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1893.
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Dienstag, den 25. Juli.
Der Staatsanwalt.
Novelle von Wolfgang Hellmuth.
(Fortsetzung).
Die tiefste Niedergeschlagenheit spiegelte sich schon wieder in des Doctors Zügen. Er dachte eine kleine Weile nach, dann aber schüttelte er traurig den Kopf.
„Ich habe so wenig Bekannte, die mir einen solchen Dienst leisten könnten," meinte er. „Und dann darf ich doch auch nicht dem ersten Besten meine Lage entdecken."
Der Patriarch zuckte mit den Achseln. Er goß sich den Nest des Rauenthalers, der noch in der Flasche war, in sein Glas, hielt dasselbe gegen das Fenster und schlürfte es bedächtig leer; dann, als Doctor Hallenstein noch immer mit düster gefurchter Stirne schweigend vor sich hinstarrte, sagte er in gleichgültigem Tone, wie man etwas ganz Nebensächliches hinwirft:
„Ist nicht der Stadtrath Werkenthin ein Verwandter Ihrer Familie?"
„Allerdings! — Er ist ein Bruder meiner Mutter. Aber ich weiß nicht, in welcher Absicht —"
„Nun, wenn zum Beispiel der Stadtrath Werkenthin sich durch seine Unterschrift für Ihre Schuld verbürgte, ließe sich vielleicht über die Sache reden. Es würde mir herzlich sauer werden, das Geld, das ich brauche, auf andere Art zu beschaffen und Ihnen noch obendrein weitere tausend Mark zu geben; aber es wäre doch zur Noth möglich zu machen. Und wenn Sie Ihrem Onkel sagen, wie günstig es um Ihre Heirathsaussichten bestellt ist, wirv er ja kaum Bedenken tragen, Ihnen durch die Hergabe seines Namens aus der Verlegenheit zu helfen."
„Einen solchen Vorschlag können Sie mir nur machen, Herr Barteck, weil Sie meinen Oheim nicht kennen. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen — denn ich für meine Person halte Sie ja, wie gesagt, für einen Ehrenmann: man spricht nicht überall gut von Ihnen, verehrtester Freund! Einige Ihrer Feinde, deren Namen ich natürlich nicht kenne, müssen Sie in den Ruf gebracht haben, wucherische Geschäfte zu betreiben, und es ist sehr wahrscheinlich, daß auch dem Stadtrath Werkenthin einmal etwas Derartiges zu Ohren gekommen ist. Ich glaube nicht, daß er zu bewegen sein würde, sich in eine geschäftliche Angelegenheit mit Ihnen einzulaflen."
„Meinen Sie? — Nun, das thut mir leid--um
Ihretwillen thut es mir leid, lieber Herr Doctor! — Ich wollte Ihnen durch meinen Vorschlag beweisen, daß ich den
guten Willen habe, Ihnen entgegenzukommen, soweit ich eben kann. Und ich hätte auch gar nicht verlangt, daß der Herr Stadtrath Werkenthin sich hierher zu mir bemüht oder daß er mich in seinem Hause empfängt. Wenn Sie mir den Wechsel mit seiner Namensunterschrift gebracht hätten, so würde mir das vollkommen genügt haben. Und was die Präsentation am Fälligkeitstermine anbetrifft, so wäre auch in Bezug darauf ein Arrangement schon zu treffen gewesen. Die Sache hätte ja ganz in aller Stille zwischen uns Beiden abgemacht werden können — dergestalt, daß das Eintreten Ihrs« Herrn Onkels in der That nichts Anderes geblieben wäre, als eine bloße Formalität. Das Zustandekommen einer Verlobung kann sich unter Umständen verzögern, denn die Frauen sind, wie gesagt, unberechenbar — mit einer Bürgschaft aber, wie es diejenige des Herrn Stadtraths ist, würden Sie auf mein Entgegenkommen bezüglich einer Prolongation wahrscheinlich immer rechnen können."
So sanft und gütig klang die Stimme des Patriarchen, daß nur der eingefleischteste Skeptiker an der lauteren Menschenfreundlichkeit seiner Absichten hätte zweifeln können. Doctor Ernst Hallenstein aber schüttelte nichtsdestoweniger in trüber Hoffnungslosigkeit das Haupt.
„Es geht nicht," sagte er, „es ist ganz unmöglich! — Er würde es niemals thun. Wie liebenswürdig auch immer Ihr Versprechen ist, daß er mit der weiteren Abwickelung der Angelegenheit wenig oder gar nicht behelligt werden würde — zu der Hergabe der Unterschrift würde er doch immerhin erst überredet werden müssen, und dies wäre meiner festen Ueber- zeugung nach ein so aussichtsloses Beginnen, daß ich gar nicht den Muth habe, es überhaupt zu versuchen."
„Schade, daß Sie sich als Arzt nicht auf das Hypnothi- siren verstehen, Herr Doctor," lächelte der gutmüthige alte Herr. „Sie würden Ihre Absicht dann vielleicht auf dem Wege der Suggestion, oder wie man den Schwindel sonst nennt, erreichen können und der Herr Stadtrath würde nie erfahren, daß er einmal im Schlafe einen Federzug gethan, der für ihn selber ganz bedeutungslos, für Sie aber von so großem Werthe war."
In den Augen des Doctors sprühte es auf. Der Gedanke, welchen der Patriarch durch den harmlosen Scherz in ihm hatte wachrufen wollen, er war wie ein jäh aufzuckender Blitzstrahl durch seinen Kopf gefahren, und Herr Ignaz Barteck, der sich ein wenig auf Physiognomik verstand, wußte genau, daß er ihn hinfort nicht mehr verlassen würde. Da er sich einmal entschlossen hatte, den Rath seines Freundes und Rechtsbeistandes zu befolgen, war er für den Augenblick vollkommen zufrieden mit dem, was er da erreicht sah.


