Ausgabe 
25.3.1893
 
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Nr. 36

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Samstag, den 25. März.

Tante Hannas Geheimniß.

Original-Roman von E. v. Linden-

(Fortsetzung).

Wir haben also zunächst unser Augenmerk auf diesen Menschen zu richten, dessen Signalement uns der Erschaffene ja so ziemlich genau hinterlassen hat," fuhr der Polizei- Commiffar fort.Das ist aber auch Alles und kann sehr leicht auf falsche Fährten führen. Schade, daß Sie diesen Burschen nicht kennen."

Ja, das bedaure ich tief, auch daß mein Freund kein Bild von ihm besaß, wie er mir erzählte, war dieser Prien ein erklärter Feind der Photographie."

Sehr erklärlich," rief der Commiffar lachend,es ist für die Verbrecherwelt eine böse Erfindung und durch die Taschen- Apparate geradezu verhängnißvoll für dieselbe geworden. Apropos, was sagt denn der Vater der. Kindes zu diesem Unglück?"

Marbach berichtete darüber.

Das ist allerdings ein recht fatales Ereigniß für Fräu­lein Holten," meinte der Beamte,habe von ihrem früheren bräutlichen Verhältniß zu Steindorf gehört und denke mir, daß dieser schreckliche Fall die beiden Leutchen wohl wieder zusammen­führen könnte, da die junge Dame ihm doch immerhin eine Genugthuung oder vielmehr einen Ersatz schuldig wäre, meinen Sie nicht, Herr Marbach?"

Ich kann darüber keine Meinung haben, Herr Com­miffar!" versetzte der junge Gutsbesitzer kalt.Hat auch weiter kein Jntereffe für mich. Sie werden also die weiteren gericht­lichen Schritte unternehmen?"

Unbedingt, bitte, über unsere Vermuthung strenges Schweigen zu bewahren. Ich werde morgen früh mit den be­treffenden Herren zu Ihnen kommen."

^.Marbach ging. Durch die trübe Stimmung, welche ihn vollständig beherrschte, brach der Zorn sich gewaltsam Bahn. Waren die Menschen denn allesammt geborene Ehestister? Selbst dieser kaltberechnende Polizeimensch? Was ging es ste an, ob dieser widerwärtige Steindorf einen Ersatz für sein erschaffenes Kind verlangen durfte! War denn Armgard Holten daran schuld? Und sie sollte sie wirklich um dieses Kmd nur trauern, weil es das seine war? Dann freilich ja dann

Der junge Mann trat unwillkürlich stärker auf, als ob er etwas zertreten wollte. Bah, was ging's denn ihn selber an, ob Armgard jenen Steindorf heirathete oder irgend einen

Anderen? Eine Röthe schoß ihm in die Stirn und er beschleu­nigte seinen Schritt, um die albernen Gedanken los zu werden, welche ihm im Hinblick auf den gemordeten Freund wahrhaft verbrecherisch erschienen.

Nach kurzer Zeit saß er in der Wohnung des alten Malers, der theilnehmend seiner Erzählung lauschte-

Sind mir das aber Pfingsttage gewesen," rief Reinhardt, sich mit beiden Händen durch das graue Haar fahrend.Erst die liebe, alte Freundin verloren, da die Arme so gut, wie tobt ist, und nun dieses Verbrechen hinterdrein. Wiffen Sie, was ich an Ihrer Stelle thäte?"

Nun?"

Ich telegraphirte nach Chicago, Sie haben doch dort Bekannte?"

Ich war ja bei meinem Freund Warneck und habe dort allerdings mehrere Familien kennen gelernt. Weiß auch, daß eine derselben dort noch existirt, was man in Amerika nicht immer voraussetzen kann."

Gut, telegraphiren Sie dorthin um einen sogenannten Deteetiv, der Ihren Mister Prien, heißt er nicht so? Ja? Gut, der diesen Schuft genau gekannt hat."

Die Idee ist nicht so übel," sagte Marbach nachdenklich, wer weiß aber, wo unser Bursche steckt, wenn der Detecttv eintrifft."

Freilich, es kostet auch einen Berg Geld," meinte Rein­hardt kleinlaut,sehe nicht ein, was es Ihrem tobten Freunbe nützen kann, wenn Sie Ihr Gelb wegwerfen."

O, bas sollte mich wahrlich nicht daran Hinbern, alter Freund! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß mein armer Warneck ungerächt modern, die schwere Schuld ungesühnt bleiben sollte. Aber allein will ich's aussühren, die Polizei soll von diesem Plane nichts erfahren. Hand darauf, daß es unter uns bleibt."

Sie schüttelten sich die Hände und besprachen sich nach lange über das Für und Wider jenes Planes, bis Marbach endlich aufbrach, van dem Maler begleitet, der ihm das Ver­sprechen gab, gleich am nächsten Morgen die verschiedenen Wege für die beiden Begräbniffe für ihn zu besorgen.

Alle Wetter, da hab' ich ja auch noch die Geschichte mit jenem Herrn Steindorf vergessen," sagte Marbach stehen blei­bend.Es ist so spät geworden."

Was ist's denn mit dem edlen Amerikaner?"

Na, der Vater muß doch von dem Tode seines Kindes unterrichtet werden und kein Mensch weiß, wo er zu finden ist. Da müssen wir den Edlen nur durch die Polizei oder ein In­serat suchen laffen."

Reinhardt schwieg eine Weile.