-- 396 =
Unser Sim für Natnrschönheit
hat kein Verständniß für die Thatsache, daß früheren Geschlecht lern eine solche Empfindung fast ganz fehlte, jedenfalls längst nicht so allgemein war, wie heutzutage. Im Anfänge des ver- stoffenen Jahrhunderts galten diejenigen Städte für schön, die in der Ebene lagen und wohlangebaute Gärten zeigten; aber der Harz und ähnliche Berglandschaften wurden als traurige Einöden und rauhe und rohe Wildnisse betrachtet. Hannover und Leipzig, ja, die ließ man gelten, die lagen in interessanten Gegenden, wo keine Berge störten; aber Schlangenbad im Nassauischen erschien zum Beispiel den Begleitern des sächsischen Kurfürsten, der dorthin ziehen wollte, „als ein gar wüster Platz" und schier unbewohnbar. Eine gebildete Reisende, die 1716 durch die sächsische Schweiz zog, weiß noch gar nichts von ihrer eigenartigen Schönheit zu sagen, sondern klagt nur „über die schrecklichen Abgründe", die Böhmen und Sachsen trennen.
In der That darf man aus dem Schweigen der Reisenden, die im Beginne des vorigen Jahrhunderts durch Deutschland zogen, noch nicht auf einen Mangel an jeglichem Natursinn schließen; es bleibt wohl zu beachten, daß das Reisen in Deutschland damals noch so gefährlich und unbequem war, daß ein reiner Naturgenuß schwer aufkommen konnte. Viele unverdächtige Zeugnisse bestätigen dies, Nachrichten, die uns heute wie Märchen dünken. Ein schwäbischer Bürger, der 1721 acht Poststationen weit von Schwäbisch Gmünd nach Ellwangen fuhr, ließ zuvor eine Messe lesen „für glückliche Erledigung vorhabender Reise" und er that recht daran, daß er um den göttlichen Segen flehte, denn bereits nach wenigen Stunden blieb sein Planwagen im Straßenkoth stecken- Weiterhin, im Dorfe Böbingen, warf das Gefährt um, so daß „das Wägelchen überkippte und die Frau Eheliebste sich Nase und Backen jämmerlich zerschund". Hundert Schritte vor dem Dorfe Hofen fielen sie Alle in eine Pfütze, der Knecht „zerstauchte" sich die Hand und die Magd, die man in fürsorglicher Bequemlichkeit zur Bedienung mitgenommen hatte, „brach die rechte Achsel auseinander". Es liest sich wie ein Roman — und das Alles auf acht Wegstunden! Es war aber um 1772 noch nicht viel besser. Eva König, die damals an ihren Lessing schrieb, berichtet, wie auf einer Reise von Braunschweig nach Nürnberg in sechsunddreißig Stunden zwei Achsen und zwei Stangen zerbrochen, wie die Pferde mit ihnen durchgingen, wie ein Pferd stürzte und starb; und endlich mußte sie mehrere Tage in einem elenden Dorfe am Main verbringen, weil das Wasser zu hoch war. Natürlich gab es weder eine Fähre noch eine Brücke dort. Da gab sich das Reisen in die Sommerfrische von selbst ober nur sehr Wohlhabende konnten sich diesen Luxus unter Anwendung eines großen Apparates gestatten. Noch um 1750 rechnete man eine Tagereise gewöhnlich zu fünf Meilen, zwei Stunden auf die Meile; und als im Juli 1750 Klopstock mit Gleim in leichtem Wagen, durch vier Pferde gezogen, von Halberstadt nach Magdeburg sechs Meilen in sechs Stunden fuhr, fand er diese Schnelligkeit so außerordentlich, daß er sie mit dem Wettlaufe bei den olympischen Spielen verglich. Wer irgend Ansprüche machte, scheute eine Fußreise — die schlechten Straßen, die Unsicherheit, die unsauberen Herbergen und die rohe Behandlung; noch waren wohlgekleidete Fußreisende, die die Landschaft bewunderten, ganz unerhört.
Erst gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts begann man die schönen Gegenden auch schön zu finden. Grümbke klagte noch 1805, daß die meisten Reisenden nur nach der Insel Rügen kämen, um dort zu schmausen, nicht des Natur- genuffes wegen; aber er selber schreibt ganz begeistert von der „schauerlich-schönen Wildniß": „Du weißt, ich bin kein Freudenfeind und fühle so gut wie Einer den erquickenden Genuß von Speise und Trank nach einer ermüdenden körperlichen Anstrengung ; allein ihn hier zur Hauptsache machen zu wollen, das entweihet diesen Ort, der geeignet ist, einem anderen Gotte zu huldigen, als dem Bauche. Unter diesen grünen Buchenhallen,
auf der Zinne dieses blendenden Riesentempels, vor diesem ungeheuren Lasurspiegel des Meeres sollten nur ernste und hohe Gedanken in der Brust des Naturfreundes auskeimen; die ganze Situation, die den Stempel der Würde, der Hoheit und des Geheimnißvollen trägt, scheint vorzüglich dazu geeignet zu sein, daß das Gemüth sich sammle, seine innersten Tiefen belausche und eindringe in das verborgene Leben der unendlichen Welt, wozu dann Einsamkeit und Ruhe nothwendige Bedingungen sind."
Hatten die Dichter, die Schriftsteller und Maler noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Natur durch ihre steten Allegorien entstellt, so verunziert man sie selbst noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts durch romantische Weinerlichkeit und eine zu starke Personification. Unleidlich ist, um nur ein Beispiel anzuführen, ein Aufsatz von Spix und Martins, der aus seiner „Reise in Brasilien in den Jahren 1817—1820" in viele Lesebücher übergegangen ist. In demselben ist die Erde fortwährend eine „Braut, die ihren Bräutigam erwartet"; ohne Aufhören „lächelt der Himmel die Erde an", mit dem Abend werden „Thiere und Pflanzen zu neuen Ahnungen fortgeriffen"; „verjüngte Liebessehnsucht athmet in den wollustreichen Düften, die aus neu erschaffenen Blumen strömen". „Mild und gespensterhaft" steigt der Mond empor, und in der Nacht sogar strahlt der Aether „Demuth und Vertrauen in das Herz der Menschen". — Die Empfindsamkeit überwiegt, aber sie ist unvermögend, in wirklich künstlerischer Form den überwallenden Gefühlen Worte zu leihen.
Der erste große und tüchtige Naturschilderer war der Reisende Forster; auf ihn folgte Alexander von Humboldt. In der französischen Literatur erschlaffen Bernardin de St. Pierre und Rouffeau die Erkenntniß des Naturgefühls. Die Liebe zur Natur um ihrer selbst willen, nicht bloß des Gegensatzes wegen zur Cultur und zur „gehässigen" Menschenwelt, begann Freunde zu finden.
Man fing an, Gegenden zu „entdecken", die früher Niemand für schön gehalten hatte. So machte Zimmermann 1775 zuerst auf den Harz aufmerksam, — (Satterer sogar in fünf Bänden, — Volkmar erschloß 1777 das Riesengebirge, Nicolai 1806 die sächsische Schweiz u. s. w.
Heute erscheint uns dieser frühere Zustand fast unfaßbar, und es kommt uns merkwürdig vor, daß die Natur direct für unschön galt, dieselbe Gegend, die jetzt Alle für reizend erklären. Noch lange sah man die entzückendsten Fleckchen Erde nur mit sentimentalen, sich selbst bespiegelnden und vergötternden Augen an; auch das Naturgefühl manches englischen Dichters verleugnet nie den Untergrund einer krankhaften Gemüthsstimmung. Erst Goethe rang sich nach schweren inneren Kämpfen aus dem unseligen Bann heraus, der über der Welt lag. Unsere heutige Freude an der Natur ist durch langsames, stufenweises Fortschreiten zur Entwickelung gelangt. Alfred Biese hat dies unlängst sehr verständig ausgedrückt: „Unser moderner Natur- cultus wurzelt in der Vergangenheit; aber die Höhe der heutigen Betrachtung würde er nicht erreicht haben ohne die Blüthe der Naturwissenschaften. Wohl ist unser Empfinden jetzt, in dem Zeitalter der Electricität und des Mikroskops, viel nüchterner und realistischer geworden, aber die Naturliebe hat durch das gesteigerte Natur-Erkennen nur an Vertiefung gewonnen, ja, sie ist dem Forscher zur Religion geworden."
Gemeinnütziges.
Um Gurken längere Zeit frisch aufbewahren zu können, wasche man vollkommen gesunde Exemplare, die mit langen Stengeln versehen sind, sorgfältig ab. Namentlich ist darauf zu sehen, daß keine Flecken auf denselben sind, denn diese rühren meistens von Pilzen her, welche ein schnelles Faulen herbeiführen. Ist das Waschen fertig, so werden die Gurken abgetrocknet und ein Faden an die Stengel gebunden. Jetzt bestreicht man sie mit flüssigem Eiweiß aufls Sorgfältigste und hängt sie zum Trocknen auf. Das Eiweiß hält die Lust ab und macht die Gurken für Monate haltbar.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Briihl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


