Ausgabe 
25.2.1893
 
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Das da ist mein Zimmer, guter Mann. Bleiben Sie hier stehen, so können Sie mich förmlich überwachen. Ein zweiter Ausgang ist nicht vorhanden."

Der Polizist verbeugte sich.Schön! Säön!" sagte er. Ich warte."

Ruth streckte der alten Dame beide Arme entgegen. Tante," bat sie,möchtest Du nur nicht ein wenig helfen?"

Die Greisin umfaßte schluchzend das Kind ihrer verstor­benen Schwester.Du zitterst, Ruth! Du bist krank. Ach, Herr Sergeant, Herr Sergeant, das ist eine fürchterliche Grau­samkeit!"

Komm', Tante, komm' was kann denn der Mann dafür?"

Sie zog die weinende Frau mit sich fort und schloß dann in ihrem Zimmer von innen die Thür- Man sah, daß sie sich nur mit Mühe aufrecht hielt-

Tante!"

Run, mein Liebling? Gott, ach Gott, wie blaß Du bist!"

Tante, willst Du mir einen großen, überaus wichtigen Dienst leisten? Willst Du es sein, die für meine Befreiung das erste Opfer bringt?"

Die Alte schlug ihre bebenden Hände zusammen.Großer Gott, Ruth, Du fragst noch?"

Das junge Mädchen ging unsicheren Schrittes zu einem Secretär, dessen Geheimfach sie öffnete und aus dem sie einen versiegelten Brief herausnahm.

Tante, willst Du sogleich, wenn ich fort bin, anspannen lassen und für mich nach Dornau fahren? Herr Wolfram muß diesen Brief so schnell als möglich erhalten-"

Die alte Dame nickte fortwährend.Gewiß will ich thun, wie Du sagst, mein armes Kind. Gewiß. Was steht denn aber in dem Brief? Dinge, die mit Deiner Verhaftung zusammenhängen?"

Natürlich, Tante. Das Alles erfährst Du später. Aber Dornau" Wpti$ mi$ Ems Du fährst persönlich nach

Ja, ja."

Und legst den Brief aus Deiner Hand in diejenige Wolf- rams. Es darf da keine dritte Person mitsprechen oder an Demer Stelle handeln so lieb Dir meine Sicherheit ist. Sollte Wolfram nicht zu Hause sein, so wartest Du, bis er zurückkommt."

Ich will Alles thun, was Du verlangst, Ruth."

Das erwarte ich. Aber halt! Es gibt doch noch Eines zu erinnern."

Und purpurn erglühend fügte das junge Mädchen hinzu: Hans Adam darf von der Existenz dieses Briefes keine Kennt« niß erlangen, Tante."

, , ihm kein Wort erzählen. Aber wozu das Ge«

heimniß, Ruth?"

r »Weil ich mich lieber auf Wolfram verlassen möchte; er ist besonnener, urtheilt ruhiger als Hans."

Sie hatte während dieser eilig gesprochenen Worte ihren Anzug vollendet und nahm nun Hut und Mantel, um sich zu dem wartenden Polizisten zu begeben. Tante Anna weinte, als müsse ihr das Herz brechen.Ich überlebe es nicht!" schluchzte sie immer wieder-O mein Gott, ich überlebe es nicht!"

Ruth küßte das thränenüberströmte Gesicht.Pflege meine Blumen, Tante. Wer schuldlos leidet wie ich, mit dem ist Gott."

Sie öffnete die Thür und bot dann ihrem Schwager die Hand.Adieu, Hans. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder." mIch gab schon Befehl, mein Pferd zu satteln, Ruth. Natürlich wird meine Bürgschaft genügen, um Deine sofortige Freilassung zu erwirken."

. , Das junge Mädchen lächelte traurig. Er war und blieb derselbe; seine zuverlässigen Erwartungen verließen ihn niemals. . . Unten fanden Himer allen Thüren halbversteckt die Dienst-

"Echo bitterlich weinend, alle voll aufrichtigen Mit- gefühls. Pastors Ruth im Gefängniß!

Pastors Ruth, die gütige, nachsichtige Herrin, die sanfte Trösterin der Armen und Verlassenen, die, bei der jeder Un­glückliche Rath und Hilfe fand sie sollte eine Mörderin sein!

Die Leute küßten ihre Hände, ihre Kleider, tausend Segenswünsche folgten ihr in den Wagen nach; der Polizist athmete wie befreit, als er sich zu dem Kutscher auf den Bock schwang.

So schwer wie diese Verhaftung war ihm während seiner ganzen Amtsführung noch keine einzige geworden.

Der Wagen fuhr durch das Schneetreiben dahin; beide Fenster waren dicht verschlossen und fast kein Mensch rings umher zu entdecken. Ruth lehnte den Kopf gegen die Polster; es war ihr, als müsse die lange erzwungene Selbstbeherrschung diesem letzten, schwersten Schlage gegenüber weichen, als werde sie zusammenbrechen unter der Last des furchtbaren Verhäng- niffes.

Gefangen, mit Verbrechern und großstädtischen Verwor­fenen eingesperrt, aller Freiheit, aller persönlichen Verbindungen beraubt ließ sich der entsetzliche Gedanke wirklich ertragen?

Ein galoppirendes Pferd überholte den Mtethwagen, Hans Adam grüßte mit ermuthigender Handbewegung, und gleich einer Vision flogen Roß und Reiter im Flockengewirbel vor­über. Ruth fühlte, daß ihr Herz schneller schlug, daß ihre Gedanken wohlthätig abgelenkt worden waren.

Hans würde nun von einer Amtsperson zur anderen eilen und überall, wohin er kam, Unmögliches zu erreichen suchen. Das machte er immer so und kein Fehlschlag entmuthigte ihn, keine noch so herbe Lehre fand bei ihm Eingang.

Armer Hans wie würde einmal das Ende fein?

Und der natürliche Gedankengang führte zu der Hinter­lassenschaft des Onkels.

Mochte Hans die große Summe erhalten und zersplittern wie jede frühere; es schadete nichts. Sie hatte sich es immer so herrlich gedacht, ihm das Geld in den Schooß zu legen daran sollte keine Zeit, kein Wechsel etwas ändern.

In ihren Augen glänzten Thränen; tief aus dem Grunde des Herzens quoll ein Seufzer. Wie war doch Alles so eitel, so ganz eitel Alles nur flüchtige Erscheinung, welche nach kurzer Zeit zerrann und Anderem, Neuem Platz machte.

Nur der Tod war das einzig Gewisse, der Freund, der nicht täuschen konnte.

Ein scharfer Ruck, und die Pferde hielten an; Ruth schrak zusammen. War es das Gefängniß?

Aber nein das Gerichtsgebäude nur. Man wollte die Verhaftete zunächst dem Untersuchungsrichter vorführen.

Der Polizist öffnete den Schlag und Ruth schlüpfte in die Vorhalle. Da stand Hans, um ihr einen Gruß zuzuwinken. Sein Herz war doch ein Edelstein trotz Allem und Allem.

Es ging eine Treppe hinauf und durch lange Corridors, endlich in das Zimmer des Untersuchungsrichters. Man for­derte die junge Dame auf, Platz zu nehmen, einige Formali­täten wurden erledigt und dann erhielt der an der Thür stehende Diener einen Wink.

Führen Sie den Zeugen herein."

Ruth horchte auf. Den Zeugen? Wer war das? Viel­leicht der Arzt?

Einen Augenblick flogen ihre Gedanken nach Dornau. Wenn Wolfram hier wäre!

Aber bas war ja vollständig unmöglich.

Die nächste Minute brachte neue Verwirrung. Es war der Commerzienrath Lisiauer, welcher jetzt das Zimmer betrat.

Starr vor Erstaunen sah jetzt Ruth in das zuckende Ge- sicht des Finanzmannes. Dieser? Dieser ein Zeuge ihrer An- gelegenheit?

Sie begriff es nicht.

Der Commerzienrath verbeugte sich ziemlich kühl.Darf ich fragen," begann er,durch welchen Zufall mein Name in die unsauberen Affairen auf Moldt hinetngezogen wurde?"

Der Richter nahm aus den vor ihm liegenden Acten ein bestimmtes Blatt hervor.Das werden Sie sogleich erfahren, Herr Commerzienrath. Ist dies hier Ihre Handschrift?"