Ausgabe 
25.3.1893
 
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Sie drei letzten Meistersänger von Straßburg.

Ein wohlthuendes Bild deutscher Gesinnung aus den Kreisen der alteingesessenen Straßburger bringt die soeben er­schienene Nummer 10 derGartenlaube" in einem Artikel unter obigem Titel. In zweiten Viertel unseres Jahrhunderts entwickelte sich in dem französischen Straßburg eine Gegenbe- wegung gegen den Versuch, künstlich eine Unterdrückung der deutschen Sprache anzubahnen. Leute aus allen Kreisen der Stadt, Gelehrte, Beamte und Handwerker traten zusammen und begannen einen Kampf gegen das Franzosentbum durch eine Art Meistersang. Sie kamen einmal in der Woche bei einem Gesinnungsgenossen zusammen, lasen und besprachen ihre Gedichte und ließen sie dann in ihremDannbacher Wochen­blatt" drucken, welches sie zur Verfechtung ihrer , deutschen Ge­sinnung gegründet hatten. Aus dem Kreise dieser Männer, welchem auch die drei Stöber angehörten, leben nun heute nur noch drei: der 89jährige ehemalige Drechsler Daniel Hirtz, der 84jährige Korbwaarenfabrikant Christian Hackenschmidt und der 85jährige Rentner Alphons Pick. Pick, der auch politisch als Mitglied des Landesausschusses hervortrat, dessen Alterspräsident er jahrelang war, ist besonders durch Gedichte in Elsässer Mundart wirksam geworden; Christian Hacken­schmidt, in dessen Laden die Freunde sich besonders gern sammelten, um den schlichten Hauswirth her, welcher im Schurz, mit einer Flechtarbeit beschäftigt, in ihrer Mitte saß, hat neben seinen kernigen Gedichten auch anmuthige Volkserzählungen und Jugenderinnerungen verfaßt. Das Haus, in dem Hacken­schmidt wohnt und sein Geschäft betreibt, ist nach allerdings angezweifelten Ueberlieferungen aus Volksmund dasjenige, in welchem Goethe in seiner Straßburger Zeit seinen Mittagstisch hatte. Hackenschmidt errichtete daher dem Andenken des Dichters im Hof feines Hauses einen schönen Denkstein mit folgender Inschrift:

Der große Meister Goethe ist Allhier zu Tisch gewesen Und hat wie jeder andere Christ (supp, Fleisch, Gemüs' gegessen. Wie fröhlich klapperten Gabel und Messer! Das Essen war gut, der Witz war besser.

Er hat uns Straßburger werth gehalten, Drum ehren wir ihn auch, den Alten."

Daniel Hirtz, der älteste der noch lebenden Sänger, ist besonders mit seinemMünsterlied" berühmt geworden. Am 24. Juni 1839, dem 400. Jahrestag der Vollendung des Straß­burger Münsters, hatte sich ganz in der Stille ein Häuflein Bürger zur Feier des Tages zusammengefunden und war zur Plattform des Münsters hinaufgestiegen an den Fuß des Thurmes. Aber bald waren es Hunderte, die sich bis auf die Galerien drängten. Musikstücke ertönten, Gedichte wurden aufgesagt, und unten, auf dem Münsterplatz, da schwoll die Menge an und Heilrufe tönten zu der Festversammlung empor. Die aufrichtige und herzliche Fröhlichkeit steigerte sich zur Be­geisterung, als Daniel Hirtz sein GedichtDas Münsterjubel- fest" vorlas. Es entfesselte einen Sturm der Entrüstung in allen größeren französischen Zeitungen, und als vor wenigen Jahren sein Sohn, Daniel Hirtz, ehemaliger französischer Offi­zier und nachheriger deutscher Rentmeister, starb, da frohlockten wieder die französischen Zeitungen und sagten den Verfasser des Münstergedichtes tobt Nur zwei Strophen seien hier wiederholt:

Du bleibest Unser! Schaust als treuer Hüter Zum Schwarzwald gern, gern zum Vogesenkranz, Begeisternd flammt bei deinem Anblick wieder Der deutschen Ahnen lichter Ruhmesglanz; Der freien Väter, die voll Muth gefochten Für Recht, für Freiheit, für den heim'schen Herd, Die kühn des Sieges Lorbeerkränze flochten, Mit jeder Schlacht auch Straßburgs Ruhm vermehrt."

GEeinnntziges.

Tomaten zur Bekleidung von Wänden. Reue Spalieranpflanzungen an Mauern und dergl. können in den ersten Jahren den Raum an der Wand, der für den einzelnen Spalierbaum berechnet ist, nicht ausfüllen. Der Zwischenraum muß ja für später leer bleiben. Dieser läßt sich aber den Sommer hindurch recht schön mit Tomaten ausnutzen. Pflanzt man Ende Mai Tomaten, die man in Töpfen schon bis zur Blüthe groß gezogen hat, an die Mauer, bindet dieselben sorgfältig am Spalier in die Höhe, so erhält man im Laufe des Sommers eine Wandbekleidung, die neben der, durch die prachtvollen rothen und grünen Früchte erzielten Zierde für die Küche schätzbare Erträgnisse abwirft. Man kann die Tomaten sogar sehr hoch treiben, will man unten aber auch Früchte haben, so richtet man den Schnitt so ein, daß immer Blüthenstängel übrig bleiben. Befindet sich der leere Raum unten, so bindet man eben die Leittriebe unten hin und ent* spitzt dieselben, um die nöthigen Verzweigungen zu erhalten.

Vevnrischtes.

Die Ursache der Liebe.Aber Emma, wie kannst Du den häßlichen und nachlässig gekleideten Julius meinem eleganten und schönen Bruder vorziehen?"Das ist ganz einfach: Dein Bruder liebt sich, Julius mich."

* * *

Aus der Jnstructionsstunde. Major:Warum sind die Stabsoffiziere der Infanterie beritten?" Infanterist: Ich weiß's aber ich trau' mi nit" Major:Na heraus damit!" Infanterist:Weil's zum Marschiren g'wöhnlich z'dick san!" * *

* « *

Im Hochgebirg. Dame (entzückt über die Großartig­keit der Natur):Welch' ein Anblick! Da kommt sich der Mensch doch so winzig vor!" Lieutenant (kleinlaut):Ich mir selbst beinahe!"

Aufrichtig. Professor (zu einem Medium):Ja wohl ich zitiere sie aber sie kommen nicht!"

Literarisches

Modedetails. DieWiener Mode" schreibt in ihrer neuesten Nummer: Seit der Herrschaft der Keilröcke galt es stets als schwieriges Problem, wohin die Tasche unauffällig zu plaeiren. Diese Frage ist nun in etwas radiealer Weise gelöst worden: man bedient sich einfach eines kleinen Gretchentäschchens oder Ridieules, die entweder aus Sammt oder ans dem Kleidstosfe angefertigt und mittelst einer Schnur, einem Kett­chen oder einer gestickten Leiste seitwärts am Gürtel befestigt sind. Mode­damen par excellence können übrigens die Tasche ganz entbehren; sie tragen das Taschentuch im Gürtel und die nöthigen Toilette- und Taschen- Utensilien an einem kleinen Kettchen oder einem aus Golddraht geform­ten Ringe, der am Arme oder Gürtel befestigt wird. Eine andere Neuerung besteht darin, daß man die Näthe an den Röcken und an den Taillen durch schmale Passementerie- oder Jaisgalons, oder durch hand­gestickte, in Seide und Jais ausgeführte Guirlanden deckt. Letztere Art haben wir bei mehreren Toiletten der jüngst verheiratheten Erzherzogin Margaretha angewendet gefunden. Als feiner Handschuh für die Promenade gilt der hellgelbe aus Glacöleder, der entweder Braune, dünne Stichverzierungen (Tambourirung wird nicht mehr angewendet) oder englische, mit etwas dunkler Seide abgesteppte Schnürlnäthe aufweist. Für Gesellschaften ist der schwedische, seit Jahren vernachlässigt gewesene hellfarbige, lange Handschuh wieder zu Ehren gekommen.

Ja du bist unser, Zeuge frommer Zeiten, Du bleibest Straßburgs unerreichter Dom!

Des Rheinthals Riese! Dich, dich muß beneiden Die Pcterskuppel selbst im stolzen Rom.

Du bleibest unser! Zu dem Seinestrande, Zur Königsstadt zieht dich kein Machtgebot, Entführt dich nicht dem alten Vaterlande, Dem treu du bleibst in Freuden und in Roth.

Redartion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.