Nr. 74
1893
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Dienstag, den 27. Juni.
Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Fortsetzung).
Strehlens saßen am Frühstückstische, Jeder hielt einen Zeitungsbogen und schien in die Seetüre vertieft. Ab und zu lugte der Oberst über den Rand des Papiers hinweg, aber seine Frau sah nicht auf; der Roman nahm augenscheinlich ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Thee bei Hof hatte zu einer ernsten Verstimmung Grund gelegt- Fürst Heinrichs Knopfloch zierte eine rothe Nelke und Leonore trug dieselben Blumen statt der Brosche als Schluß des tiefen, herzförmigen Ausschnitts ihres Kleides. Als die Fürstin es entdeckte, scherzte sie, Frau von Strehlen sympathisiere merkwürdig mit ihrem Gemahl.
Der Oberst war durch die harmlose Neckerei unangenehm berührt worden und machte auf der Nachhausefahrt seinem Aerger Luft. Seine Frau hätte sich durch die Blumen auffällig gemacht, drückte er sich aus; auch scheine die Schneiderin das Kleid verpaßt zu haben. Leonore erwiderte ihm, durch seine ausfallenden Aeußerungen gereizt, die Fürstin liebe es nicht, trage man, außer bei großem Anlaß, viel Schmnck zur Schau und da diese Nelken gerade ihre Lieblingsblumen seien, habe sie sich eigens deshalb vom Hofgärtner welche besorgen lassen.
„Wünschest Du es, werde ich in Zukunft in Toiletten- Angelegenheiten Deine Autorität zu Rathe ziehen," hatte sie erbittert über die unverdienten Vorwürfe geschlossen. Darauf hatten sie nicht weiter zusammen gesprochen und Strehlen hatte sich beim Nachhausekommen mit einem kurzen Gutenacht noch auf sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Ihr waren die raschen Worte gleich nachher leid gewesen und sie hätte sie gern zurückgenommen, wenn nicht ihr Stolz sie daran gehindert hätte. Sie fühlte sich zu verletzt! That doch Ludwig nicht anders, als habe sie es eigens darauf abgesehen, mit dem Fürsten gleichen Geschmack zu zeigen, gewissermaßen um damit zu kokettiren.
Jetzt überlegte sie, welches Gespräch sie beginnen könnte, ohne an gestern anzuknüpfen und den gehabten Verdruß auf» zuführen. Ihr Vorhaben, Frau Huhn zu besuchen, kam ihr dabei in's Gedächtniß zurück. In acht Tagen, hatte Asta ge» meint, werde der Maler wieder in der Residenz sein; dann konnte sie nicht mehr nach dem Stift gehen; je eher es also geschah, desto besser war es.
„Ich gehe im Laufe des Vormittags aus, Ludwig," sagte
sie, „vorausgesetzt, daß es Dir recht ist? Oder hattest Du für heute etwas vor?"
„Muß es gerade am Vormittag sein?" fragte er.
„Ich wäre am liebsten vor Tisch gegangen," entgegnete sie ruhig.
„Dann stehe ich mit meinen Wünschen selbstverständlich zurück," äußerte er mit schneidender Höflichkeit. „Ich beabsichtigte nur, Dir den dritten Abschnitt meiner Arbeit vorzulesen. Verlierst nichts daran! Dergleichen Seetüte ist für eine Dame höchst uninteressant! Jedenfalls wirst Du Dich anderweitig besser unterhalten und hast keinen verlorenen Vormittag zu beklagen-"
„Die geistige Thätigkeit meines Mannes wird mir immer Interesse abgewinnen, Sudwig," widersprach sie rasch und mit Wärme, „ich bin nach Kräften bemüht, Deinem Gedankengang zu folgen. Ich dächte, meine häufigen Fragen, ist mir etwas unklar und unverständlich, sollten Dir der beste Beweis dafür sein. Nun bleibe ich bestimmt zu Hause und sehe Deiner Vorlesung zu jeder Zeit entgegen!"
Er ergriff ihre Hand und führte sie galant an die Lippen, trotzdem forschte er argwöhnisch, ob sie denn am Nachmittag ausgehen würde.
„Wenn Du irgend etwas vor hast, nicht! Meine Besorgungen sind durchaus nicht dringend und ich bin ganz zu Deiner Verfügung," hatte sie mit sanfter Nachgiebigkeit geantwortet, worauf der Oberst versetzte, er habe für heute nichts weiter vor. Die Aufstellung der letztgekauften Sachen ginge erst morgen Nachmittag vor sich; er habe nur das Datum verwechselt.
Strehlen pflegte nach Tisch ein Stündchen Nachmittagsruhe zu halten und Seonore hielt es für das Beste, seine Schlafenszeit gleich mit für ihr Vorhaben zu benutzen- Sie brauchte dann ihrem Mann ihre Gesellschaft nicht zu lange zu entziehen. —
Die alte Frau war vor Freude über diesen nie erhofften Besuch ganz außer sich. Sie schloß ihr mit zitternder Hand den Saal auf, der Werner zum Atelier diente. Seine Staffelei, wie die umherltegenden Bücher und Sachen ließen den großen Raum bewohnt erscheinen. Ein eigenes wunderliches Gefühl überkam Seonore, während sie ihre Blicke durch den Saal schweifen ließ.
Wie vertraute Freunde sprachen seine Geräthschasten zu ihr. Es muthete sie an, als müsse sie in ihren Träumen in einem ähnlichen Gemach zu Hause sein.
Ueber der Sehne des einen Stuhles, nahe am Karnin, hing sein brauner Sarnrnetrock.
Es zog Leonore dorthin, gerade in dem Stuhle Platz zu


