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Fischerei, und nun soll ich Ihnen schon wieder eine Eloge machen?"
„Spotten Sie doch nicht, gnädiges Fräulein. Sie ziehen die Gesellschaft meines Freundes Schratt der meinigen ja weit vor und ich" — hier kribbelte mich die Empfindlichkeit dermaßen, daß ich Vernunft, Pflicht und alle guten Sitten vergessend, in förmlich gereiztem Tone schloß — „habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!" Und eine linkische Verbeugung versuchend, lüftete ich meinen zerdrückten, schwarzen Calabreser und verschwand mit langen Schritten unter Deck, Fräulein Minnie verblüfft bei meiner Angel zurücklassend. Mochte sie sich damit amüstren, das Ding bei jedem Schraubenhub der Schiffswelle resultatlos über das Wasser Hüpfen zu sehen oder mochte sie — in die Arme ihres Glückspinsels Asmus eilen!
Unten versuchte ich dem Skatspiel zuzusehen. Es verdroß mich: ich versuchte zu schlafen. Es ging nicht- Ich hatte das Bewußtsein, mich albern benommen zu haben und überlegte, wie es gewesen wäre, wenn ich das oder das nicht und dafür dies oder jenes gesagt haben würde. Dazu zog ein eigenthüm« liches Knarren und Wiegen durch das Schiff, die beklommene Kajütenluft drückte auf die Gehirnnerven. Vorsichtig schlich ich wieder nach oben, und als ich mich überzeugt hatte, daß Sasses selbstverständlich in Asmussens Gesellschaft, bei dem dicken rothen Capitän auf der Brücke standen, duckte ich mich hinter ein Local, in welchen: eine Köchin schaltete, die von den Nachtheilen der Reinlichkeit offenbar eine übertriebene Vorstellung besaß. Hier konnte ich nicht so leicht entdeckt werden.
Das Wiegen und Knarren hatte seinen Grund. Ein Wind hatte sich erhoben, der weiße Kämme auf die vorhin so glatte Fläche modellirte und in diese allerlei Höhlungen grub, in welche die „Ceres" überäll hineintaumelte. Famos! famos! Jetzt erst ward die Spaziergondelei zu einer interessanten Meerfahrt! Links lag das Land ganz fern, rechts zeigten sich hügelige grüne Inseln, ohne Wald, auf denen sich weiße, roth- gedeckte Gebäude erhoben, die wie Kirchen aussahen, aber in Wirklichkeit, wie mir einer der schwedischen Matrosen erklärte, Leuchtthürme waren. Bei der Rauhheit des Windes und dem düsteren Wolkenfluge des hereinbrechenden Abends bekam das Seebild etwas Oedes, Melancholiches. Fröstelnd knöpfte ich meinen Rock zu. Wie sonnig und warm mochte es zur Zeit noch drinnen im lieben Schwabenland sein!
Es war mir nicht unlieb, als die Schiffsglocke die Abendmahlzeit ankündigte. Magen und Kehle befanden sich in einem gepreßten Zustand, der vermuthlich durch Speise und wärmenden Trank gehoben werden konnte. Das Verlangen hiernach stellte sich unbezwinglich ein, weshalb ich meine Abneigung, die bedenkliche Kajütenluft zu athmen und den unheimlichen Sasses wieder unter die Finger zu gerathen, unterdrückte.
Als ich die zum Speisesälchen umgewandelte Kajüte betrat, schrie mir aus der zusammengepfsrchten Gesellschaft gleich die Stimme meines Asmus entgegen: „Da ist er ja! Hierher, Döderlein! Dein Platz ist reservirtl"
Da hatte ich also die Bescheerung! — Durch einen heftigen Ruck des Schiffes befördert, torkelte ich auf den leeren Sessel nieder, der zwischen die Sasses geklemmt stand. Rechts von Minnie thronte Asmus rittlings auf dem seinigen.
Man machte mir allseitig Vorwürfe über mein Verschwinden. Asmus zog mich verleumderisch mit den schwedischen Stewardessen auf, und Fräulein Minnie erkundigte sich, ob ich vielleicht unter dem Bugspriet geangelt habe. Ernstlich unzufrieden schien nur der alte Herr mit mir zu sein, der höchst mißtrauische Blicke nach dem vergnügten Karl warf.
Karls Vergnügtheit kam mir höchst verdächtig vor, wie überhaupt die ganze Gesellschaft eine Heiterkeit an den Tag legte, die sich von derjenigen wirklich zufriedener Gemüther wesentlich unterschied. Jeden Augenblick kippte ein Schnaps- glas, der Käse gerieth in's Rollen, die Makreelen bewiesen eine lebhafte Tendenz zum Hin- und Herrutschen, worüber stets ein allgemeines unbändiges Gelächter ausbrach, welches einen eigenthümlich blechernen Klang besaß. Wenn das Schiff sich gar zu sehr überneigte, geriethen auch die Personen nebst ihren Sesseln in kippende Bewegung. Mir war vor Allem die
schwingende Lampe unangenehm, obgleich ich mir sagte, daß sie es gar nicht war, welche die fatalen Neigungen ausführte, sondern ich selbst. Lust, Luft! hätte ich rufen mögen bei der erstickenden Hitze der Atmosphäre, aber ich schwieg mit ungewöhnlichem Heroismus und stopfte in größter Geschwindigkeit alles Mögliche in den Mund, ohne daß es so recht in's Gleiten durch die Kehle gelangen wollte. Vor der übrigen Gesellschaft hätte ich mich wahrscheinlich nicht genirt, den peinlichen Kampf, in dem meine seeungewohnte Constitution begriffen war, zu offenbaren, nur die Anwesenheit der Person, der gegenüber ich doch am gleichmüthigsten hätte bleiben können, hinderte mich daran: Fräulein Minnie!
Aber auch sie hatte sich verfärbt. So viel vermochte ich noch zu unterscheiden. Ein ernstes Lächeln, das gelegentlich einen Stich in's Geisterhafte erhielt, lag um ihren anziehenden Mund. Auch Vater Sasse schien gedankenvoll zu werden, während Asmus „edles" Antlitz einen Couleur angenommen hatte, die ich genau kannte. So pflegte er als Student Sonntags Vormittags nach der Samstagskneipe auszuschauen. Der schöne Asmus! Wenn Fräulein Minnie nur im Stands gewesen wäre, die Veränderung des herrlichen Mannes recht wahrzunehmen!
Nichtsdestoweniger setzte Asmus noch mit einer Stirn, auf welcher schon der Angstschweiß perlte, seine Prahlereien fort. Er empfinde es, daß er niemals seekrank werden könne. Seine vortrefflichen Nerven, sein gestählter Körper, seine Gewöhnung an den entfesselten Ueberlinger See mache dies unmöglich. Hastig knusperte er dabei an dem wie Maler-Paletten aussehenden skandinavischen Hartbrod, dem „Knakebroe", und ließ sich von dem sardonisch lächelnden Capitän einen Aquavit nach dem anderen aufdrängen.
Soeben hatte ich mit Todesverachtung ein neues Stück geräucherter Makreele zwischen die Zähne gestopft, als die boshafte „Ceres" einen höchst verwirrenden Sprung unternahm. Sie hüpfte förmlich empor, duckte sich dann in eine unermeßliche Tiefe, worauf sie sich erst auf die eine, dann vehement auf die andere Seite warf. Das war zu viel! Hilferufen, Angstkreischen, Gelächter ertönte; dazwischen das Klappern und Klirren von fallendem Geschirr und das Knarren der Kajütenwände.
Uns Passagieren erging es etwa wie Bleisoldaten, die ein erfinderischer Knabe in einer Reihe aufgestellt hat und dann antippt. Wenn der erste fällt, reißt er seine sämmtlichen Kameraden mit sich. In dieser Weise wurden die beiden Längsseiten des Tisches entblößt. Zu einem scheußlichen Knäuel geballt, in welchem der größte Theil des Soupers mit eingeschlossen war, lagen wir Alle in je einer Kajütenecke. Nur der Capitän hatte seinen Platz an der Querseite behauptet und vor Vergnügen ein so rothes Gesicht bekommen wie noch niemals zuvor.
Als der Knäuel entwirrt worden war, drückte ich Fräulein Minnie mein Beileid aus.
Sie stotterte einen Dank hervor, während Letchenblässe ihre Wangen malte, worauf sie unter der Erklärung, sie fei „müde" geworden, sich in ihre Kammer zurückzog.
Ein Passagier nach dem anderen verschwand; Asmus stürzte davon, als ob er einen Mord begangen habe und sich nun vor den Häschern in Sicherheit bringen müsse, und auch ich gab meinem Verlangen nach frischer Luft mit einer gewissen Schnelligkeit Raum.
Was mir dann an unbeobachteter Bordwand passtrte, will ich lieber verschweigen, da es für den Verlauf dieser Geschichte ohne Einfluß ist. (Fortsetzung folgt.)
Unser Einziges.
„Unser Einziges!" — O Zauberwort für Elternohren! Quillt nicht bei Deinem Klange die ganze Fülle von Glück, Liebe und Zärtlichkeit empor, davon Elternherzen fähig sind!
„Es ist ja unser Einziges!" flüstert die junge Mutter und überlastet wählerisch die niedlichen Kleidchen, Schuhe, Häubchen rc. Nichts ist ihr gut, nichts ist ihr schön genug.


