müthiger Kanarienvogel zuschaut, nach ihm mich erstaunt umwende.

Das ist doch unerhört billig!" ruft er unter stärkster Betonung.

Was ist unerhört billig?"

Eine Pfingst-Extrafahrt von Kiel nach Gothenburg. Denke Dir, zwanzig lumpige Mark hin und zurück! Und da­für ganz Schweden!"

Mit Ausnahme der jenseits Gothenburg liegenden Theile," ergänzte ich möglichst ironisch, denn Asmus hatte eine so un­heimlich begeisterte Miene aufgesetzt, daß mir ein kalter Wafler- strahl dringend nothwendig erschien.

Einerlei! Die Trollhättafälle sind mit dabei. Der sagen­umwobene, herrliche Trollhättan!"

Aber doch nicht inclusive der zwanzig Mark!"

Ach was! Wenn man Derartiges sehen will, kommt's doch auf ein paar Thaler mehr oder weniger nicht an!"

Asmus, Asmus! Kiel war schon der Gipfel des Leicht­sinns, und nun willst Du mich auch noch in die arktischen Regionen verschleppen? Du bist einfach verrückt, mein Sohn!"

Gut, wenn ich verrückt bin, will ich es mindestens gründ­lich sein. Dann reise ich solo und, falls ich dann als Vaga­bund eingesperrt werde und an Dich wegen Auslösung tele- graphiren muß, kommt die Sache Dir noch viel theurer, lieber Wuz!"

Ich muß sagen, daß mir dieses Argument nach früheren Erfahrungen einigermaßen einleuchtete. Auch durfte ich einen so unüberlegten Menschen nicht allein mittellos in die Welt hinaus streichen laffen. Und schließlich, nun, ich will's nicht leugnen, der Trollhättan hatte auch bei mir mächtig einge­schlagen. Allein, so weit es in meinen Kräften stand, lag mir die Verpflichtung ob, das Panier des gesunden Menfchen-Ver- standes aufrecht zu erhalten.

Karl," sagte ich also eindringlich,was soll denn aus allen Deinen Plänen in Bezug auf die Düsternbrooker Millio­närs-Töchter werden?"

Gar nichts, Wuz, gar nichts! Man muß dem Schicksal nie vorgreifen wollen! Denkst Du, wenn der liebe Gott mir so ein liebes Wesen zugedacht hat, daß ich es nicht ebenso gut auf dem Dampfschiff finden könnte? Glaubst Du nicht, daß auch Gothenburg seine Millionärs-Töchter besitzt?"

Aber schwedische, Karl!"

Desto intereffanter!"

Sie verstehen Dich ja gar nicht!"

Schadet nicht. Dafür sind die Schwedinnen bekannter­maßen entzündlich wie die Jönköping-Streichhölzer."

Ich sah schon, mit dem Menschen war nichts anzufangen. Unsicher begann ich meinen Zwicker zu putzen, indem ich rechnete: Der Ausflug dauert circa vier Tage. Etwas über hundert Mark hast Du noch und Karl jedenfalls so viel, daß man später nach Berlin, wo Dir wieder eine Geldquelle fließt, zurück gelangt. Wenn ich ihn knapp halte, wird's einiger­maßen reichen und wenn Du imrothen Löwen" aus eigener Anschauung über den Trollhättan berichten kannst, ei ja, das ist doch eine andere Geschichte, als vom Kieler Hafen.

Kaum gewahrt das Ungeheuer von Asmus mein Schwan­ken, als er mich enthusiastisch in die Arme schließt-

Also abgemacht, altes Haus, wir fahren! Denke Dir: Die Kanaltour! Stockholm in seinem unvergleichlichen Schären­kranz! Die Kollegen in Upsala! Falun mit dem in Kupfer­vitriol einbalsamirt gewesenen Jüngling! Der romantische Wettersee--"

Asmus, höre blos auf! Du vergißt wieder einmal Deine Millionärs-Töchter. Mag denn geschehen, was da soll. Ich wasche meine Hände in Unschuld!"

Eine halbe Stunde später war ich um vierzig Mark ärmer und Asmus liebäugelt mit den Billets, die uns das Recht verliehen, am nächsten Tage, Samstag Mittags, mit dem DampferCeres" nach Gothenburg und Dienstag wieder von dort nach Kiel zurück zu schiffen.

Warum hatte sich Asmus auch gerade heute rasiren laffen? Warum ich? Und warum hatte ich mich derartig

schneiden müssen, daß dem gefährlichen Freund eine so un­glückliche Zeitungs-Annonce in die Hand fallen konnte!

Warum? Indem ich Dies schreibe, zieht Jemand, der hinter mir steht, mich am Ohr und lacht hell auf; und ich lache mit. Warum? Das wird man bei aufmerksamer Verfolgung meiner Reiseabenteuer schon erfahren.

* *

*

Da lag dieCeres" hinter dem Bahnhof am Bollwerl. Von der Gaffel wehte die schwedische, blau gekreuzte, gelbe Flagge.

Das Ding da ist doch überraschend klein, Asmus."

Wenn man nicht zur Seekrankheit neigt, wie ich, Wuz, genirt das nicht."

Wo hast Du denn diese Erfahrung gesammelt?"

Wo? Auf dem Ueberlinger See, Alter, bei einem colossalen Sturm!"

So, so!" Das war ja allerdings eine erstaunlich gün­stige Gelegenheit."

An Bord des kleinen Fahrzeuges fanden wir ein großer Menschengewimmel vor, meist aus Kieler Studenten bestehend. Jedoch bemerkte ich auch einige Damen. Fatal! Auf so engem Raum, an dem man unsympathischen Personen nicht einmal ausweichen konnte!

Das wildeste Durcheinander herrschte in der Kajüte, welche den etwas euphemistischen NamenSalon" führte. Eigentlich bestand sie nur aus einem längeren, schmalen Gang mit einem Tisch in der Mitte; rechts und links lagen die Schlafkämmerchen. Um diese tobte das Geschwärme. Karl und ich hatten die Betheiligung hieran nicht nöthig, da wir es verschmähten, uns für'ein Extrageld von fünf Mark per Kopf eine solche Schlafgelegenheit zu verschaffen.

Die schmale Kajüte endigte, um ein Klavier herum, in ein ziemlich geräumiges, plüschgepolstertes Rondel, unter dessen runden Fensterchen man in schachtelartigen Abteilungen ebenso wie auf den tieferen Plüschbänken davor eine Lagerstatt finde« konnte.

Alle diese Nestchen schienen schon durch Mäntel, Schirme oder Stöcke belegt zu sein. Glücklicherweise fand ich noch zwei, ein oberes und ein unteres, für Karl und mich. Ersterer ließ mich natürlich allein sorgen, da er nur darum bemüht war, in Verbindung mit den Vertreterinnen des schönen Ge­schlechts zu treten, was ihm bei deren Rathlosigkeit und durch feine vermuthlich auf dem Ueberlinger See erworbene Ver­trautheit mit Schiffsräumen bei mehreren auch überraschend schnell gelang.

Als ich aus dem Rondel zurück eilte, stieß ich hart mit einem hinter einem Kammer-Vorhang austauchenden kleinen Herrn zusammen.

Um Vergebung, ich bin etwas kurzsichtig!" sagte dieser, die Spitzen seines weißen Backenbartes ausziehend.

Bitte um Entschuldigung,"ich auch," entgegnete ich.

Dazu dies mystische Halbdunkel!" sagte er.

Und die allgemeine Verwirrung!" erwiderte ich.

Allerdings ich habe meine Tochter dabei verloren. Sonderbare Einrichtung auf Schiffen, was? Wenn man glaubt, man kommt hinten heraus, ist man vorn, und um­gekehrt. Wissen Sie, ob es hier aus's Hinterdeck geht?"

Keine Ahnung! Aber wir können unser Heil ja einmal bei dieser Treppe versuchen."

So gelangten wir durch den kleinen oberen Salon, in welchem bereits drei Studenten beim Skat saßen, auf's Ober­deck. Die Bekanntschaft war gemacht. Nun wollte ich mich aber seitwärts drücken, denn die Erwähnung einer Tochter hatte mich kopfscheu gemacht. Der kleine Herr aber hielt mich im Gespräch fest, in welchem ich außerordentliche Aufklärungen über die Strategie der deutschen Flotte erhielt, während wir inzwischen vom Bollwerk abgedampst waren und langsam die lange Linie der Kriegsfahrzeuge passirten.

Gott, wo ist nur wieder meine Minnie?" rief der alte Herr mit einem Mal erschreckt.Man muß doch immer auf das wilde Mädchen--Ah, da!"