Ausgabe 
27.4.1893
 
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Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledem nicht von ihm ab und hockte im Schlaf und Wachen ihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er ein blasses Gesichtchen mit der Todeskugel in der Stirn, weitgeöffnete starre Kinderaugen schauten ihn unverwandt an und eisige Händchen umklammerten die seinen, daß die tödtltche Kälte ihm schauernd durch die Adern kroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ.

Es hals ihm nichts, ob er wachte oder schlief, das Ge- penst drängte sich in seine Träume, er sah es durch die ge- chloflenen Lider, es wachte mit ihm auf und drohte ihn wahn­innig zu machen. Noch widerstand er trotzig. Mit bleichem, ibernächtigem Gesicht und wildblickenden Augen, in welchem ich scheue Furcht und ingrimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter, die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festen Nein beantwortend.

Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dann wie vor einem Schreckbild zurück.

Wegl Weg!" stöhnte er, beide Hände vor'« Gesicht schlagend.

Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an, er wechselte mit dem Protocollführer einen erstaunten Blick. Was fehlte dem Gefangenen? Sprach er irre?

Jetzt ließ dieser die Hände sinken und athmete tief auf Seine Augen hefteten sich fest auf einen Punkt oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter und wurden nach und nach ruhiger.

Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Erscheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch die Schlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihm vorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß er sich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt, seine Augen klarer wurden und die Erscheinung verschwunden war.

Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen Anklage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daß er weder Warnecks Tod noch die Dynamit-Spielerei im Gebrrge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolger getödtet, während Mar­bach ihm als Räuber seines Erbes ebenfalls verhaßt gewesen sei und die gelungene Rache ihn deshalb noch auf dem Lchaffot freuen werde.

Nur Eins schmerzt mich bis zur Verzweiflung," schloß er mit umflorter Stimme,der Tod meines Kindes. Mit diesem einen unseligen Schüsse, den nur der hohnvollste Zufall gelenkt, habe ich alles Uebrige gesühnt. Leben will ich nicht mehr, ich verzichte auf jegliche Gnade und Vertheidigung. Nun machen Sie es kurz mit mir, meine Herren, verschärfen Sie die Strafe nicht durch eine längere Frist, als nöthig ist, um das Urtheil

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Nr. 49

1883

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Nirterchaltnirgsblatt zrnn Gieren er* Anzeigen (Geneval-Anzeiger?)

Donnerstag, den 27. April.

Tante Hannas Geheimniß.

Original-Roman von E. v. Linden-

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(Schluß.)

Die Aussicht auf Reichthum und Lebensgenuß, welche die Heirath mit der Besitzerin von Edenheim ihm bot, bannte alle Geister und trüben Erinnerungen, da nur der Lebende nach seiner Philosophie Recht hatte.

Mit Steindorfs Verhaftung aber war die Aussicht dahin. Er konnte sich's nicht verhehlen, daß er als ein auf frischer That ergriffener Verbrecher und Dieb für die Sphäre der Ge­sellschaft unmöglich geworden und daß auch Amerika» Boden für ihn kein ungefährdeter mehr war. Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihm zuerkennen werde und nickte finster zu dem ansehnlichen Resultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sich ihm jene unheimlichen Pforten doch wieder öffnen- Den Mord gestehen! Nimmermehr!

Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten und den endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet. Die Ge­danken an sein Kind, welches er selbst getödtet, an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das er vernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, in ein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamen erst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder und er scheuchte sie unwillig von sich ab.

Ein unglückseliger Zufall," murmelte er dann,arme kleine Lotta, ich hatte Dich ja fo lieb. Bah, das Weib war mein Unglück, hätte sie mich nicht umgarnt, ich war so jung noch, was soll diese Erinnerung? Sie verdiente ihr Loos, hat mich um zwei Güter gebracht, mich in's Verderben gerissen- Weg damit!"

Ec konnte den Gedanken jedoch nicht gebieten, sie kamen wieder, krochen jetzt häufiger wie giftige Schlangen an ihn heran und peinigten ihn grausam. Oft sprang er mitten in der Nacht auf und lief in seiner Zelle umher, um diese Ge­danken los zu werden Nun, Julius Steindorf war kein arm­seliger Gefühlsschwärmer, die tobte Frau ließ von ihm, der ermordete Warneck moderte ruhig in seinem Grabe. Ach, es war rührend, er lachte über den sentimentalen Besitzer von Rotenhof, welcher demselben in seinem Garten ein Grab ge­geben hatte. Darin lag ein ungeheurer Humor für den Ge­fangenen, weil er sein Erbe war, sein eigener Garten. Nein, an Warneck hatte er Nothwehr geübt,er oder ich" lautete die Parole, wer konnte ihn tadeln, daß er seinen Feind ge» übtet, sich von seinem Verfolger befreit hatte?