Ausgabe 
25.11.1893
 
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dacht zu nehmen. Seine Mutter war von dem, was Curt ihr erzählte, tiefer ergriffen, als sie sich selbst eingestehen mochte-

Was gedenkst Du zu thun?" fragte sie endlich.

Wenn ich das wüßte, Mutter!" versetzte er traurig. Wenn es nach mir ginge, möchte ich am liebsten sterben; Kummer und Sorge haben mir allen Lebensmuth genommen, ich habe keine Hoffnung, die Geliebte wiederzufinden. Aber was hilft es? Ich darf nicht verzweifeln, ich muß das Leben

ertragen."

Melanies Augen füllten sich mit Thränen, als sie sah, wie traurig und trostlos Curt war. Hatte sie bnum ihre Liebe und ihr Glück geopfert? Beiler schien es für ihren Vetter, dieses schöne Mädchen hätte nie seinen Weg gekreuzt. Wie traurig und verändert war er; welchen Wechsel hatten die wenigen Tage des Kummers bei ihm verursacht, auf seiner hohen Stirn und um die festen Lippen lagen tiefe Sorgenfalten. Der Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit contrastirte traurig mit seinem früheren freundlichen Wesen.

Sowohl von dem Roddeck'schen Landsitz, wie von der Residenz aus wurde Alles angestrengt, der Gräfin Marthas Zufluchtsort ausfindig zu machen, aber Alles erwies sich als nutzlos. Wochen wurden zu Monate, aber keine Spur nicht die geringste ward entdeckt. Welches Loos harrte ihrer, wenn sie noch lebte ohne Geld und ohne Freunde?

Der Graf suchte den schweren Schlag, der ihn getroffen, muthig zu ertragen, aber bald verließen ihn seine Kräfte und sechs Monate nach der Flucht seiner Gattin erkrankte er sehr schwer und schwebte wochenlang zwischen Leben und Tod-

Die Aerzte erklärten Luftveränderung und eine völlig andere, neue Umgebung für das einzige Mittel, ihn am Leben erhalten zu können. Nur widerwillig verstand der Leidende sich dazu, auf einige Zeit nach dem Süden zu gehen. Seine Mutter hätte ihn gern mit Melanie begleitet, aber das gab er nicht zu.

Nein, liebe Mutter," bat er in weichem Tone,bleibe Du zu Haus. Mein verlorener Liebling könnte Heimkommen; sorgt dafür, daß sie da« Hau« nicht einsam und öde findet."

Melanie von Selten und Herbert von Kalborn standen eine« Tages an demselben Fenster, von dem au« sie einst Graf Curt mit seiner jungen Gemahlin als diese sich auf die Hochzeitsreise begaben beobachtet hatten; nachdem sie Beide längere Zeit schweigend neben einander gestanden hatten, sprach Melanie sinnend;Wer hätte gedacht, daß ein so schönes Ehe­glück so enden könnte!"

Macht es Sie ängstlich?" fragte Herbert innig.Ach, Melanie, wenn Sie nur versuchen wollten, mich ein wenig lieb zu gewinnen! Uns würde kein solches Schicksal treffen."

Sind Sie dessen so sicher?" fragte Melanie.

Ja," entgegnete Jener,ich will ja Curt keinen Vorwurf machen es waren eigenthümliche Verhältnisse, aber wenn Sie die Meine wären und ich sähe, daß Sie mir irgend etwas geheim halten, so würde ich Ihr Schweigen ehren, weil ich volles Vertrauen zu Ihnen habe."

Das können Sie jetzt wohl sagen," entgegnete Melanie lächelnd,indeß kann man nicht wissen, wie man selbst unter ähnlichen Umständen handeln würde."

Melanie," rief Herbert und seine hübschen Züge erglüh­ten vor Aufregung und Liebe,es ist schon lange her, seit ich das erste Wort von Liebe zu Ihnen zu sprechen wagte; Sie wiesen mich nicht zurück und die edlen Worte, welche Sie da­mals zu mir sprachen, haben mich angespornt, daß ein Mann aus mir geworden ist, der gelernt hat, sich seinen Platz in der Welt zu behaupten. Unter Ihrem Banner habe ich gefochten, Melanie, darf ich jetzt um meinen Lohn bitten?"

Ich verstehe mich nicht auf Schmeichelworte," gab diese ruhig zur Antwort,aber ich muß Sie loben, Herbert; Sie haben Ihre Aufgabe treu erfüllt und ich bin stolz auf Sie. Fordern Sie Ihren Lohn und wenn es in meiner Macht liegt, Ihnen denselben zu gewähren, so soll er Ihnen sein."

Herbert» Gesicht erblaßte vor Freude über diese Hoffnung

verheißenden Worte. Wie ein Thränenschleier schwamm es ihm vor den Augen und seine Stimme zitterte, als er sprach, und die eine Hand in Melanies zarte, juwelengeschmückte Rechte legend, sagte er:So werden Sie die Meinige, Melanie!"

In ihrem erröthenden Gesicht und den beredten Augen las er seine Antwort.

Sie sind das edelste aller Mädchen," fuhr er lebhaft fort, lehren Sie mich des Glückes, Sie zu besitzen, werth sein!"

Stellen Sie mich nicht gar zu hoch," erwiderte sie lächelnd, damit ich nicht falle. Doch noch Eins ich muß offen mit Ihnen reden. Ich ja, ich liebe Sie, Herbert; aber ich kann mich unserem Glücke nicht völlig hingeben, so lange eine finster drohende Wolke über Roddeck schwebt. Helfen Sie uns, diese vertreiben, und dann wollen wir wieder von uns reden."

Gut, es sei, Melanie," hauchte Herbert, indem er dis zarte Gestalt an sich zog und den ersten Liebeskuß auf ihre weiße Stirne drückte.

Siebenundzwanzigstes Capitel.

Drei Jahre glitten dahin, ohne daß sich auf der Roddeck« schen Besitzung viel geändert hätte.

Selbst die Gräfin, Curts Mutter, hatte alle Hoffnung auf­gegeben; selbst gegen Melanie ließ sie mit keinem Worte ihre Vermuthung laut werden; im Stillen aber glaubte sie, Martha sei tobt; wie hätte man sich sonst ihr anhaltendes Schweigen erklären können?

Curt hatte noch nichts über seine Rückkehr verlauten lassen. Er schien ganz vergessen zu haben, daß er eine Heimath hatte. Oft brachte seine Mutter Stunden und Stunden in der Bilder« gallerie zu; ihr Sohn, ihr edler Sohn, dessen Zukunst sie sich so voll Stolz und Hoffnung ausgemalt hatte er war der letzte Graf, dort hing sein Bild. Wer würde einst die leere Stelle daneben einnehmen? Niemand würde seinen Namen, seinen Titel erben das alte, edle Geschlecht starb aus; so lange der geringste Zweifel über das Schicksal seiner Gattin blieb, würde Curt sich nicht wieder vermählen und selbst wenn er sichere Kunde von ihrem Tode erhielte, würde ihn keine Andere je fesseln, er hatte seine Martha zu sehr geliebt.

Da« alte, edle Geschlecht mußte aussterben! Diese Ueber« zeugung erfüllte die stolze Gräfin mit tiefer Betrübniß. Statt, wie sie gehofft, den jungen Erben von Roddeck, noch bevor sie starb, in ihre Arme schließen zu können, irrte ihr Sohn ein« sam und kinderlos umher. Sie wünschte ach, und sie wünschte vergebens sie wäre freundlicher gegen die Gattin ihres Sohnes gewesen, sie hätte dem armen, mutterlosen Kinde gelehrt, sie zu lieben und ihr zu vertrauen. Wie anders wäre jetzt Alles! Da wäre Martha in ihrer Angst und Roth zu ihr gekommen nun war es zu spät!

Das dunkle Haar, auf das die Gräfin so stolz gewesen war, ward vor der Zeit weiß von Kummer; tiefe Furchen auf dem schönen, stolzen Gesicht sprachen von schweren Sorgen und langen, schlaslosen Nächten.

Mehrmals hatte sie an ihren Sohn geschrieben und ihn flehentlich gebeten, heimzukehren; aber er erwiderte, daß er den Anblick von Schloß Roddeck nicht ertragen könne und nicht eher in die Heimath zurückkehren würde, bis er etwas über das Schicksal seiner Gattin wußte-

Eines Abends, als Melanie unerwartet in das Zimmer ihrer Tante trat, fand sie dieselbe in Thränen aufgelöst; sie erschrak heftig bei diesem Anblick, erinnerte sie sich doch nicht, in diesen stolzen Augen je Thränen gesehen zu haben.

Ach, Melanie," schluchzte die Gräfin,mir bricht das Herz; womit können wir Curt bewegen, heimzukehren?"

Ich weiß es nicht," versetzte diese rathlos;daß Du aber den Muth, die Hoffnung verlierst, ist das Letzte, was ich er­tragen kann das darf nicht sein."

Ich kann es nicht ändern," sprach die Gräfin trostlos, meine Kräfte sind erschöpft; wenn Curt nicht bald kommt, fleht er mich niemals wieder."

Soll ich ihm schreiben und ihm das sagen, Tantchen?" fragte Melanie zärtliche