Ausgabe 
26.8.1893
 
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Nr. 100

1893

Nntevhattiingsblatt zuirr Gießener? Anzeiger? (Genevul-Anzeiger?) " "m .... ;-<ÄKk .. _____

Samstag, den 26. August.

Das goldene Kalb.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Schluß.)

Diese Wendung aber war, wie die nächsten Tage be- wiesen, wirklich eine entscheidende gewesen und die Genesung machte nun fast überraschend schnelle Fortschritte. Herr Hugo Neukamp hatte davon nur auf schriftlichem Wege benachrichtigt werden können; denn die schwere Krankheit seiner Braut war nicht im Stande gewesen, ihn an dem Antritt einer wichtigen Geschäftsreise zu hindern, die ihn mehrere Wochen von W. fernhielt. Man erzählte, daß es sich dabei um einen Verkauf der Fabrik oder um die Umwandlung derselben in eine Actien- gesellschaft handele, da dem jetzigen Eigenthümer, obwohl das Etablissement sich längst wieder im vollen Betriebe befand, die Lust an dem Unternehmen verleidet sei und da er sein Capital für andere Zwecke zu verwenden wünsche.

Im Hause des Obersten wußte man nichts von solchen Absichten Neukamps. Er hatte sich darauf beschränkt, seine Abreise anzuzeigen und tägliche telegraphische oder briefliche Nachrichten über den Zustand Edithas zu erbitten. Erst drei Wochen später, als die Reconvalescentin bereits mehrere Stun­den des Tages in einem Lehnstuhl außerhalb des Bettes zu­bringen konnte, zeigte er feine Rückkehr an, indem er zugleich in lebhaften, doch etwas geschraubt klingenden Wendungen seiner Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit der Geliebten Ausdruck gab.

Monika hatte fast einen halben Tag lang gezögert, ihrer Schwester von dem Inhalt dieses Briefes Mittheilung zu machen, und als sie sich endlich schweren Herzens dazu ent­schloß, da war ihr die Furcht vor dem Eindruck, den diese Eröffnungen machen könnten, deutlich auf dem Gesicht ge­schrieben.

Aber sie mußte erkennen, daß ihre Besorgniß eine ganz überflüssige gewesen sei; denn Editha nahm ihr das Blatt ruhig aus der Hand und erwiderte auf die Frage, ob sie Neukamp gleich nach seiner Ankunft zu empfangen wünsche, in scheinbar unerschütterter Gelassenheit:

Gewiß! Er hat ja ein guter Recht darauf, mich früher zu sehen, als alle Anderen."

Wie aufmerksam Monika auch während der nächsten vier­undzwanzig Stunden ihre Schwester beobachtete, ste vermochte doch nicht dar kleinste Anzeichen einer besonderen Erregung an ihr wahrzunehmen, und sie begann wieder irre zu werden

an der Richtigkeit jener Vermuthungen, welche Edithas Fieber­phantasien in ihr erzeugt.

Um die Mittagsstunde des nächsten Tages traf Neukamp dann wirklich in der Villa des Obersten ein. Die Begrüßung mit seinem künftigen Schwiegervater war ebenso wie die Art, in welcher er Monika die Hand küßte, eine merklich gezwungene; aber die unverkennbare Unruhe und Zerfahrenheit seines Wesens konnte ja sehr wohl auf die begreifliche Erregung zurückzuführen sein, mit welcher er der ersten Wiederbegegnung mit seiner Verlobten nach einer so langen und durch so schmerzliche Ur­sachen bedingten Trennung entgegensah.

Monika selbst öffnete ihm die Thür des Krankenzimmers, und auf einen Wink, den ihr Editha mit den Augen gab, zog sie sich gehorsam zurück, obwohl sie gern ein Stück des eigenen Lebens hingegeben hätte, um ihrer Schwester jetzt beistehen zu können.

Neukamp trat mit ausgestreckten Händen auf Editha zu, und es schien fast, als ob er Willen; sei, mit einer theatra­lischen Geberde neben ihrem Lehnstuhl niederzuknieen. Der feste und klare Blick aber, mit welcher ihn ihre ernsten Augen ansahen, hinderte ihn daran, diese Absicht auszuführen, wie er überhaupt eine eigenthümlich verwirrende Wirkung auf ihn hervorzubringen schien.

Meine theure Editha!" sagte er darum nur mit etwas unsicherer Stimme.Welch' ein Wiedersehen nach solcher

Trennungszeit!"

Ein Wiedersehen, das auch ich lange ersehnt habe, weil es mich von einer drückenden Last befreien und einem fast unerträglichen Zustande der Unklarheit und Unaufrichtigkeit ein Ende bereiten wird. Meine Kräfte gestatten mir noch nicht, längere Briefe zu schreiben, und vielleicht ist es auch besser, wenn solche Dinge nur ausgesprochen, als wenn sie auf dem Papier festgehalten werden. Aber wir werden es kurz machen, nicht wahr, denn eine Situation wie die unserige ist gewiß nicht erfreulich weder für Sie, noch für mich! Daß die Beziehungen, welche in den Augen der Welt und selbst nach der Meinung meiner Angehörigen bis heute zwischen uns bestanden, längst nur noch eine Lüge sind, haben Sie ohne Zweifel längst ebenso überzeugend empfunden, wie ich selbst, und die einzige Art von Gemeinsamkeit, die es zwischen uns jetzt noch geben kann, ist wohl der gemeinsame Wunsch, eine möglichst unauffällige Form für die Lösung unseres Verlöb­nisses zu finden."

Wenn Hugo Neukamp in dem Augenblick, da sie zum ersten Mal das förmlicheSie" gegen ihn gebrauchte, sichtlich betroffen gewesen war, so spielte er jetzt nur noch den un­gläubig Erstaunten.