„Nur unter dieser Bedingung also würden Sie sich da« zu verstehen, meine Bitte zu erfüllen?" fragte der junge Arze nach einer Weile mit unsicher klingender Stimme. „Es giebt gar keine andere Möglichkeit für Sie, mich aus meiner gegen- wärtigen Bedrängniß zu retten?"
„So leid es mir thut — es ist das letzte Wort, das ich Ihnen in dieser Beziehung zu sagen vermag. Bringen Sie mir die Unterschrift Ihres Onkels oder eine andere, die für mich von gleichem Werths ist, so werde ich Ihnen gegen ein Accept über sechstausendfünfhundert Mark außer Ihrem alten Wechsel noch achthundert Mark in baarem Gelds und eine Partie ausgezeichneter Cigarren zur Verfügung stellen. Im anderen Falle —"
Er schloß mit einem fürchterlich bedeutsamen Achselzucken, und Ernst Hallenstein wußte, daß hier alle weiteren Bitten und Ueberredungsversuche in der That verlorene Mühe sein würden. Mit einem Ausdruck finsteren Trotzes im Gesicht wandte er sich zum Gehen.
„Versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie den Wechsel während der nächsten drei Tage noch nicht aus der Hand geben werden! Innerhalb dieser Zeit werde ich meine Entschließungen faffen."
Der Patriarch erklärte, daß er sich für nicht mehr als achtundvierzig Stunden verpflichten könne, und mit der Versicherung seiner wärmsten persönlichen Theilnahme geleitete er den Besucher zur Thür.
,,Er wird mir den Wechsel bringen — das ist keine Frage!" meinte er bei sich selbst, als der Doctor fort war. „Aber ich wollte, es hätte sich auf eine andere Weife machen lasien- Es ist doch keine rechte Freude bei solchem Geschäft!"
V.
Drei Tage später feierte der Profeflor Hallenstein den Geburtstag seines Töchterchens, und unter den zum Feste Geladenen befand sich diesmal auch Bernhard Rodewaldt. Er hatte dem in Liebreiz und lachendem Frohsinn strahlenden Geburtstagskinde am Morgen bei einem kurzen Gratulationsbesuch einen Strauß von blaßrothen Rosen überreicht, und es machte ihn glücklich, zu sehen, daß Elfriede, die von allen Seiten mit Blumen überschüttet worden war, am Abend einige von seinen Rosen als einzigen Schmuck ihres einfachen Kleides trug.
Da sie von ihren Freundinnen und von mehreren älteren Bekannten des Hauses zunächst beständig in Anspruch genommen wurde, fand der Staatsanwalt wenig Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, und es war ihm sicherlich nur ein recht unvollkommener Ersatz, daß ihr Bruder Ernst desto eifriger bemüht schien, ihn zu unterhalten.
Der junge Arzt wich in der That nicht einen Augenblick von seiner Seite und war von einer Aufmerksamkeit, die zuletzt fast etwas Beängstigendes für den Staatsanwalt hatte. Dabei mußte sich der Doctor unverkennbar Zwang anthun, um heiter und aufgeräumt zu erscheinen. Die Bläffe seines Gesichts, die bläulichen Schatten unter seinen Augen und das nervöse Zucken seiner Lippen hatten ihm schon von verschiedenen Seiten die Frage eingetragen, ob er sich nicht ganz wohl befinde, und wenn er diese Vermuthung auch stets mit einem Auflachen, das gewiß recht lustig klingen sollte, zurückgewiesen hatte, so drückte er doch mitten im lebhaftesten Geplauder wiederholt die Hände an die Schläfen, und von Zeit zu Zeit erschienen große Schweißtropfen auf seiner Stirn.
Es waren fast ausschließlich Fragen crirninalistifcher Natur, von denen er sprach und über die er sich Aufklärung zu verschaffen suchte. Er legte in Bezug auf diese Dinge eine geradezu auffallende Wißbegierde an den Tag, und die Beharrlichkeit, mit welcher er immer wieder auf sie zurückkam, erschien um so befremdlicher, als er zwischendurch wiederholt mit erzwungenem Lächeln bemerkte, der Staatsanwalt möge schließlich nur nicht glauben, daß er unter die Criminalstudenten gehen wolle.
Jedenfalls war der Eindruck, welchen Rodewaldt von ihm empfing, heute ein noch weniger günstiger als sonst, und die hochgradige Nervosität, unter welcher der junge Arzt zu leiden
schien, machte seine Gesellschaft für den ruhig ernsten Staatsanwalt fast noch unangenehmer, als jene burschikose Lustigkeit, die sonst den Grundzug seines Wesens und Benehmens bildete.
Er athmete erleichtert auf, als das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde und er fah, daß der Doctor feinen Platz am anderen Ende des Tisches hatte. Allerdings würde er sich jetzt, auch wenn sie Nachbarn gewesen wären, kaum noch sonderlich um ihn gekümmert haben, denn ein günstiger Zufall oder eine beglückende Absicht hatte Elfriede, mit der er bisher kaum zwanzig gleichgültige Worte gewechfelt, an feine Seite geführt. Zwar hatte das Geburtstagskind ihn nicht zum Tischherrn gewählt, aber der alte Freund des Hauses, dem diese Ehre zu Theil geworden war, ein Gymnasial-Ober« lehrer, wurde bald so vollständig von den leiblichen Genüssen an Speise und Trank und von der gelehrten Discussion mit einem gegenübersitzenden Collegen in Anspruch genommen, daß Elfriede Gelegenheit genug fand, sich mit ihrem Nachbar zur Rechten zu unterhalten.
Anfänglich drehte sich ihr Gespräch nur um gleichgültige Dinge, wie sie eben bei einem solchen Anlaß zwischen einem jungen Herrn und einer jungen Dame wohl erörtert zu werden pflegen; aber es währte nicht lange, bis auf beiden Seiten der Ton der Unterhaltung ein merklich wärmerer geworden war und bis hüben wie drüben die leuchtenden Augen eine noch viel beredtere Sprache führten, als die lächelnden Lippen.
Wie im Fluge schwanden den beiden Glücklichen die Viertelstunden dahin- Elfriede fuhr ganz erschrocken zusammen, als plötzlich alle Welt mit gefüllten Gläsern auf sie zukam, um mit ihr anzustoßen, denn nur wie einen leeren Schall hatte sie die Worte des Redners vernommen, der soeben in höchst poetischen Wendungen ihre Gesundheit ausgebracht, und die dunkle Gluth, welche jetzt ihre Wangen färbte, hatte gewiß eine ganz andere Ursache, als die Geburtstagsgäste es vermutheten. Bernhard Rodewaldt war der Letzte, mit welchem sie ihr Glas zusammenklingen ließ. Er hatte sich ganz bescheiden zurückgehalten; aber es war am Ende doch zweifelhaft, ob die Bescheidenheit allein die Veranlaffung dazu gewesen war.
„Auf eine glückliche Zukunft, Fräulein Elfriede!" sagte er leise, indem er ihr tief in die Augen sah. „Es ist ein selbstsüchtiger Wunsch, denn es giebt auch für mich hinfort nichts Besseres und Köstlicheres mehr, als Ihr Glück."
Sie antwortete ihm nichts und sie schlug auch die Augen nieder; aber für einen Moment hatte ihn doch ein Strahl aus diesen glänzenden Sternen getroffen, der sein Herz mit eitel Freude und Helligkeit angefüllt hatte. Als man sich nach einer heiteren, mehrstündigen Tafelsitzung vom Tische erhob, war unter all' den vergnügten Gesichtern keines von so strahlender Fröhlichkeit, als das sonst so ernste Antlitz des jungen Staatsanwalts, und man mußte nicht gerade ein scharfsinniger Menschenkenner sein, um zu errathen, daß ihm ohne Zweifel etwas ganz besonders Angenehmes und Erfreuliches widerfahren sei.
Wie es bei dem Geburtstagsfest einer jungen Dame am Ende selbstverständlich ist, wurde nach dem Souper zu einem Tänzchen aufgespielt, und die fröhliche Jugend gab sich mit Feuereifer dem Vergnügen des improvisirten Balles hin Begreiflicher Weife wurde keine Andere so viel umschwärmt und begehrt, als die reizende Tochter des Hauses, und der Staatsanwalt, der sich vielleicht noch auf ein beglückendes Plauderstündchen Hoffnung gemacht hatte, sah sich nun in seinen schönen Erwartungen um so vollständiger betrogen, als er selber in einer harten, arbeitsreichen Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte, sich die holde Kunst Terpstchorens zu eigen zu machen.
Etwas verstimmt zog er sich in einen kleinen Erker zurück, wo ein mit breitblätterigen Pflanzen besetzter Blumentisch seine Gestalt den Blicken der Uebrigen fast ganz verbarg- Wohl eine halbe Stunde schon mochte er in diesem Schmollwinkel zugebracht haben, als seine Schulter plötzlich leicht mit einem Fächer berührt wurde und er, ausblickend, in Eifriedens holdseliges, vom raschen Tanz etwas höher gefärbtes Antlitz sah.


