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kleinen, bescheidenen Verhältnissen glücklich sein, nicht arbeiten können mit mir, um uns redlich durchzubringen?"
Er lachte laut und hart. „Ich fürchte, nein, meine gute Cilli Oder sollte ich Unteroffizier werden, Schreiber, Pedell, was meinst Du?"
„Gleichviel, Hans- Du solltest nur muthig den Kampf auf Dich nehmen, wolltest Dich glücklich fühlen lernen auch ohne ReiLthum und Glanz. Kannst Du das?"
„Schwerlich, Cilli. Mein Ausweg wäre wahrscheinlich ein anderer. Aber weshalb von solchen Dingen sprechen? Es ist barer Unsinn. Seit ich die blinde Leidenschaft Lisiauers so aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe, denke ich an die Drohungen dieses Herrn nie mehr."
Eine jähe Purpurgluth überflog Cäciliens blasses Gesicht. „Siehst Du wohl!" rief sie laut und schmerzlich.
„Was?"
„Wie sehr Du trotz aller gegenseitigen Versicherungen doch fortwährend auf diese Heirath rechnest."
„Unsinn. Sehe ich aus wie Jemand, der eine junge Dame zu irgend etwas ihr Unangenehmem zwingen könnte? Und wenn selbst eine derartige Brutalität in meiner Absicht läge, womit sollte ich dieselbe erreichen? In meiner Eigenschaft als Schwager habe ich über die Angelegenheiten Ruths im gegebenen Falle keinerlei Bestimmungsrecht."
„Aber Du kannst sie bitten, Hans, kannst ihr die Sache als Gewiffensfrage hinstellen und das arme Kind geistig beherrschen. Glaubst Du nicht selbst, daß Dir Ruth in dem Falle ein Opfer bringen würde?"
Der Ton klang bedeutsam und ebenso war e» der Blick.
Hans Adam blieb stehen und sah kopfschüttelnd zu der jungen Frau hinüber. „Um des Himmels willen, Cäcilie, bist Du eifersüchtig auf Ruth?"
„Rein," antwortete sie mit tiefem Athemzuge. „Rein, Hans, nicht eifersüchtig, aber sehr — sehr besorgt. Und das ist der Grund, w shalb ich vor entschiedener Sache nicht nach Nizza gehen kann."
„Obgleich ich dort eine pompöse Wohnung für Dich ge- miethet, Dir eine Equipage zur Verfügung gestellt und mit dem angesehensten Arzt Verbindungen angeknüpft habe?"
Cäcilie erschrak. „Hans," rief sie, „das kostet wieder Tausende!"
„Für Dich!" gab er in etwas bitterem Tone zurück und als sie dann in Thränen ausbrach, wandte er sich zur Thür. „Du bist verstimmt, Cilli — soll ich Dir Fräulein Malten hierher schicken?"
Statt aller Antwort flog sie vom Sopha empor, eilte ihm nach und umsahte mit beiden Armen seinen Hals. „Bist Du böse, Hans? Huben wir uns heute zum ersten Male Mit einander gestritten?"
Er lächelte etwas gezwungen „Thorheit, Cilli. Laß' uns nicht wieder vom Gelds sprechen, das bringt jedesmal einen Aerger in das Blut- Ich sage Dir, daß für uns nichts, gar nichts zu befürchten ist, damit gib Dich zufrieden."
Er küßte sie und ging fort, gleichviel wohin, obwohl es ihm am liebsten wä-e, im Wohnzimmer rauchend und plaudernd mit den Sarnen um den Kaffeetisch zu sitzen, aber — diese sachlichen Auseinandersetzungen, diese unoerhüllten Blicke auf Thatsacken von schwerwiegender Bedeutung waren ihm bis in den Tod verhaßt. Wenn Cäcilie nicht abreisen wollte, ehe alle Geldangelegenheiten ihie Erledigung gefunden hatten — ja, dann war allerdings die Sache bis in's Unabsehbare verschoben.
Der Baron ging hinab an bett Strand, um sich die Arbeiten der Bernsteingräber anzusehen. Hohe Gerüste standen umher, eine Dampfmaschine trieb gewaltige Räder und eine Menge Menschen hantirte im Sande. Hans Adams ärgerliches Gesicht hellte sich immer mehr auf, je länger er den Leuten zusah.
Es war natürlich auch ein Betriebsdirector vorhanden, ein mit vorläufigem Jahrescontract und fünftausend Mark Gehalt angestellter Mann; dieser kam dem Schloßherrn mit sehr siegesgewiffem Lächeln entgegen.
„Das eigentliche Lager scheint nun gefunden zu sein, Herr Baron!"
„Ah! — Große, ansehnliche Blöcke, lieber Herr Bühring ?"
„Das noch nicht, aber doch viele Spuren, viele kleine Stücke. Man muß eben tiefer bohren, immer tiefer. Es liegt vielleicht der Flugsand von Jahrzehnten, ja, von Jahrhunderten über der eigentlichen Fundgrube, den muß man erst durchdringen und beseitigen."
„Das erkenne ich vollkontmen. Gut Ding will Weile haben"
Es wurde noch ein Langes und Breites von Wellen, Treibriemen und Rädern gesprochen; der Herr Betriebsdirector warf mit technischen Ausdrücken nur so um sich und dann ging Hans Adam am Strande dahin, um die Stätte des verwüsteten Dorfes anzufehen.
Zwei neue Gräber zeigte der Kirchhof zwischen den Dünen, das der alten Mutter Katharina und das ihres einzigen Sohnes. Die Wellen hatten ein Wrack an das Ufer gespült, ein Fischerfahrzeug, dessen Führer tobt an Deck lag, mit beiden Armen fest um den einzigen Mast geklammert- Die Genoffen kannten ihn, es war Anton, der Herzensliebling der Alten; sie betteten Beide zusammen in ein Grab, und Haus und Wrack sollten verkaust werden zu Gunsten der kleinen verwaisten Kinder, bereit sich vorläufig barmherzige Seelen angenommen hatten.
Es sah traurig aus an ber Stätte einstigen Wohlstandes. Kein Huhn scharrte im Sand, kein Schaf weidete auf den Dünen; zerrissen und zerstört lagen die Gärten hinter den umgestürzten Häusern, halb vergraben im Sand, ohne ein grünes Blatt, eine Blume, ohne irgend ein Zeichen neuen Lebens.
Der Wind kam kalt über das Meer; von der entgegengesetzten Seite ragten über den Sand hervor nur die Grabdenkmäler des Dorfkirchhofes, eines besonders, ein hoher Stein aus Granit mit goldener Inschrift: „Hans Adam Wolfram." Und darunter die Worte: „Schmerzlich vermißt!"
Der Baron wandte den Blick. Er liebte es nicht, auf Gräber zu sehen, in irgend einer Weise an den Tod erinnert zu werden.
Schmerzlich vermißt! — Ja, das war der alte Herr auf Dornau. Erich hatte in ihm den vertrautesten Freund seines Lebens verloren, die eine Seele, welche ihm in unwandelbarer Siebe angehörte; er hielt seit jener Schreckensstunde das Wohnzimmer des Hauses immer noch verschlossen und ließ keinen Menschen hinein. Sich die Abendstunden in diesem Raume ohne den milden Blick des Greises auch nur zu denken, schien ihm unmöglich.
Hans Adam ging weiter. Wenn er selbst starb, von wem würde er schmerzlich vermißt werden? Wem würde er fehlen wie ein Theil des eigenen lebendigen Ich?--
Keinem, die arme Cilli ausgenommen. Und er seufzte. Weshalb war Cilli immer krank, immer an das Zimmer gebannt und bei jedem Anlaß bereit, zu meinen ?
Er haßte die Thränen. Warum sich aus dem Leben auch nur eine Smnde stehlen lassen? Es ist so kurz und — es wehen so viele Stürme hindurch.
Der Baron dachte an die Gesellschafterin, eigentlich seit der Schreckensnacht zum ersten Male. Er lächelte. Die arme, kleine Adele ein gutes Geschöpf, etwas zärtlich veranlagt, wie es schien — ob sie ihn liebte ?
Und Hans Adam strich feinen schönen, lockigen Bart. Dergleichen bient zur Kurzweil, mehr ist es nicht-
Dann verdüsterte sich die eben noch so helle Stirn- Der Baron dachte an die schöne altdeutsche Königin des letzten Festes. Die Einladung zur Hochzeit des Bankdirectors und feiner Mieze hatte sie auSgefchlagen, es war auch unmöglich gewesen, bei ihr selbst Zutritt zu erlangen. „Die gnädige Frau empfangen heute nicht!" Zehnmal hatte ihm das schnippische Kammermädchen biejen Bescheid Überbracht, bis er es vorzog, weitere Besuche einzustellen.
Und nun konnte ihm nichts mehr die gute Laune zurückgeben. Er kam so verstimmt wie möglich nach Hause und ging birect in sein Zimmer, wo er sich auf bas Sopha warf und die Augen schloß.


