— 194 ~
zu fällen. Sie verdammen mich damit zu einer grausamen Folter."
Wieder streifte sein Blick, welcher den scheuen und wilden Ausdruck verloren, jene leere Stelle, doch war und blieb die Erscheinung verschwunden.
Das Geschworenen-Gericht, vor welchem der sensationelle Fall verhandelt worden war, hatte das Todesurtheil über Steindorf gefällt, die ganze Verhandlung aber nur wenige Stunden in Anspruch genommen, da der Angeklagte in allen Punkten geständig war und jede Vertheidigung energisch ab» lehnte.
Er konnte sich ja nicht verhehlen, daß er so wie so unrettbar verloren sei, weshalb er die öffentliche Schaustellung seiner Person um jeden Preis abkürzen wollte. Demgemäß verzichtete er auch auf ein Gnadengesuch und erbat sich als solches nur eine möglichst beschleunigte Vollstreckung des Urtheils.
Sein gewohntes hohnvolles Lächeln war verschwunden, er konnte die Ermahnungen und Trostworte des Geistlichen ruhig anhören und sogar wieder schlafen. Ob sein Kind ihm vor dem letzten verhängnißvollen Augenblick noch einmal erschienen? — Der Geistliche, welcher seine Hand ergriffen, fühlte plötzlich einen krampfhaften Druck, sah seine Augen weit geöffnet nach oben gerichtet und vernahm den leisen Ausruf: „Lotta, bitte für mich!"
Im nächsten Augenblick war Alles zu Ende!
* * *
Wieder war es Lenz geworden und auf's Neue sproßte, grünte und blühte es in Tante Hannas Garten. Ein neues Haus war aus der Asche erstanden, genau wie das alte ge- wohMe Heim der Greisin, welche die ärztliche Kunst nicht blos vom leiblichen, sondern, was noch mehr bedeutete, auch vom geistigen Tode zu einem neuen Leben errettet hatte.
Und wieder klangen die Pfingstglocken von den Thürmen der Stadt, — mit Maienbäumchen war Tante Hannas Gartenpforte und die Veranda geschmückt, da man es sich nicht hatte nehmen lassen, die alte Freundin mit diesem Gruß zu erfreuen. — Sie wußte es wohl, wie hart und schwielig die Hände waren, welche ihr diese Maienfreude bereitet.
Tante Hanna saß auf ihrer Veranda, da der Arzt ihr den Kirchenbesuch noch nicht erlaubt hatte. Doctor Peters saß neben ihr und gegenüber der Maler Reinhardt, welcher sein Augenlicht behalten und eine Menge Verzierungen und Arabesken, wie er die Narben nannte, noch als hübsche Zugabe bekommen hatte.
„Denn sehen Sie, meine liebe Freundin," schloß Reinhardt soeben seine Krankengeschichte, „den größten und handgreiflichsten Vorthell hat doch im Grunde unser Doctor hier aus dem schauerlichen Drama gezogen. Ja, schauen Sie mich nur recht grimmig und verwundert an, alter Aeskulap! — Ist es nicht wahr, daß jener Mensch, dessen Namen wir verschworen haben, unter uns zu nennen, Ihren ärztlichen Ruhm durch ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet und erhöht hat? — Hat der Schinderhannes nicht etliche von uns armen Menschenkindern so wundervoll zugerichtet, daß alle Aerzte Sie um uns beneidet haben? Und ist es Ihnen nicht gelungen, meine unglückselige Visage und vor allen Dingen meine Augen, Tante Hannas zerschlagenes Gehirn und sogar unfern Todes-Candi- daten Marbach wieder prachtvoll zusammenzuflicken, daß wir allesammt uns noch des schönen Lebens freuen und den Herrgott preisen können für die Gnade, unserm Städtchen einen solchen medicinischen —"
„Nun hören Sie aber auf," unterbrach ihn der Doctor, die Ohren zuhaltend, „Sie blasen ja eine unausstehliche Fanfare. Wollen Sie denn durchaus, daß ich's Ihnen heimzahle und Sie mit Raphael, Rubens und Titian vergleichen soll? Der Teufel hole alle Reclame und Unvernunft!"
„Lassen Sie ihn nur immerhin Ihr Loblied singen, Herr Doctor!" sprach Tante Hanna mit ihrem alten milden Lächeln. „Freund Reinhardt macht's ja stets ein wenig arg, aber wahr bleibt es doch, daß Sie wahre Wunderkuren an uns verrichtet haben. Ich selber weiß nur noch, wie schwer ich mich auf
etwas besinnen konnte, und daß es mir zuweilen noch nicht leicht fällt, meine Gedanken zu concentriren. Was Sie mir über meinen geistig-todten Zustand, der eine Lücke in meiner Erinnerung bildet, gesagt haben, ist so furchtbar, daß ich meinem Retter weder durch Dankesworte noch durch die That zu vergelten vermag. Nächst Gott sind Sie, lieber Doctor, die Leuchte meiner letzten Lebenstage geworden, da ich's nun einmal für ein grausames Geschick halte, einen zweifachen Tod zu leiden und schließlich wie eine gedankenlose Pagode wegzusterben."
„Na ja, ich freue mich doch auch, Sie wieder herausgeflickt zu haben," rief der Doctor, seine Rührung unter einem bitterbösen Gesicht verbergend. „Wissen möchte ich's aber nur, wo Fräulein Holten jetzt in der Welt umherflreift. Ich habe ihr für den Winter Italien verschrieben, das sie aber bereits im Februar mit Afrika vertauscht hat."
„Was will sie denn dort?" fragte Reinhardt erstaunt, während Tante Hanna still vor sich hinblickte. „Fürchte meiner Treu doch, daß sie den Schinderhannes —"
Tante Hanna hob die Hand und blickte ihn strafend an.
„Gut, gut, ich bin schon still," brummte der Maler, „das Schooßkind darf mit keinem schiefen Seitenblick gestreift werden. Was aber eine alleinreisende Dame —"
„Sie reist nicht allein, wie Sie sehr wohl wissen, Herr Reinhardt," unterbrach Hanna ihn auf's Neue, „es ist leider Gottes eine böse Gewohnheit von Ihnen, alles Reine zu verlästern."
„Da hören Sie's, Doctor, welch' verkanntes Genie ich bin," sagte der Maler achselzuckend, „die Wahrheit wird selbst von solchen milden Augen zur Lästerung umgewandelt. Meinetwegen mag Fräulein Holten nach dem Monde reisen, mich soll's nicht kümmern. Wäre mir auch noch erklärlicher, als just nach Afrika! Was die Evers dort wohl zu den Heiden und Türken sagen wird? — Die alte Mamsell ist auch eine nette Begleiterin für eine junge ruhelose Dame. — Wen hat sie denn als Mrthschafts-Cerberus in Edenheim eingesetzt?"
Tante Hanna wollte böse werden, mußte aber doch lachen und nannte ihn unverbesserlich.
„Mamsell Evers ist just die beste Gesellschafterin für das Fräulein," bemerkte der Doctor, „und das Klima in Afrika sehr zuträglich für derartige Nervenleidende wie Fräulein Armgard. Seeluft, fremde Eindrücke, Strapazen sind ganz vortreffliche Heilmittel, wenn's auch gerade nicht meine Absicht gewesen ist, sie dorthin zu senden. Glaube, sie haben sich einer deutschen Familie angeschlossen."
Tante Hanna sagte kein Wort dazu.
„In Edenheim wird Mamsell Evers einstweilen durch ihre Nichte, einer jungen Pächterswittwe, vertreten," bemerkte sie nach einer Weile.
„Hm, was geht'« mich an," weinte Reinhardt mit einem humoristischen Seitenblick auf das nachdenkliche Gesicht der Greisin, „Fräulein Holten und ich waren immer Antipoden. Aber daß der Bursche, der Leonhardt Marbach, mir nicht ein einziges Mal geschrieben —"
„O doch, er sandte Ihnen einen Nmjahrsgruß, Sie Undankbarer!" fiel Tante Hanna ihm energisch in'S Wort.
„Richtig, mein Gedähtniß wird auch schwach, wie ich merke, — Sie haben Recht, bekam aus Rom einen Gruß und einen echten Raphael, den ich nicht sür tausend Mark hergeben würde- Wo der Heide — denn ein solcher ist er in Kunstsachen — dieses Juwel aufgegabelt hat, das möchte ich wissen- Na, Sie haben's ja Beide gesehen, aber was er dort den Winter über getrieben und wo er überhaupt geblieben ist, da» weiß ich bis zur Stunde nicht."
„Ich denke, er ging nach Nizza und hat dort Fräulein Holten getroffen," warf Doctor Peters ruhig hin.
Reinhardt blickte ihn verdutzt an und stieß dann einen langgezogenen Pfiff aus.
♦
Vierzehn Tage später finden wir unsere Freunds wieder auf der Veranda von Tante Hannas Haus versammelt, wo seit Eintritt milder Witterung der Sammelpunkt derselben war,


