Ausgabe 
24.10.1893
 
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&r hatte sich vorgebeugt. Die als Minute bezeichnete Dame stand mit wehendem Schleier, lachenden Gesichts, neben dem dicken, rothverbrannten Capitän auf der Commandobrücke. Ueberhaupt war die Brücke vollgepfropft mit Paffagieren; die Liebenswürdigkeit des Capitäns schien eine unbegrenzte zu sein. Hinter Minnie aber war ein verwogener, weißer Filzhut sicht- bar, zu dem sie sich wiederholt in offenbar sehr amüsirter Stimmung umwendete.

- n Herr eilte auf die Brücke zu, worauf ich schleu­nigst die Gelegenheit benutzte, um das vordere Deck zum Bug­spriet zu erklimmen, welches glücklicher Weise ganz damenfrei war.

Friedrichsort und dann der Bülker Leuchtthurm wurden zuruck gelaffen. Wir langten in dem directen Meer an, das harmlos da lag wie ein Karpfenteich. Die Studenten spielten letzt überwiegend Skat; die keine Silbe deutsch sprechenden Stewardessen liefen so eilig nachOel" (d. h. Bier), Kaffee, Cognak und Butlerbrod, daß ihre weißen Kopftücher wie Fahnen im Winde flatterten.

Ich studirte in meinemkleinen Schweden in der Westen­tasche," den ich Tags vorher gekauft hatte, um einigermaßen mit dem skandinavischen Volk in seiner Landessprache ver- handeln zu können. Meinen Freund Karl aufzusuchen, hütete ich mich, und dieser schien auch keine Sehnsucht nach mir zu verspüren.

Die holsteinische Küste verschwand. Fakeljeog, die erste Spitze Langelands, tauchte auf, ich war gerade damit beschäf­tigt, meinem Gedächtniß die zweifelhaft wahre PhraseJag Villa gerna betalar einzuprägen, als mit einem Mal der alte Herr nebst Töchterlein sich mir nahten und unverzüglich darauf Freund Karl, der sich wie durch Zauberei vermittelst eines eindrucksvollen, rothen Shlipses erheblich verschönt hatte, hinterher geschossen kam.

An Entfliehen war nicht zu denken. Das Schiff lief

e und fiel überall steil zum Meere ab. Ich mußte mich also dem im Rücken angreifenden Feind ergeben.

Ah, so fleißig, Herr Reisegenosse?"

Da das Meer langweilig ist, benutzte ich die Gelegen- heit, meinen eingerosteten Schulmeisterneigungen nachzuhängen."

Ei, ei, Schulmann sind Sie, beinahe hätte ich es gedacht." Das glaube ich! Wenn man übrigens so gar keine Hefte zum Corrigiren besitzt, fehlt einem doch etwas. Leider habe ich auch nicht einmal eine lateinische Grammatik mit­genommen."

Indem ich dies sagte, nahm ich eine sehr grämliche Miene an- .So, dachte ich,nun wird das windige Fräulein da hoffentlich ihr Vorurtheil gegen Dich weg haben."

Aber nein, es schien nicht so. Die Augen des Fräuleins sahen mich nur schelmisch an; von erwecktem Vorurtheil war keine Spur zu erblicken! Ueberhaupt war es ein ungewöhn- liches Wesen. Nicht auffallend hübsch, aber Race verrathend, frisch und fein. Doch, zum Henker, was ging mich das an? Wozu diese überflüssige Beobachtung!

Schon hatte der alte Herr auch wieder das Wort ge- nommen. Gütig bemerkte er:

r »Man muß seinen Beruf sehr lieb haben, wenn man ihn überall hin gern mitnehmen möchte. Respectabel, höchst re- spectabel! Mrr fehlen im Grund genommen überall meine Siebensachen und mein Laboratoriums-Aroma"

Laboratoriums - Aroma? I" ertönte hier Karl Schratts begeisterter Zwischenruf.Ganz mein Fall! Es geht nichts über Laboratoriums-Aroma! Was gebe ich jetzt für so ein meii??err?'US,2ltmOfP6äreI ®ie auch Chemiker,

Das eigentlich nicht, erwiderte der Gefragte, Freund Asmus sehr kühl von oben bis unten musternd

Dann jedenfalls Apotheker." Allerdings."

m ''Sehen Sie, Fachgenossen erkennen sich doch immer!

Sa»?1,1.H^r, mein Freund Doctor Döderlein! Schulmeister, wie er im Buche steht! Wie Sie auch bereits bemerkt haben werden."

Karl hatte dies mit einer höchst schwungvollen Bewegung

seines Filzes hervor gesprudelt, ehe ich noch irgend etwas gegen solche octroirte Vorstellung unternehmen konnte.

Auch dem alten Herrn blieb als höflichem Mann nichts Anderes übrig, als seinerseits die Ceremonie zu erledigen:

Apotheker Sasse aus Hamburg. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft"

Wieder fiel der feuerige Asmus ihm ins Wort.Ge­statten Sie uns auch, Ihrem Fräulein Tochter vorgestellt zu werden. Hatte allerdings bereits die Ehre, das gnädige Fräu­lein über Verschiedenes orientiren zu dürfen und", hier wußte Karl nicht, wie er sich passend auszudrücken habe, machte einige anmuthige Handbewegungen und ergänzte, Fräu­lein Minnie hold anlächelnd,und so weiter, und so weiter!"

Fräulein Minnie nickte ihm ganz unbefangen zu, wie der Papa nothgedrungen dem Ersuchen willfahrte. Der flotte Karl schien ihr angenehmer zu sein, als dem Alten. War dies nur allgemeines menschliches Wohlwollen in Verbindung mit Harm- loser Reisestimmung, oder hatte der Schwerenöther wirklich schon Eindruck auf ihr junges Gemüth gemacht?

Während wir noch so unsere Bekanntschaft verstärkten, hieß es:Das Diner ist fertig!"

Ah, famos!" rief Karl,hatte auch schon riesigen Appetit. Gehen wir, meine Herrschaften. Es ist Ihnen doch recht, Herr Sasse, wenn wir zusammen speisen?"

Wiederum ohne eine Antwort abzuwarten, forderte er Fräulein Minnie zum Vortritt auf, worauf der Alte und ich folgten. Dieser brummte etwas vor sich hin und ich auch. Mit dem Fräulein brauchte ich mich ja vorerst nicht zu be­fassen, aber das Diner lag ganz außerhalb meiner Etats­berechnung. Wir hatten beschlossen gehabt, uns erst Abends eine tüchtige Mahlzeit zu gönnen. Doch mein Karl that ja wieder, als ob er ganz Frankfurt am Main in der Tasche hätte. - (Fortsetzung folgt.)

Delikatessen aus dem Reich der Insekten.

Von Professor Dr. Kurt Lampert.

(Nachdruck verboten.)

Seine Speise aber war Heuschrecken und wilder Honig." Wer kennt nicht diese Worte, mit welchen die Bibel das ein- fache Menu Johannis des Täufers in der Wüste uns über- liefert? Ueber den wilden Honig ließen wir vielleicht noch mit uns reden, aber bei dem Gedanken an ein Heufchrecken-Mittaq- chen überläuft jeden Culturmenfchen ein gelindes Gruseln. Sicher hat zwar auch der Eine oder Andere der freundlichen ^ser in seiner Jugendzeit mit gutgespieltem Heroismus Mai- täferköpfe gegessen und seinen weniger schneidigen Kameraden voll Überzeugung versichert, daß siegerade wie Nußkerne" schmecken,nur noch besser", aber das sind tempi passati.

In der reichen Fülle der Gerichte, mit welcher das Thier- reich unfern Tisch versorgt, finden wir Insekten nicht ver- treten. Säugethiere, Vögel und Fische sind es, die der Mensch- Mt, soweit sie nicht zur Fahne des Vegetarianismus schwört, )ie meisten Opfer bringen; von den Reptilien haben die Schild- kröten, von den Amphibien die Frösche Gnade vor dem kuli­narischen Gerichtshof gefunden. Unter den wirbellosen Thieren retten die Ehre die Auster, die Miesmuschel, die Weinbergs­chnecke u. A. als Vertreterinnen der Weichthiere und die statt- ichen Krustenthiere Hummer, Krebs und Languste repräsen« tiren die Gliederthiere.

llscker den Völkern höherer Cultur sind unseres Wissens die Chinesen die einzigen, die auf ihrem durch Reichhaltigkeit ausgezeichneten Speisezettel auch den Insekten einen ständigen Platz emgeräumt haben. Neben allem möglichen genießbaren und in unseren Augen ungenießbaren Gethier verzehren ie auch eine Reihe von Insekten, ausgebildete wie unausgebil­dete, und mit der Verschiedenheit der hierfür zur Verwendung gelangenden Insekten wetteifert die Mannigfaltigkeit in der Zu- iereitungsweise dieser Delicateffen; als eine der größten der- artigen Feinheiten werden z. B. die Puppen der Seidenraupen angesehen, die gekocht und mit einer süßen Brühe servirt, ge- geffen werden.