnung an diesem Orte erwähnten, weil ich vergeffen hatte, meinem Gemahl mit* zutheilen, ich wollte hierher gehen."

Sie senkte den Kopf beim Sprechen, um ihm nicht in bte Augen blicken zu müffen und wurde dabei seiner Handschuhe ansichtig, welche sie noch immer hielt. Verwirrung und Scham färbten ihre Wangen höher.Ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin! Ich muß sie mir in der Zerstreutheit angeeig. net haben!" Sie legte sie auf den Sammetrock.

Ah, die meinen?" stutzte er.Ich besinne mich von der Hochzeit des Fräulein von Schönholz." Er hätte nicht um die Welt den Namen ihres Vetters jetzt nennen mögen. Mit raschem Entschluß trat er ihr noch einen Schritt näher. Soll ich noch länger auf ein Zeichen Ihrer Verzeihung warten?" fragte er mit leisem Vorwurf.

Sie vermochte kein Wort hervorzubringen, aber ihre Hände streckten sich ihm entgegen und legten sich in die seinen und ein Strahl heißer Sehnsucht brach aus ihren Augen, als sie die­selben halb zu ihm aufschlug. So rasch sie sich auch wieder senkten, hatten sie ihn doch einen tiefen Blick in ihre Seele thun lassen. , ~

Hüstelnd und mit sich selber redend, schlürfte Frau Huhn über den Corridor. Ihre beiden Lieblinge sollten nicht durch ihr Kommen überrascht werden und sollten sich noch ausplau­dern können, ehe sie wieder eintraf. Unter vielen Knixen über­reichte sie dann der gnädigen Gräsin ein in Seidenpapier ein­geschlagenes Kästchen und betonte ausdrücklich, sie dürft es erst zu Hause von der Umhüllung befreien.

Leonore dankte der Frau mit herzlichen Worten für bte unscheinbare Gabe. Wie groß war ihr Erstaunen, daheim beim Oeffnen des Kästchens ein äußerst werthvolles, mit großen, schönen Brillanten geschmücktes, altmodisches Medaillon vorzu­finden. Es enthielt eine Locke von goldrother Farbe- Auf einem beiliegenden Zettel stand in schnörkeligen Schriftzügen, denen man die zitternde Hand anmerkte, die sie geschrieben: Dies Schmuckstück gehörte der nachmaligen Gräsin Feldern und befand sich in Prinz Georgs Nachlaß. Der liebe Gott