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noch hier, Marbach, vielleicht treffen wir ihn irgendwo in einem Kaffeehause. Sie kennen ihn nicht persönlich?"
„Nein, habe ihn nie gesehen, er könnte unerkannt neben mir sitzen."
„Ein stattlicher, bildschöner Kerl, das muß man ihm laffen," fuhr der Anwalt fort, „ein Gentleman vom Kopf bis zur Sohle, den Amerika sicherlich nicht verwildert hat, und dabei von starker Intelligenz. Also Sie bleiben, nicht wahr, Herr Marbach?"
„Nein, es drängt mich unter den obwaltenden Umständen, wieder heimzukommen, lieber Doctor! — Uebrigens ist gestern Abend schon ein Bericht an eine hiesige große Zeitung ab- gesandt worden, welcher ihm sicherlich vor die Augen kommen wird, und wenn Sie ihn treffen —"
„Werde ich ihm sofort Mittheilung machen, darauf verlassen Sie sich."
Marbach ging fort. Ein bitteres Lächeln des Hohnes umspielte seine bärtigen Lippen bei dem Gedanken an jenen Prozeß, den ihm sozusagen die kleine Lotta hatte anhängen sollen. —
Der Tod hatte in unheimlichster Weise einen Strich durch diesen Plan gemacht, welcher für ihn sicherlich nur Verdruß und Zeitverlust im Gefolge gehabt haben würde, da er an einen wirklichen Erfolg nicht zu glauben vermochte. Freilich hätte er immerhin in die thatsächliche Verschleuderung seiner väterlichen Besitzung den Keil einsetzen können, was ihn — Marbach — allerdings schon der Ehre halber um eine anständige Summe gebracht haben würde, zu welcher er sich freiwillig gerne entschlossen hätte, während er bei einem Prozesse nur dem Richterspruche gewichen wäre.
Nun war diese Geschichte ohne sein Zuthun, wenn auch auf recht traurige Weise, beseitigt und Herr Steindorf für immer zur Ruhe verwiesen. Marbach mußte, während er nach dem Bahnhof zurückkehrte, um dort in der Restauration den nächsten Zug zu erwarten, fortwährend an Steindorfs ruheloses Umherschweifen denken. — Seltsame Gedanken und Ideen- Verbindungen durchkreuzten dabei sein Gehirn, und plötzlich fragte er sich wieder, weshalb der geheimnißvolle Mörder denn eigentlich auf ihn geschossen habe, wenn es wirklich der Räuber von Chicago gewesen war.
Er blieb stehen, als ob ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren sei und eilte dann, von einem plötzlichen Entschlüsse beseelt, nach dem Haupttelegraphenamt, wo sich augenblicklich gottlob nur wenige Menschen befanden.
Hier riß er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb ein Telegramm nieder, wozu er sich der englischen Sprache bediente.
Als er dasselbe dem Beamten hinreichte, und dieser den Vermerk „Antwort bezahlt" las, machte er ein erstauntes Gesicht.
„Das kostet viel, mein Herr!" sagte er. „Nach Chicago — hm, ein Kabel-Telegramm
»Thun Sie Ihre Pflicht," herrschte ihn Marbach gebieterisch an, „wie viel kostet diese Geschichte?"
Der Beamte nannte einen hohen Betrag, sah dann noch einmal in seinen Tarifen nach — er schien ein Neuling zu sein — und moderirte den Kostenpunkt, worauf Marbach bezahlte und seiner Wege ging.
„Schien mir ein geldprotziger Amerikaner zu sein," bemerkte ein feingekleideter Herr, welcher die ganze Zeit über hinter Marbach gestanden hatte und jetzt an den Schalter trat.
„Natürlich," brummte der Beamte, „und nun weiß man nicht einmal, wohin die Antwort geschickt werden soll."
In diesem Augenblick kehrte Marbach wieder zurück.
„Senden Sie die Antwort an diese Adresse," sagte er kurz, ein Stück Papier hinüberreichend und sich rasch entfernend. ^.Der Beamte warf einen Blick darauf und las halblaut:
„Philipp Remhardt in Moorkirch, Kurze Straße Nummer acht, hm, das kostet noch eine Nachzahlung."
Der fremde Herr lächelte und gab dann ein Telegramm an Fräulein Armgard Holten in Ebenheim bei Moorkirch auf.
Er entfernte sich ebenfalls sehr rasch und folgte dem eiligst
dahinschreitenden Marbach, der sich nach dem nahen Bahnhof begab und sich im Wartezimmer eine Erfrischung bestellte.
Jener fremde Herr betrat nun auch das Zimmer, erkundigte sich am Buffet nach dem nächsten Zuge und trank im Stehen einen Schoppen. Er fixirte dabei verstohlen den jungen Gutsbesitzer, der finster vor sich hinstarrte, als grolle er der ganzen Welt.
In diesem Augenblicke trat wieder ein älterer Herr ein, der beim Anblicke Marbachs sofort auf ihn lossteuerte.
„Grüß' Gott, Freund Marbach, auch ein wenig in der Residenz? Zum Donner noch einmal, was machen sie da in Ihrer Gegend für Geschichten!"
Der Angeredete fuhr aus seinem Grübeln empor und drückte dem ihm bekannten Gutsbesitzer die Hand.
„Ja, es ist recht unheimlich bei uns geworden," erwiderte er düster. „Sie haben wohl gehört, daß ich persönlich bei der schrecklichen Geschichte betheiligt bin."
»Ihr Freund ist erschaffen worden —"
„Von mörderischer Hand, — während mir eine Kugel am Kopfe vorüberflog."
Der elegante Fremde am Buffet war näher gekommen.
„Na, ich denke mir, daß das Unheil auch von einem schlimmen Zufall, einem unvorsichtigen und ungeschickten Schützen herrühren kann," bemerkte der Landsmann.
„Das müßte allerdings ein wahnsinniger Schütze gewesen sein," rief Marbach achselzuckend, „der drei bis vier Schüsse dicht hintereinander in's Ungewisse hinein losbrennt und dabei zwei Menschenleben vernichtet."
„Lieber Gott, ich hörte davon, also ist das kleine Mädchen ebenfalls tobt?"
»Mitten in die Stirn getroffen, diesen Schuß will ich allenfalls einem unglücklichen Zufall zuschreiben."
Marbachs Augen fielen bei diesen Worten auf den Fremden, welcher der Unterhaltung gefolgt war und sich jetzt leichenblaß an einen Tisch lehnte.
Das Wartezimmer hatte sich mittlerweile gefüllt, Marbach erhob sich, um seine Fahrkarte zu lösen.
„Entschuldigen Sie, mein Herr!" Mit diesen Worten trat der elegante Herr ihm in den Weg. „Sie sprachen vorhin von einem Verbrechen oder Unglücksfall. Dürfte ich Sie um eine nähere Aufklärung desselben bitten?"
Marbach gab dieselbe mit sichtlichem Widerstreben. Der Fremde hatte etwas Abstoßendes für ihn, obwohl er ein wirklich schöner Mann war.
„Wem gehörte das Kind?" fragte letzterer mit bebender Stimme.
„Einem gewissen Herrn Steindorf —"
„Allmächtiger Gott, mein einziges Kind, meine Lotta — tobt!" —
Er ließ sich wankenb auf einen Stuhl sinken unb sah aus wie ein Sterbenber.
„Sie — Sie sind Herr Steinborf?" fragte Marbach athemlos.
Jener nickte.
„Bitte, mein Herr," sagte er leise, als viele Neugierige "ich um sie ansammelten, „besorgen Sie mir eine Fahrkarte, ich muß um jeben Preis nach Ebenheim."
Der unglückliche Mann trocknete sich die mit Schweiß bedeckte Stirn unb bat um ein Glas Wasser, bas man ihm bienstbeflissen brachte, weil man ihn für krank hielt.
Marbach brängte sich rücksichtslos hinaus. Ihm war zu Muthe, als ob er soeben einen Faustschlag in's Gesicht erhalten und sich noch dafür bedanken müsse. Er lachte ingrimmig auf und verhöhnte sich ob der Rolle, die ihm jetzt im Handumdrehen zugetheilt worden. — Für diesen Menschen, den er haßte wie lichts sonst in der Welt, mußte er jetzt Botendienste thun, ihn behandeln wie einen Kranken und zu ihr zurückbringen! Das ging ihm doch über den Spaß und, wie er meinte, auch über eine Kräfte. — Aber es half nichts, er mußte sich jetzt ducken md in der Selbstverleugnung üben. Das war schwerer, als in Frankreich vor dem Feinde stehen, wie er's gethan.
(Fortsetzung folgt.)


