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Wolfius, der durch den Spalt des Vorhanges Alles genau beobachtet hatte, zog sich geräuschlos die Stiefel au» und schritt vorsichtig näher, um mit sicherem Blick einen Standpunkt einzunehmen, von wo er das ganze Cabinet ungesehen überschauen konnte. Dabei lockerte er einen geladenen Revolver in der Tasche, überzeugte sich von dem Vorhandensein einiger eiserner Armbänder, packte seinen Stock mit dem bleigesüllten Knopf recht fest und ließ seinen Mann nicht mehr aus den Augen, weil er's sich nicht verhehlen durfte, daß derselbe sich nicht so leichten Kaufs fügen werde.
In einer Ecke des Cabinets stand ein zierlich verschnörkeltes Schränkchen von Eichenholz, in welchem, wie Steindorf von früher sich noch erinnerte, der alte Holten sein baares Geld, sowie seine Werthpapiere und sonstigen wichtigen Documente aufbewahrte. Er zweifelte nicht daran, daß Armgard ebenfalls dieses Schränkchen dazu benutzte, weil dasselbe eigens für jenen Zweck angefertigt und mit einem geheimen Mechanismus versehen worden war. Sein Vater hatte sich danach ein ähnliches Möbel machen laffen, dessen Mechanismus zum Oeffnen und Verschließen nur ein wenig verändert war, in der Con- struction aber mit diesem genau übereinstimmte. Man hatte sich damals keine Scrupel darüber gemacht, weil Rotenhof und Ebenheim über kurz oder lang in eine Hand übergehen sollten. Dann aber war das Steindorf'sche Schränkchen bei dem Con- curs verkauft worden und in ganz fremde Hände gekommen.
Heute nun kam diese Erinnerung dem Heimgekehrten gut zu statten. Er hatte den Mechanismus nach einigen vergeblichen Versuchen gefunden, das Schränkchen geöffnet und mit gierigen Händen den Inhalt durchsucht. Ein triumphirendes Lächeln überflog sein Gesicht, er fand mehr, als er vermuthet, steckte rasch die Geldrollen und Werthpapiere, soweit solche aus Banknoten bestanden, in seine Taschen, verschloß dann rasch das Schränkchen wieder und--ein heiserer Schrei entrang
sich seinen Lippen, als er sich jählings zu Boden gerissen und im nächsten Augenblick an Händen und Füßen gefesselt fühlte. Er war so überrascht, so gelähmt vor Entsetzen, daß es de« Knebels wohl nicht bedurft hätte, welchen Wolfiu» ihm geschickt zwischen die Zähne schob.
Als er sein Opfer, das er mit einer Art Zärtlichkeit betrachtete, ganz unschädlich gemacht hatte, nahm er das Licht, um den Kinnbart desselben zu untersuchen. Jetzt aber war Steindorf sozusagen wieder bei Besinnung und da sein Kopf natürlich ungefesselt war, so machte er davon den ausgiebigsten Gebrauch, indem er denselben in wildester Wuth hin- und herschleuderte, um die Untersuchung des Barts zu verhindern.
„Das ist einfach kindisch, mein Bester!" sprach der Detec- tiv achselzuckend. „Was wollen Sie damit bezwecken? Ihren Kopf zerschlagen Sie doch nicht, der ist hart genug."
Er schleppte ihn dicht an das Schränkchen, setzte da» Licht so, daß der Schein auf sein Gesicht fiel und hielt mit der Linken seinen Kopf fest, während die Rechte den Bart auseinanderstrich. Er mußte genug gesehen haben, da er mit einem zufriedenen Lächeln nickte.
„Run, Mister William Prien," sagte er dann, „fehlte e» Ihnen schon wieder an Geld? — Hatten doch bei der alten Tante Hanna ein nette» Sümmchen etngesäckelt. Alle» verspielt, alter Junge?"
Der Geknebelte verzog dar Gestcht auf eine grauenhafte Weise, wovon Wolfius indeß durchaus keine Notiz nahm, sondern rasch mit dem Lichte in'« Zimmer ging, die Thür öffnete und dann die Glocke zog.
Sogleich erschien Mamsell Evers, welche sehr bleich war und stch jedenfalls in der Nähe aufgehalten hatte. Ihre Augen irrten erregt durch'« Zimmer.
„Lassen Sie sofort einen Ackerwagen anspannen," befahl der Detectiv, „und einige Schütte Stroh darauf'werfen. Dann schicken Sie mir drei handfeste Knechte. Wir müssen ihn in einer würdigen Equipage nach der Stadt bringen," setzte er mit vergnügtem Lachen hinzu.
„Mein Gott, was haben Sie gethan und wer sind Sie?" stammelte Mamsell Eoers, welche jetzt an allen Gliedern zitterte, weil sie den Fremden für wahnsinnig hielt.
„Ich habe meine Pflicht als Criminalbeamter gethan, indem ich einen Verbrecher verhaftete," erwiderte Wolfius sehr ernst. Er nahm ein Schild aus der Tasche und zeigte es ihr mit den Worten: „Ich begreife Ihre Furcht, Sie halten mich für toll. Dies ist meine Legitimation. Lesen Sie, e» ist ein amtliches Zeichen."
»Ja, ja, das mag richtig sein, — aber was haben Sie mit ihm gemacht?" stotterte die Mamsell, welche das amtliche Zeichen kaum ansah.
Wolfius wurde ungeduldig, dieses alberns Frauenzimmer konnte ihm in ihrer blödsinnigen Angst Gott weiß welchen Streich spielen.
„Kommen Sie mit mir," sagte er barsch, in'» Cabinet hineinschreitend, wo der Gefangene jetzt regungslos lag.
„Allgütiger Gott!" schrie die Alte entsetzt auf. „Er ist ja tobt! — Sie Unmensch, wie haben Sie ihn zugerichtet 1"
Steindorf öffnete die Augen und sah sie kläglich an.
„Ich leide so etwas nicht, wissen Sie das?" schrie sie bei diesem Anblick auf'» Neue. „Da muß sich ja ein^Stein erbarmen, und noch dazu im Hause seiner Braut —"
„Na, na, Mamsell, nur ruhig," unterbrach der Detectiv sie kaltblütig, „werden bald aus einer anderen Tonart pfeifen und dem Unmensch danken. — Sie werden doch wissen, daß Ihre Herrin in diesem Schränkchen ihr Geld und ihre Documente aufbewahrt."
„Gewiß, — aber öffnen kann es Niemand, al« sie allein."
„Und dieser Herr, der hier am Boden liegt, er hat'» wenigstens vortrefflich verstanden."
„Er hat das Schränkchen geöffnet?" fragte die Alte, starr auf den Gefangenen blickend. „Freilich," fetzte sie, sich besinnend, hinzu, „möglich ist es immerhin, denn sie hatten auf Rotenhof auch so eins. — Aber das Fräulein kann'» ihm ja auch aufgetragen haben."
„Weil sie wahrscheinlich mit ihm ausreißen will," bemerkte Wolfius, verächtlich auflachend, „machen Sie keine Dummheiten, Mamsell, es könnte Ihnen sehr schlimm darnach ergehen. Paffen Sie auf!"
Er leerte die Taschen de» Geknebelten, der wieder so entsetzenerregende Gesichter schnitt, daß die Mamsell Evers sich schaudernd abwenden mußte.
„Sehen Sie hier — und hier — und hier — wahr- hastig, ein nettes Vermögen, mit welchem der saubere Patron doch geradewegs nach der nächsten Eisenbahnstation wollte, um zu verduften, weil er Morgenluft witterte. Hier hat er wahrhaftig noch ein prächtige» Schmuckstück mitgehen heißen, ein Diamantkreuz — Donner — welche» Feuer und welche wundervolle Fassung! Da» Kreuz müssen Sie doch kennen, Mamsell?"
„Und ob ich es kenne," rief sie, tief aufathmend. „Gerechter Himmel!"
„Wollen Sie den Wagen jetzt anspannen lassen und mir die Leute schicken?" fragte der Detectiv, die Geldrollen und Banknoten, sowie das Kreuz wieder in des Gefangenen Taschen schiebend.
„Soll der Spitzbube, der Gauner denn das Alle» behalten?" schrie die Eoer» ganz außer sich.
Wolfiu» lachte-
„Wir müssen e» ihm vorerst noch lassen, e» wird ihm seine Gefangenschaft einstweilen versüßen. — Vorwärt» jetzt, meine Liebe!"
Mamsell Eoer» eilte, von Grauen geschüttelt, aber auch von heimlicher Freude belebt, da die Hetrath ja nun unmöglich geworden war, fort und kehrte so rasch als möglich mit dem Verwalter und drei kräftigen Knechten zurück.
Nachdem der Detectiv dem Verwalter sein amtliche» Schild gezeigt und einige leise Worte mit ihm gewechselt hatte, mußten die Knechte, welche ganz dumm vor Staunen dreinschauten, den Gefangenen aufheben und hinunter in den Wagen tragen, wo sie ihn grinsend auf da» Stroh legten. Auf de» Detectiv« Befehl mußten sie ihm noch einen Bündel Stroh unter den Kopf schieben, worauf sich jener ebenfalls auf den Wagen schwingen wollte. Da trat Mamsell Eoer» in Hut und Tuch resolut auf ihn zu.


