Ausgabe 
27.4.1893
 
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Mut hat sich die Gesellschaft um zwei gute Bekannte vermehrt Armgard Holten und Leonhard Marbach. Sie sind beide von ihren Erholungsreisen zurückgekehrt und muffen immer und immer wieder ausführlich erzählen, wie sie sich gefunden.

Was soll ich weiter berichten, meine lieben Freunde," sagte Marbach mit einem freudestrahlenden Blick auf Armgard, sie kam, sah und diesmal besiegte ich die spröde Korb» spenderin im Sturm, indem ich sie ohne Weiteres an mein Herz schloß und nicht wieder freiließ.

Der entsetzliche Mensch 1" schalt Armgard, sich mit Tante Hanna in's Zimmer flüchtend und die Thür hinter sich ver­riegelnd.

Hanna sah sie fest an und fragte:Lieben Sie ihn denn auch von ganzem Herzen ohne den Nachgeschmack jener einstigen Neigung, mein theures Kind?"

Ja, mein einziges Tantchen, ich liebe ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, weil er mir schon gleich am vorigen verhängnißvollen Pfingsten so gut gefiel."

Dann bin ich beruhigt, Ihre Briefe waxen mir nicht recht verständlich, der letzte aus Kairo aber ließ mich ahnen, daß ich heute ein Brautpaar begrüßen werde. Gott segne Sie und erhalte Ihnen dieses Glück!"

Draußen auf der Veranda saßen die Herren im leisen Gespräch.

Herr Doctor," sagte Marbach halblaut,ich verdanke Ihnen mehr als nteht Leben, das mir ohne Armgard doch werthlos schien. Sie haben mir geholfen, mein Glück wieder- zufinden, haben mir Hoffnung und kecken Muth in's Herz ge­flößt und durch ärztliche Schachzüge mir die Spröde in die Arme getrieben."

Ja, ich habe der Vorsehung ein wenig nachgeeifert," sprach Doctor Peters lachend.Es machte mir Spaß, Sie Beide, die doch so vortrefflich für einander paffen, nach Afrika zu schicken, um dort Verlobung zu feiern."

Bravo!" schrie Reinhardt überlaut.Unser Doctor soll leben! Nun kommen Rotenhof und Ebenheim also doch richtig unter eine Firma"

Schreien Sie nicht so fürchterlich," bat der Doctor, be­sorgt nach dem offenen Fenster blickend,wenn die Braut der­gleichen Schachzüge merkt, wäre sie im Stande, noch zurück­zutreten. Machen Sie schleunigst Hochzeit, lieber Marbach!"

In spätestens vier Wochen," erwiderte dieser, rasch an's Fenster tretend und der sich lächelnd, mit drohend emporgeho- benem Zeigefinger herausbeugenden Armgard einen Kuß auf die frischen Lippen drückend.

Er bleibt das Haupt!" rief Reinhard triumphirend.

Und meine Frau die Krone!" sprach Marbach, ihre Hand zärtlich an die Lippen ziehend.

An unsere Mütter!

----- (Nachdruck verboten.)

Wenige Wochen noch und wir treten in die heißeste Zeit des Jahres ein, mit welcher dann das Schreckenszefpenst der großen Kindersterblichkeit allüberall an der Eltern Thüre klopft. Nach der ersten Woche andauernder Wärme tritt es auf, rafft in den großen Städten ungefähr den zehnten Theil aller im Säuglingsalter stehenden Kinder binnen wenig Monaten hin­weg und verschwindet mit Eintritt des kühleren Wetters. Aber nicht nur in den großen Städten fordert der unerbittliche Tod seine Opfer; auch die mittleren und kleinen Gemeinden sowohl, als auch das platte Land haben, wenn auch in geringeren procentualen Sätzen, ihren Tribut zu zollen. Die erschreckende Regelmäßigkeit, mit welcher sich die Seuche allsommerlich ein­stellt, erscheint wohl so manchem als das Walten eines ehernen Naturgesetzes. Und doch, je eingehender die Aerzte auf diesem Gebiete forschen, desto klarer tritt zu Tage, daß der mensch­liche Unverstand, die Sorglosigkeit der Mütter und Dienstboten meist die Hauptschuld tragen. Wieviel hierbei an den kleinen hilflosen Wesen gesündigt wird, wie die sich nicht wehren können­

den Kleinen in den Tod getrieben werden, das wollen wir einmal näher betrachten.

Kein Erwachsener ist im Zweifel, was er zu thun und zu laffen hat, wenn ihn des Sommers Hitze plagt, wenn man, wie der landläufige Ausdruck sagt, es vor Gluth kaum noch aushalten kann. Man kleidet sich leichter, als zur kälteren Jahreszeit, nimmt ein kühles Bad entweder im Zimmer, oder im nahen Fluffe, lüstet von Früh bis Abends die nach Norden gelegenen Zimmer, hält sich mehr an erfrischende Getränke (Milch, Limonaden, leichte Biere re.), als an nähr« hafte Speisen, und wenn man sich schlafen legt, sucht man an Stelle der dicken Federbetten leichte wollene, mit leinenen Ueberzug versehene Decken herzu. Wir wollen gleich an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben, daß es durchaus falsch ist, wenn behauptet wird, daß das Schlafen bei offenem Fenster schädlich ist. Man möge es nur versuchen, aber wenn irgend ein Angstmeier das Zipperlein fürchtet, mag er im Neben­zimmer die Fenster öffnen und selbstverständlich die Zwischen- thür offen laffen.

Doch nun zurück zu unseren Kleinen. Daß diesen die Sommerhitze nicht mindere Qualen bereitet und daß ihnen des­halb dieselben Erleichterungen verschafft werden müssen, ohne welche die Erwachsenen nicht auskommen können, ist eigenilich selbstverständlich; leider bedenkt das die große Mehrzahl der Eltern nicht. Denn sonst würde man die armen hilflosen Ge­schöpfe nicht unter Türmen von Federbetten oder festgeschnallt in die geradezu mörderisch wirkenden Steckkissen hinter ge­schloffenen Fenstern oder in dicht verhangenen Kinderwagen schmachten laffen. Gedankenlos gönnt man ihnen nichts als warme, oft heiße Milch oder dicken Mehlbrei als einziges Mittel zur Stillung des brennenden Durstes. Kein Wunder, daß das Uebermaß an Nahrung, welches die Kleinen in ihrer Verzweiflung hinunterhasten, ihnen den so häufig mit tödtlichem Ausgang endenden Brechdurchfall bringt.

liebet die Unsitte des Einwiegens der Kinder in den Schlaf brauchen wir wohl kaum noch zu sprechen. Gott sei Dank, daß diese Schlummer<mord)instrumente jetzt überall verschwunden sind. Dahingegen wird mit der Ausstattung der Kinderwagen viel gesündigt. Grell rothe oder blendend weiße Decken und Vorhänge zieren nach Ansicht mancher Mütter den Wagen am schönsten. Und doch bedenkt niemand, daß derartige Ausstatt­ung der Kinderwagen für die Augen der Kleinen vollständig verwerflich ist. Will man den Wagen recht schön ausstatten, so wähle man ein hübsches, nicht grelles Blau zu den Decken und Vorhängen und stecke den knallrothen Plunder in den Ofen. Außerdem packe man die Kinder nicht in dicke Federbetten, sondern hülle sie leicht in gute Decken ein. Am Tage er­frieren die Kinderchen hierbei nicht, und Abends gehören sie nicht mehr ins Freie, sondern ins Bett!

Habt also Erbarmen für die Kindlein, denen Worte noch nicht zu Gebote stehen, um ihre Leiden und Bedürfnisse zu nennen! Bettet und kleidet sie kühl, sobald die heiße Jahres­zeit eintritt. Gönnt ihnen luftige Räume, Freiheit der Be­wegungen und vor allen Dingen täglich erfrischende Ab­waschungen. Dann lasse man sie gegen Durst, wenn solcher nach Verabreichung der gewohnten Nahrungsmenge noch vor­handen ist, nach Herzenslust wässeriges Getränk (guter reines Wasser, Zuckerwasser, dünnen schwarzen Thee) kühl oder ge­wärmt, je nach Belieben und Gewohnheit trinken und sehe end­lich recht oft nach, daß die Kleinen nicht in Nässe und Koth liegen. Nicht unerwähnt möge bezüglich der Getränke noch sein, daß die beste Milch, in Uebermaß genossen, mehr schaden als nützen kann. Leider wird gar zu häufig dre selbstoerstan^ lich wichtige Fürsorge für unverdorbene, keimfreie Kuhmilch als einzige Schutzmaßregel gegen den Brechdurchfall in der Sommerzeit gepredigt, alles andere aber unerwähnt gelassen, was zu seiner Verhütung geschehen kann und muß-

Am einfachsten und dankbarsten aber gestaltet sich die,Auf- gäbe der Erziehung für diejenigen Mütter, welche ihre Kinder selbst nähren. Es ist statistisch nachgewiesen, daß Brustkinder nur ausnahmsweise infolge Brechdurchfalls versterben.

Also namentlich an Frauen, die ihrer Niederkunst ent-