Ausgabe 
24.8.1893
 
Einzelbild herunterladen

" 395 S

Fragen und beschwor den Doctor mit den beweglichsten Worten, doch um Gotteswillen ja recht bald wieder zu kommen. Noch in der Thür versicherte er ihm, daß alle seine Anordnungen befolgt werden sollten, wie wenn es unverbrüchliche Gesetze seien, und dann, als Asmus sich entfernt hatte, eilte er, feine Tochter Monika aufzusuchen, an die er sich noch immer in jeder Noth und Verlegenheit zuerst gewendet hatte und deren sanfte, gleichmäßige Ruhe im Verein mit ihrer immer opfer­bereiten Hingabe gerade in solchen Tagen für ihn schon oft von unschätzbarem Werthe gewesen war.

VII.

Nur zu vollständig ging die Voraussicht des Doctors in Erfüllung. Noch an demselben Nachmittag mußte er bei Editha den Ausbruch eines schweren, typhösen Fiebers feststellen und ihre Angehörigen darauf vorbereiten, daß die Krankheit selbst im günstigsten Falle eine sehr ernsthafte und langwierige sein würde.

Die Patientin war im Laufe des Tages in einen Zu­stand halber Bewußtlosigkeit verfallen, aus dem sie durch keinen äußeren Anreiz zu erwecken war. Sie erkannte Nie­manden und was sie sprach, waren nur die losen, unzusammen- hängenden Sätze wirrer Fieberphantasien. Auf des Doctors strengen Befehl waren außer ihm felbst und Monika sofort alle übrigen Hausbewohner und alle Besucher von dem Be­treten des Krankenzimmers ausgeschlossen worden. Ohne Wider­spruch, wenn auch mit schwerem Herzen, hatte der tief be­kümmerte Oberst sich dieser Weisung gefügt; Hugo Neukamp aber legte lebhaften Protest ein gegen ein Verbot, das ihn hindern sollte, seine kranke Braut zu jeder beliebigen Zeit zu sehen. Er äußerte sich gegen Monika, die ihm bei seinem ersten Besuche von der getroffenen Anordnung Mittheilung machte, in der gehässigsten Weise über die Willkür des Doctors und verlangte, daß die Behandlung in die Hände eines anderen Arztes gelegt werde. Aber er begegnete da bei der sonst so stillen und sanften Schwester Edithas einem Widerspruch, den er in so entschiedener und nachdrücklicher Form von ihr nie­mals erwartet hätte und der ihn alsbald verstummen machte. Voll eifersüchtigen Grolls und in unverhehlter Verstimmung verließ er das Haus, um sich während der nächsten Tage nur noch durch seinen Diener nach dem Befinden der Kranken er­kundigen zu lassen. Auch ein von dem Obersten unternommener Vermittelungsversuch schien nur von geringem Erfolge gewesen zu sein; denn der alte Herr kehrte mit rothem Gesicht und in übelster Laune nach Hause zurück, ohne sich über die Unterhaltung, die er mit seinem Schwiegersöhne geführt hatte, auch nur in einem einzigen Worte zu äußern.

Wie nothwendig und zweckmäßig aber das Verbot des Doctors gewesen war, wußte Niemand besser als Monika, die treue, unermüdliche, aufopfernde Pflegerin Edithas. Sie, die allein ihre Fieberphantasien belauschen durfte und die allein zu errathen vermochte, was während dieser peinvollen Stunden und Tage in der Seele der Kranken vorging, hatte mit dem feinen Instinkt des Weibes sehr bald die Gewißheit gewonnen, daß sich zwischen den beiden Menschen, die einander für das ganze Leben hatten angehören sollen, ein unübersteiglicher Ab­grund aufgethan. Sie hörte ja die hastigen, abgerissenen Worte des Zornes und des Entsetzens, welche von den Lippen ihrer Schwester kamen, wenn sie in ihren fieberischen Wahnvor­stellungen meinte, Hugo Neukamp vor sich zu sehen, und sie hörte wohl auch noch so manches Andere, das ihr den Schlüssel lieferte zu vielem Unverständlichen und Unbegreiflichen in dem früheren Benehmen Edithas.

Aber sie theilte Keinem ihre Wahrnehmungen mit, und wenn sie dem Doctor Asmus bei seinen wiederholten täglichen Besuchen getreulich Bericht erstattete über Alles, was ihm sür die Beurtheilung von Edithas Zustand von Wichtigkeit sein konnte, so verschwieg sie doch auch ihm, was sie au» jenen Fieberphantasien erfahren. Sonst freilich gab es keinerlei Ge­heimnisse zwischen ihr und dem jungen Arzte. In der gemein- I schaftlichen Sorge um die Kranke hatten sie eine Berührung |

I gefunden, die sie innerhalb weniger Tage einander viel näher brachte, als es unter anderen Umständen selbst eine langjährige Freundschaft vermocht hätte. Kaum jemals sprachen sie von sich selber; all' ihre Gespräche bewegten sich allein um die Leidende und waren erfüllt von den Hoffnungen und Befürch­tungen, mit denen ihr häufig wechselnder Zustand sie erfüllte. Und doch lernten sie einander in diesen Gesprächen so genau kennen, als ob sie sich gegenseitig ihr ganzes Herz ausgeschüttet hätten. Vor dem Blick des Doctors entfaltete sich da in seiner vollen Reinheit und Schöne das Bild einer Mädchenseele, die | ihn in ihrer edlen Selbstlosigkeit und in ihrer hingebenden Liebe für die stolze Schwester zu immer tieferer und mäch­tigerer Bewunderung zwang; und je vollständiger Monika bei ihrem aufopfernden Samariterdienst sich selbst vergaß, desto leuchtender trat dem jungen Arzte der bis dahin beinahe' ängst­lich verborgen gehaltene Reichthum ihres goldenen Herzens entgegen.

Aber er sagte es ihr nicht, wie sie ja überhaupt nicht Gelegenheit hatten, von sich zu sprechen. Nur als ihr hüb- sches Gesichtchen immer schmaler, als ihre Hautfarbe immer durchsichtiger wurde, fing er an, sie zu größerer Schonung ihrer eigenen Kräfte zu mahnen. Ruhig hörte sie ihn an; aber als er davon sprach, an ihrer Stelle eine barmherzige Schwester als Krankenpflegerin zu besorgen, da faltete sie wie ein Kind die Hände und sah bittend zu ihm aus.

Habe ich denn schon einmal etwas vernachlässigt? ' fragte sie.Glauben Sie, daß eine Fremde besser für Editha sorgen könnte, als ich es thue? Ich fühle mich noch ganz wohl und kräftig, und ich meine immer, sie müßte es schmerzlich empfinden, wenn eine Andere an meine Stelle träte, obgleich sie mich ja nicht zu erkennen scheint."

Da hatte er nun freilich nicht das Herz, auf seinem Ver­langen zu beharren und Alles, was er wirklich durchsetzte, war, daß das geschickte und anstellige Hausmädchen einige Mal bei der Kranken wachte, während Monika in voller Kleidung auf dem Sopha des Nebenzimmers schlief. Als dann aber plötz­lich eine Wendung zum Schlimmeren einzutreten schien und bange, kritische Nächte kamen, da war von solcher Ablösung nicht mehr die Rede, und da saßen Doctor Asmus und Mo­nika gemeinschaftlich bis zum späten Morgengrauen neben dem Bette der in heftigen Delirien oder in stumpfer Thellnahm- losigkeit Daliegenden, die sie so gerne dem Tode entrissen hätten.

Fast noch weniger als sonst wurde in diesen beiden ent­scheidungsschweren Nächten zwischen ihnen gesprochen; aber ihre Blicke begegneten sich sehr oft, und beim Dämmern des zweiten Tages, als Doctor Asmus, nachdem er die Puls­schläge der Kranken gezählt, tief aufathmend sagen konnte:

Dem Himmel sei Dank ich glaube, sie ist gerettet" da begegneten sich auch ihre Hände und schluchzend ließ Mo­nika für die Dauer einer Minute ihr Haupt an seine Schul­ter sinken.

Freilich fuhr sie gleich darauf zum Tode erschrocken zu- sammen und purpurn flammte die Gluth der Beschämung in ihren blassen Wangen auf; aber Doctor Asmus ließ trotzdem ihre Hand nicht sogleich los und sagte leise:

Wenn sie gerettet wird, so ist das vor Allem Ihr Werk, Monika und jetzt kann ich es Ihnen ja auch sagen, wie sehr ich Sie bewundere und verehre um der heldenmüthigen Standhaftigkeit willen, die Sie an diesem Krankenbette be­wiesen." #.

Etwas Weiteres sprachen sie nicht, aber der erste matte Frühlichtstrahl des Wintertages, der sich durch die Vorhänge des Zimmers stahl, fand auf des Doctors Gesicht ein still glückliches Lächeln, das vielleicht nicht allein seiner begreiflichen ärztlichen Befriedigung über die günstige Wendung in Edithas Befinden zuzuschreiben war.

(Schluß folgt.)