„Üeberzeugen Sie sich durch den Augenschein."
Liffauer streckte die Hand aus, aber der Richter zog sogleich das Blatt zurück. „Ich muß bitten," sagte er in etwas bestimmtem Tone.
Der Commerzienrath zuckte die Achseln. „Ich bin kurzsichtig," wandte er ein, „aber daß sich's hier um einen Brief von mir handelt, glaube ich trotzdem zu erkennen. An wen ist das Schreiben gerichtet?"
„An die Angeklagte, Fräulein Aßmann. Soll ich Ihnen den Inhalt mittheilen?"
Liffauer wechselte die Farbe. Nur ein einziger Brief von seiner Hand war jemals an die junge Dame gerichtet worden, diesen aber am dritten Orte sich vorlesen zu lassen, dafür fehlte ihm doch der Muth.
„Herr Richter," fragte er, „inwiefern steht mein Schreiben an Fräulein Aßmann zu dem auf Moldt begangenen Verbrechen in Beziehung?"
„Nur indirect," war die Antwort. „Dieser Brief selbst ist bedeutungslos; es handelt sich nur um das Schreiben, das Sie von der Angeklagten erhielten und das möglicherweise werthvolle Aufschlüsse gibt. Befindet sich dasselbe noch in Ihren Händen?"
„Nein!" betonte der Commerzienrath.
„Haben Sie bei dieser Antwort erwogen, daß dieselbe vielleicht eines Tages eidlich erhärtet werden muß?"
„Vollständig, Herr Richter."
„Nun gut. Sie wissen aber ohne Zweifel noch, was dieser, wie Sie behaupten, nicht mehr existirende Brief enthielt ?"
„Das allerdings."
„Wollen Sie also den Inhalt vorläufig zu Protokoll geben?"
„Sehr gern. Gestatten Sie mir indessen, ehe ich spreche, der Angeklagten gegenüber eine Frage."
„Gehört dieselbe zur Sache?"
„Natürlich. Ich möchte erfahren, auf welchem Wege mein an sie gerichteter Brief in die Hände der Behörden gelangte?"
Das war halb dem Richter, halb der jungen Dame gesagt. Ruths Gesicht zeigte die Verwirrung, welche sie thatsäch- lich empfand.
„Ich weiß es nicht," stammelten angstvoll die bleichen Lippen.
„Haben Sie denn den Brief, welchen ich im vollsten Vertrauen auf Ihr Zartgefühl an Sie richtete, einer dritten Person in die Hand gegeben?"
„Keinem Menschen, das schwöre ich Ihnen, Herr Commerzienrath. Aber allerdings habe ich an den Gegenstand nicht weiter gedacht — das Blatt muß mir entwendet worden sein."
„Dem Gerichte ist es gestern Vormittag anonym zugesandt worden -"
„Sodaß nun mein Name öffentlich zum Gespött werden wird!" rief voll Erbitterung der Commerzienrath. „Ich bin außer mir."
„Wir müssen jetzt erfahren, was in dem Schreiben der Angeklagten enthalten war," fuhr der Richter fort. „Wollen Sie also sprechen, Herr Commerzienrath?"
Liffauer zuckte die Achseln. „Baron Moldt schuldet mir eine sehr bedeutende Summe," sagte er, „einen Posten, der das Gut unter den Hammer bringen wird. Fräulein Aßmann wollte die Sache ihres Schwagers bei mir vertreten, sie bat und klagte, daß der Baron keine ruhige Stunde habe, dann wies sie hin auf eine Erbschaft, die ihr eines Tages zufallen müffe. Dies Geld wollte sie zu Gunsten ihres Schwagers mir gegenüber verpfänden. Eine kindliche Idee, auf die ich natürlich nicht eingehen konnte."
Diese Auseinandersetzung war zu Protokoll genommen worden, und jetzt sah der Richter auf.
„Schien aus der Faffung des Brieses hervorzugehen, daß die Angeklagte für den Baron ein besonders lebhaftes, vielleicht ein zärtliches Jntereffe empfindet, Herr Commerzienrath?"
Um Liffauer» Mund zuckte es mehr als gewöhnlich. „Das glaube ich," sagte er im Vollgefühl gesättigter Rache.
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Hinter ihm verbarg Ruth da» Gesicht in den fänden- Sie gab in diesem Augenblick Alles verloren.
Der Richter schloß die Sitzung. „Vorläufig bunten wir, Herr Commerzienrath," bemerkte er. „Späterhin wird sich das Weitere finden."
Liffauer streifte mit seinem Abichiedscompliment mir ganz flüchtig Die, welcher er noch am gestrigen Abend seinen Namen und seine Millionen zu Füßen legen wollte; dann beeilte er stch, das Zimmer zu verlaffen.
Ruth sah fast theilnahmlos vor sich hin, sie sprach kein Wort, sie regte kein Glied. Aus den Consequenzen des eben Geschehenen gab es nimmer eine Erlösung, das schien nur zu gewiß.
Selbst der Beamte mußte sie für schuldig halten. „Je früher und je vollständiger Sie die Wahrheit eingestehen, desto besser ist es für Sie selbst," sagte er nach längerer Pause. „In jeder Beziehung, Fräulein Aßmann."
Das junge Mädchen blickte auf. „Ich sollte einräumen, meine arme, kranke Schwester vergiftet zu haben?"
„Ja, Sie holten persönlich aus der Apotheke das Medikament, Sie entfernten die Gesellschafterin au» dem Zimmer Ihrer Frau Schwester, Sie waren die Letzte, mit der die Verstorbene sprach — Sie waren e», die ein großes Opfer bringen wollte, um des Barons Geldverlegenheit zu heben — ist es nicht so?"
Ruth neigte den Kopf. „Alles das — ja."
„Nun also. Geben Sie der Wahrheit die Ehre und gestehen Sie Ihre Schuld ein- Das Urtheil wird dann vielleicht Ihrer Jugend wegen milder ausfallen."
Ruth versuchte zu lächeln. „Bin ich jetzt eine Gefangene?" fragte sie statt aller Antwort.
„Das Gericht hat die Untersuchungshaft beschloffen, ja."
„Dann lassen Sie mir, bitte, meine Zelle anweisen. Ich fühle mich krank."
Der Richter verlor im Augenblick kein Wort mehr, und so wurde Ruth über einen Hof durch mehrere Pforten geführt, bis der Gerichtsdiener sie einer Aufseherin überlieferte.
Das Alles ging an ihrem Bewußtsein ziemlich spurlos vorüber; sie war wie geistesabwesend, wie im Traume. Als die Frau sie mitleidig fragte, ob ihr etwas frisches Wasser erwünscht sei, da verstand sie die Worte kaum. „Ja, Wasser, Wasser, der Kopf schmerzt so sehr."
Und dann blieb sie in der verschlossenen Zelle allein. — Gottlob! — Ganz allein.
Ihre Hände lagen gefaltet im Schooße; alle Gedanken ruhten.
Es war, als fei das Leben ein anderes geworden und alles Frühere, alles Gewesene untergegangen, verloren in weite, weite Fernen. (Fortsetzung folgt)
Die unstchlöaren Ieinde des Menschen
Bon S i l v e st e r Frey.
(Schluß.)
Ebenso ist die Lungenschwindsucht eine Seuche, die niemals unter dem augenblicklich die Erde bevölkernden Menschengeschlecht erlischt, nichts weiter als die Folge der Minirarbeit von winzigen Individuen, welche unsere Athmungsorgane zur Werkstatt ihres gefährlichen Treibens erwählt haben. Vielleicht die Mehrzahl sämmtlicher Menschen, die in das Grab sinken, sind die Opfer der betreffenden Bacillen. Man kann deshalb das freudige Aufjauchzen begreifen, welches über den Erdball dahin- zitterte, al» es hieß, ein deutscher Forscher habe da» Mittel gefunden, welches dieser Verheerungswuth das sichere Ziel setzte. Tausende faßten neuen, fröhlichen Muth, wer schon das Grab vor stch geöffnet sah, taumelte durch die Hoffnung in da» Leben zurück. Aber wir wissen auch, daß die Zuversicht in ihren Erwartungen leider getäuscht wurde; so wichtig die Entdeckung für die Wissenschaft ist, hat sie sich doch noch nicht für die practische Verwerthung bewährt. Aber der gefährlichste von allen diesen Mikro-Organismen bleibt doh der


