Ausgabe 
27.5.1893
 
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Die 120,000 Mark, welche Ludwig Malten und die Herren Leixner und Künnemann vorstreckten, wurden nur als Gefällig' 'eit gegenüber Herrn Hülsemann angesehen und blieben bei der Abmachung mit den Gläubigern außer Betracht.

Ludwig Malten athmete erleichtert auf, als der Vertrag mit den Gläubigern fertig war. Nun hatte er zunächst doch das Schlimmste von dem ehrwürdigen Haupte des alten Hülse- mann abgewandt und konnte mit voller Thatkraft den Versuch einer Rettung und Wiederherstellung des Bergwerkes machen und der hochbefähigte Mann hoffte auf das schließliche Gelingen eines Planes.

Freudigen Herzens eilte er eine halbe Stunde später, be­gleitet von den Herren Leixner und Künnemann, nach dem Hülsemann'schen Landhaus, um dem tiefgebeugten Bergwerks- Besitzer und der geliebten Braut die hoffnungsvolle Nachricht zu überbringen.

Die Begebenheiten der letzten Woche hatten den Com- merzienrath Malten' in eine große seelische Aufregung gebracht. Durch die seltsame Abmachung mit dem Bankier Butzhold war der Commerzienrath nicht allein in eine verhängnißvolle Ab- hängigkeit von diesem verschlagenen und unter Umständen sehr rücksichtslosen Manne gerathen, sondern Malten sah zu seinem Schrecken auch nur zu bald ein, daß die Ereignisie einen ganz anderen Lauf nahmen, als er wünschte. Sein Sohn war um keinen Preis der Welt dazu zu bewegen gewesen, die heimliche Verlobung mit Käthchen Hülsemann aufzuheben, und hatte der darüber zwischen Vater und Sohn ausgebrochene Meinungs­streit zu einem vollständigen Bruche zwischen beiden geführt. Ludwig hatte das väterliche Haus und Geschäft verlasien und der Commerzienrath sah ihn nicht mehr, sondern hatte nur er­fahren, daß Ludwig als Bevollmächtigter von Matthias Hülse­mann thätig sei.

Der Verlust des einzigen braven Sohnes und dre trübe Aussicht, das dem Bankier Buchhold gegebene Versprechen nicht halten zu können, sowie die seit dem Weggange Ludwigs ge- steigerten geschäftlichen Sorgen drückten den Commerzienrath beinahe nieder. Doch immer und immer wieder raffte sich der gequälte Mann wieder auf und kämpfte weiter.

So aufgebracht Malten auch zuweilen über seines Sohnes Handlungsweise war, so konnte er auf die Dauer doch dem- felben im Herzen nicht zürnen, denn er wußte nur zu genau, daß Ludwig lediglich aus den edelsten Beweggründen so gehan- beit hatte, wie er es gethan, aber dem Stolze des Vaters widerstrebte es, aus eigener freier Entschließung sich mit dem Sohne zu versöhnen, und so blieb der Bruch bestehen.

Malten wußte im Uebrigen auch nur zu genau, daß er geschäftlich nur in neue Verlegenheiten kommen würde, wenn er sich jetzt mit Ludwig versöhne, denn dieser setzte seinem ganzen Character nach alle Mittel in Bewegung, um Hirse- mann» Bergwerk zu retten und da konnte es gar nicht aus­bleiben, daß er auch den Vater in Anspruch nehmen wurde, wenn er mit diesem wieder ausgesöhnt war. Dadurch wären aber nicht nur des Commerzienraths jetzige finanzielle Mittel in verhängnißvolle Mitleidenschaft gezogen worden, sondern eine solche Haltung hätte auch den Bankier Buchhold in hohem Maße gegen ihn aufgebracht. .

Den kleinen Bankier fürchtete der Commerzienrath seit dem Weggänge Ludwigs überhaupt wie das Feuer und suchte einer Begegnung mit ihm auszuweichen. Unruhig ging auch heute Nachmittag wie an den vorhergehenden Tagen der Com­merzienrath in seinem Garten auf und ab und rief wiederholt halblaut:O, mein Kopf, mein Kopf! Er wird mir noch zer­springen! Ich finde keinen Ausweg aus diesem Labyrinth i Söhne ich mich mit Ludwig aus und trete ich auf Hülfemanns Seite, so wird mich Buchhold unfehlbar geschäftlich rmmren, denn die 400,000 Mark kann ich schwerlich am 7. October schon zahlen. Halte ich aber den Bruch mit Ludwig aufrecht, so bleibt mir ein Stachel im Herzen so lange ich lebe, und die Unwahrscheinlichkeit, meinen Verpflichtungen gegen Buchhow nachzukommen, bleibt trotzdem bestehen- O, diese blinde Liev

Gläubiger können sich dann etwa noch an das Hülsemann'sche Landhaus halten, welches wegen feiner großen Entfernung von der Stadt aber keinen bedeutenden Werth hat- Zudem würden bei dem ausbrechenden Concurfe die Gerichts- und Verwaltungs­kosten noch einen guten Theil der Activa verschlingen. Diese trüben Aussichten, meine Herren, werden aber besser, wenn Versuche zur Rettung und Wiederherstellung des Bergwerkes unternommen werden. Den Werth der Felix-Grube schätzte man noch vor drei Tagen auf 800,000 Mark und die gesammte Schuldenlast ist nicht höher als höchstens 212,000 Mark, wie Sie selbst wissen. Gelänge es nun, das Bergwerk wieder so herzustellen, daß e» annähernd seinen alten Werth wieder be­käme, so würden alle Gläubiger ihr Geld bei Heller und Pfennig erhalten. Meine Herren, ich bin zwar kein Berg- techniker, aber ich bin practischer Ingenieur und habe schon gestern bei den Rettungsarbeiten in der Felix-Grube geholfen und die Wiederherstellung des Bergwerks in's Auge gefaßt. Leicht und billig werden die betreffenden Arbeiten zwar nicht werden, aber sie sind durchführbar, wenn uns die Herren unterstützen. Ich schätze die Kosten der vollständigen Wieder- Herstellung auf 200,000 bis 250,000 Mark und denke mir, daß diese Kosten folgendermaßen aufgebracht werden: W steuere 60,000 Mark, 60,000 Mark wollen die hier anwesen­den Herren Leixner und Künnemann bewilligen und die noch fehlenden 80,000 bis 130,000 Mark müssen die Herren Gläu­biger aufbringen." ,

Eine allgemeine Bewegung ging bei den letzten Worten Ludwigs durch die Reihen der Gläubiger und durcheinander erschollen die Rufe:Wie? Geld sollen wir noch darauf zahlen? Solche Zumuthung! Daraus wird nichts! Ich zahle keinen Heller! Ich verlange mein Geld!"

»Ich hoffe, daß Sie sich den Vorschlag noch einmal reif­lich überlegen werden, meine Herren," fuhr Ludwig fort, als sich der Lärm gelegt hatte.Die Summe, die Sie zeitweilig opfern sollen, ist doch nur eine Art Versicherungsprämie für Ihre ganzen Forderungen, welche sie wahrscheinlich dadurch retten werden- Ist das Bergwerk wieder hergestellt, so ist es wahrscheinlich doch mindestens 500,000 bis 600,000 Mark werth und dann müssen Sie Alle Ihr Geld bekommen. Treiben Sie aber die Angelegenheit zur Subhastation, so verlieren Sie fast Ihre ganzen Forderungen. Besonders möchte ich Herrn Ecler, den größten Gläubiger, bitten, seinen Einfluß geltend zu machen, daß das Arrangement zu Stande kommt. Das­selbe ist in Ihrem Interesse, Herr Erler, denn es sichert auch den Werth Ihrer Hypothek, welche unter Umständen nur halben Werth hat, wenn-Sie mir nämlich nicht beistehen, das Berg­werk zu retten." ,

Ich trete dem Vorschläge bei und bewillige meinerseits ein Darlehn von 30,000 Mark," erklärte der Bankier Erler jetzt,und die anderen Herren mögen die 100,000 Mark auf­bringen oder den Betrag von 50,000 Mark, falls nicht mehr nöthig fein follte."

100,000 Mark sind zu viel für die übrigen Gläubiger," erwiderte jetzt Herr Faber.Sie haben die größten Gewinn­aussichten, Herr Erler, und können deshalb auch das größte Risiko tragen. Wir wollen zusammen 50,000 Mark überneh- mehmen, und falls weitere 50,000 Mark für die vollständige Wiederherstellung des Bergwerkes nöthig fein sollten, so soll Herr Erler dazu noch 20,000 Mark beitragen, während wir uns in den Rest theilen würden."

Einige Gläubiger, zumal der spindeldürre Mann mit der Fistelstimme, opponirten noch heftig gegen diese Vorschläge, aber sie blieben in der Minderheit und fügten sich schließlich den Zureden Künnemann», Leixners und Erkers.

Es wurde nun ein förmlicher Vertrag zwischen den Gläu­bigern und Ludwig Malten, als dem Bevollmächtigten Hülse­manns, in der Weise abgeschlossen, daß die ersteren in vier Raten die Summe von 130,000 Mark zur Rettung und Wiederherstellung der Felix-Grube beizusteuern hatten, welche Summe nebst den übrigen Forderungen aber als zweite Hypo­thek auf das Bergwerk einzutragen war und deren eventuelle Kündigung sich die Gläubiger nach Jahresfrist ausbedangen.