Ausgabe 
25.4.1893
 
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Mmrnungsöikder aus dem Weidmannsteöen.

Von Ernst Ritler von Dombrowski.

------ (Nachdruck verboten.

,,34 fahre mit nach der Stadt," sagte sie,muß mich ttach dem Fräulein umschauen. Habe meine Anordnungen schon getroffen, Herr Wolfius l"

Gut, Mamsell!" erwiderte er.Setzen Sie sich nur zu dem Kutscher, ich bleibe bei meinem Freunde hier im Stroh."

Er half ihr galant hinauf, schwang sich dann selbst auf den Wagen und vorwärts ging es durch die laue Sommer­nacht der Stadt Moorktrch zu.

Jetzt erst löste sich der Bann, welcher auf den Knechten und Mägden während des ganzen unheimlichen Vorganges ge­legen. Man erging sich in tausenderlei Vermuthungen und die Stimmen schwirrten wie im Aufruhr durcheinander, bis der Verwalter Stille gebot. Soviel war aus den Reden aller Gutsangehörigen deutlich genug erkennbar, daß man froh war, den gefürchteten Gebieter in solcher Weise los geworden zu sein.

Als der Wagen endlich sein Ziel erreicht, der Gefangene sicher untergebracht war, da schritt Wolfius nach dem Tele­graphenamt, welches zu seinem Leidwesen bereits geschlossen war. Sein Telegramm, das am nächsten Morgen abblitzte, war an Mister Hilbrecht in Göttingen adressirt und lautete: Kommen Sie schleunigst mit dem ersten Zuge nach hier, um Mister William Prien zu recognosciren. Eckert."

Mamsell Evers war nach dem Holten'schen Hause geeilt, wo ihr die niederschmetternde Kunde wurde, daß ihr Fräulein todtkrank im Hospital sich befinde.

* * *

Die Zeit kennt keinen Stillstand, wir sehen sie lautlos ent­weichen und fühlen ihren Pulsschlag nur in dem Schatten, den die Sonne auf unser» Weg wirst und der sich wie ein Mahn­ruf in unser Gewissen drängt: Wirke, weil es noch Tag ist, es kommt die Nacht, wie Niemand mehr wirken kann!

Wie hastet sie unter unfern Händen fort in der drängen­den Eile des Schaffens und in den Augenblicken des Glück«, des Genusses, der Freude! Wie schleicht sie dem Kranken und Schmerzgefolterten dahin in schlaflosen Nächten, und wie furchtbar entschwindet die Zeit dem Verurtheilten, dessen Leben an einem Federstrich des Fürsten hängt.

Julius Steindorf hatte lange geleugnet und die Unter­suchung nach allen Seiten hin erschwert, obgleich Mister Hil­brecht, welcher auf das Telegramm eiligst gekommen war, ihn sofort für den Betrüger erklärt hatte, welcher unter dem Namen William Prien den erschossenen Warneck in Chicago seines ganzen Vermögens beraubt und damit das Weite gesucht hatte.

Da nun sein Kinnbart glatt wegrasirt und die rothe Narbe zum Vorschein gekommen war, so konnte er diesen Theil der Anklage nicht leugnen, zumal der Commissar Frenzel eidlich er­härtete, daß der ermordete Warneck ihm dieses besondere Kenn­zeichen seines räuberischen Geschäftsführers Prien mitgetheilt habe.

Er räumte nun schließlich ein, den Namen Willianl Prien in Amerika angenommen und den Raub begangen zu haben, leugnete aber hartnäckig die Attentate im Hohlwege und oben im Gebirge.

Selbstverständlich erregte die Verhaftung des eleganten Steindorf ein ungeheures Aufsehen in der ganzen Gegend, da man ihn wohl für einen Ausschneider und Don Juan, doch nimmermehr für einen solchen Raubgesellen und Mörder gehal­ten hatte. Kein Mensch zweifelte daran, daß er den Mord im Hohlwege begangen, und ein Jeder verurtheilte ihn um so härter, als er dabei sein einziges Kind getroffen und frivol genug gewesen war, sich sogleich wieder zu verloben. Es gingen sogar Einige in ihrem Eifer so weit, zu behaupten, daß er sein Töchterchen vorsätzlich erschossen habe, weil dasselbe seine Thaten in Amerika hätte aurplaudern können.

Das war jedoch nicht der Fall. Lotta hatte seine volle, ungetheilte Liebe besessen und ihr Tod durch seine Hand ihn tief getroffen. Freilich war seine Natur nicht darnach angelegt, einen Kummer lange in sich zu hegen oder sich mit Gewissens­bissen zu plagen-

(Schluß folgt.)

In der Balzzeit.

Wären wir im Stande, die Sprache der Vögel besser zu verstehen, als uns dies trotz des Heeres wackerer Ornithologen bis heute möglich geworden, so bin ich fest überzeugt, daß wir, Heinrich Heine und dem Versmaß zum Trotze, unter den ungezählten Liedern, die jetzt Drossel und Lerche in die linde Luft hinausjubeln, eines finden müßten, das mit den Warten: Im wunderschönen Monat April" beginnt; denn thatsächlich ist dieser der richtige Wonnemonat der Vogelwelt, während im Mai für die meisten Arten die Flitterwochen bereits ver­flogen sind. Die Vogelbraut ist dann längst Mutter geworden und eine ganze Schaar putziger kleiner Flaumenthierchen mit unförmlich großen, ewig hungernden Schnäbeln bringt es ihr recht eindringlich in Erinnerung, daß sie nun nicht mehr, wie noch vor wenigen Wochen, lediglich dazu da sei, hold verschämt den glühenden Liebesergüssen des Männchens zu lauschen. Sie trug zwar an dem verhängnißvollen Tage weder Gürtel noch Schleier, zerrissen ist er indeß doch auch für sie, der holde Wahn, daß das Leben bloß zum Lieben und Geliebtwerden geschaffen sei.

Wer dagegen jetzt in den Wald hineintritt, der gewinnt thatsächlich den Eindruck, als ob all' die gefiederten Bewohner von diesem Wahn umfangen wären; das schmettert, zwitschert, jubelt, klagt und jauchzt durcheinander in uralten und doch ewig neuen Melodien, die alle, so verschiedenartig sie auch unserm Obre klingen, von einem Geiste beseelt sind, dem der sehnenden, begehrenden, hoffenden Minne. Blos die ge­fiederten Räuber haben zum größten Theile diese tolle, leicht­sinnige Zeit hinter sich und harren mit versteckter Freude der greifbaren Folgen derselben, die ihren eigenen Jungen als erste berufsmäßige" Nahrung dienen sollen.

Am merkwürdigsten vielleicht von allem Federwilde feiern zwei von Amors Pfeilen besonders tief und schwer getroffene, kampflustige und wehrhafte Gesellen ihre Hochzeit: der Auer- und der Birkhahn.

Noch ruht die Nacht auf den Gefilden. Der Mond ist gesunken, die Sterne aber flimmern noch und der grausige Ruf des Waldkauzes dringt bald höhnend und lachend, bald jammernd und klagend, bald stöhnend und ächzend aus der vom Wild- bach durchbrausten Waldschlucht empor. Nach und nach ver­stummen diese häßlichen Töne, Stern um Stern verblaßt, im Osten säumt ein fahler Streifen den Horizont und wie ein tiefer Athemzug beim Erwachen zieht ein leiser Lufthauch lis­pelnd und flüsternd durch die Bäume. Er hat die Haidelerche aus ihrem Schlummer aufgefcheucht, und sie ist die erste, die mit einem, wenn auch naiv einfachen Liedchen den nahenden Morgen begrüßt. Wieder wird es stille, der kleine Vogel hat bei seinem Nestchen zu thun und die nächtigen Schauerstimmen schweigen bereits. Nur der Luftzug wird weilenweise stärker, schüttelt das Geäste der Föhren und rauscht in den Binsen des Bruches.

Da saust plötzlich ein schwarzer Cobold über den öden Hau und läßt sich mit klatschendem Flügelschlage auf einem alten, bemoosten Wurzelstock nieder, rings umheräugend. Zwei feuerrothe Hörnchen krönen den hocherhobenen Kopf, den er nur senkt, wenn er gleich einer gereizten Schlange zischend und pfauchend seinen Zorn kundgiebt. Seinen Zorn? Nein, denn dieses Zischen und Pfauchen ist auch eine Liebeswerbung, so sonderbar sie klingt; es kann eben jeder nur singen, wie ihm der Schnabel gewachsen, und überdies besitzt dieses abenteuer­lich zum Ausdruck gebrachte Flehen und Schwärmen für die ehrsame Birkhenne zweifellos eine ungleich höhere Anziehungs- krast, als die herrlichsten Lieder der Nachtigall oder sonst eines gottbegnadeten Sängers, der in viel poetischerer Weise wirkt aber nicht um sie. Auch ist es blos die allerdings gerade