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1893.
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Samstag, den 25. November.
Herzenskämpfe.
Roman von Theodor Schmidt.
(Fortsetzung.)
Vierundzwanzigstes Capitel.
„Wo bleibt Ihr so lange?" fragte Graf Curt, als er vor der Goldenen Krone von seinem über und über mit Schaum bedeckten Pferde stieg, Friedrich, den alten, treubewährten Kutscher, der im Dienste der Grafen von Roddeck grau geworden war.
„Ich warte auf die Frau Gräfin," gab dieser zur Antwort.
„Ihr könnt heimfahren," sprach Curt, „Eure Herrin wird heute Abend nicht zurückkehren."
„Friedrich," fuhr er fort, nachdem der bei seinem Nahen eilends herbeigeeikte Wirth sich wieder entfernt hatte, „Friedrich" — und vertraulich legte er seine Hand auf des alten Dieners Arm — „sagt, wohin ist Eure Herrin gegangen? Wann, sagte sie, wollte sie zurückkehren?"
„Da hinunter nach dem Weißen Kreuze zu ist sie gegangen; da« ist wohl auch der Weg nach der Bahnstation? Einen großen Mantel und einen dunklen Hut trug sie."
„Friedrich," sagte er, nachdem der Alte ihm Alles mit» getheilt hatte, was derselbe wußte, „Friedrich, jetzt fahr' heim und, nicht wahr, wir schweigen und erzählen nichts der anderen Dienerschaft? Und hier, dieses Briefchen gebt meiner Mutter von mir."
Dann eilte er nach der Bahnstation, wo er aber auf seine vorsichtigen Fragen nur sehr ungenügende Auskunft erhielt. Nur der Portier, der die Gräfin genau kannte, wollte mit Bestimmtheit wissen, daß sie ein Billet nach der Residenz gelöst habe. Der Zug ging in einer halben Stunde nach dort ab, und Curt beschloß, nach der Residenz zu fahren und dort weiter nach Martha zu forschen. In der Residenz angelangt, wollte allerdings ein oder der andere Schaffner die ihm genau Beschriebene bei Ankunft eines früheren Zuges auf dem Perron gesehen haben, damit hörte aber auch jede Spur, die der Graf erlangen konnte, auf.
Gleich am folgenden Morgen hatte er eine lange Unterredung mit der Geheimpolizei, die übrige Zeit des Tages brachte er mit Schreiben hin; nach allen Himmelsrichtungen, an alle nur denkbaren Zeitungen ließ er einen Aufruf an seine „geliebte Glockenblume" — wie er sie oft scherzweise nannte — ergehen.
Curt wartete vergebens auf eine Antwort, Tag auf Tag und Woche auf Woche verging — er hörte nichts von seiner Frau.
Plötzlich kam ihm ein neuer Gedanke — wie, wenn sie nach Bsrgsdorf gegangen war? — Und kaum hatte er die Idee gefaßt, so folgte ihr auch die Ausführung, und er begab Ich ohne Säumen nach Bergsdorf. Aber ach! Auch da war keine Spur von ihr; Niemand hatte dort von ihr gehört oder sie gesehen.
Enttäuscht und unglücklicher, als er sich selbst gestehen mochte, eilte er nach der Residenz zurück. Hier harrte feiner eine seltsame Nachricht. Doctor Greling, Marthas früherer Vormund und Anwalt, schrieb ihm, die junge Gräfin von Roddeck habe ihm brieflich Mittheilungen gemacht, daß sie fernerhin auf alle Rechte an die Bergsdorfer Besitzung, fowie auf das ganze übrige Erbtheil der Gräfin Scherwiz Verzicht leiste, Graf Curt von Roddeck, schrieb sie, werde wissen, was sie zu dieser Handlungsweise veranlasse und ihm stelle sie es anheim, zu bestimmen, was fernerhin mit dem von ihr verzichteten Erbe gefchehen möge.
Das machte Curt die ganze Sache räthselhafter denn je.
Der Brief trug den Poststempel der Residenz und doch hielt Graf Curt es für thöricht, daraus zu schließen, daß sie in der Residenz fein müsse.
Eines Morgens, als er den Hauptplatz pafsirte, begegnete ihm Lambrecht. Schon als er ihn aus der Ferne erkannte, ballten sich feine Hände krampfhaft. War es doch dieser Mann, der den ersten Anlaß zu dem ganzen Unglück gegeben hatte. Aber Herr Lambrecht kam mit einem heiteren Lächeln auf ihn zu und reichte ihm mit ein paar so herzlichen, freundlichen Worten die Hand zum Gruß, daß Curts Mißtrauen sofort wieder fchwand.
„Wie geht es auf der Villa Roddeck?" fragte er- „Ist Ihre Frau Gemahlin mit hier?"
Offenbar wußte er nichts von dem, was daheim vorgegangen war.
„Sie sehen recht leidend aus," fuhr er fort, „ich hätte Sie wirklich kaum erkannt. Wie lange gedenken Sie hier zu bleiben?"
Graf Curt gab auf alle diese Fragen nur eine kurze Antwort und eilte dann weiter. Vor vierzehn Tagen war dieser Mann ein geachteter Gast unter seinem Dache gewesen — was war seitdem Alles geschehen!
An demselben Tage begegnete er noch mehreren Freunden, die alle ein und dasselbe Thema zur Sprache brachten: die Verlobung der interessanten Frau von Grabau mit Herrn


