Ausgabe 
24.6.1893
 
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Zeit. Ich brauche dann wenigstens nicht" Ausschluchzend griff sie nach ihrem Taschentuch, sich die Thränen abzutrocknen.

So viel auch Leonore sie ermuthigte, sich offen auszu­sprechen und ihr Herz zu erleichtern, es war vergebens.

Onkel Strehlen braucht nicht zu wissen, auf wie lange ich fortgeschickt werde," fuhr sie fort, nachdem sie sich gefaßt hatte,sonst kommt er mit hinüber und es gibt eine Scene. Er ist schon auf Erna schlecht zu sprechen das sollt' ich auch nicht ausplaudern sie hat über Dich häßlich geredet, weil Onkel Strehlen alt und so schrecklich reich ist!"

Leonore war zusammengezuckt bei Astas schonungsloser Offenheit.

Erna hat auch nicht gewollt, ich sollte zu Euch, als mit ihr. Ich will aber nicht falsch sein und mich verstellen! Du sollst es wissen, daß Erna Onkel Strehlen immer reizt. Es ist blor Neid, weil Du so schön bist und sie Dich Alle bewundern, Hans auch! Ich habe mich heimlich fortgestohlen, um Dir das auseinanderzusetzen. Und nun will ich mich schleunigst aus dem Staube machen, damit ich nicht erst noch vermißt werde! Und Du schreibst mir, nicht wahr, wie es Werner geht und was er malt. Er wird doch keine andere Schülerin für mich an­nehmen?" klagte sie, kleinlaut werdend.

Vielleicht kannst Du mir in Deinen Briefen immer ein paar Zeilen von ihm mit einschmuggeln? Er kannPauline" unterzeichnen!" Sie lachte belustigt auf. Die unverwüstliche Heiterkeit ihres Temperaments brach schon wieder durch.Ich heiße ihn auchPauline" in der Antwort. Das wird köstlich! Ich betrüge sie Alle von jetzt ab, Alle! Wäre ich nicht so aufrichtig gewesen und hätte in meiner dummen, gutmüthigen Ehrlichkeit das Gedicht gezeigt, hätte ich vielleicht gar nicht fort gemußt, das gab noch den Hauptausschlag. Und das von Hans! Das weißt Du noch gar nicht? Na, das schadet auch nichts. Falsch muß man werden, falsch, die Welt ist zu schlecht!"

Nein, Kind, nein," widersprach Leonore,erhalte Dir Deine Ehrlichkeit und Deine Herzensgüte, auch wenn Du darum leiden mußt. Glaube mir, es gibt nichts Köstlicheres auf der Welt, als das Bewußtsein, in Worten und Werken gut und wahr gewesen zu sein. Und nun höre mich ruhig an, fahre nicht auf und zürne mir nicht: zu dem Briefwechsel, den Dir die Eltern nicht länger gestatten wollen, darf ich die Hand nicht bieten. Du wirst es auch unterlassen, die Eltern zu hintergehen I"

Die Kleine schüttelte heftig den Kopf.

Ich gebe Dir mein Wort: ich kann nicht anders; ich muß es Dir abschlagen. Ich habe triftige Gründe dazu."

Astas Lippen schoben sich trotzig und verächtlich vor. Ein Ausdruck von Verstocktheit legte sich in ihre Züge. Leonore gewahrte es mit Schmerz.Liebes Kind, Asta, fei mir nicht böse!" bat sie mit Wärme.

Bitte, willst Du so gut sein und mir mein Packet zurück­geben?" grollte Asta.

Aber, liebstes Herz, Du wirst mir doch das einmal ge­schenkte Vertrauen nicht entziehen wollen? Du hast mein heiliges Versprechen, es kommt in Pauls Hände"

Sie war vor Schreck roth geworden, wie der Name so unbewußt ihren Lippen entschlüpft war. Die Kleine war glücklicherweise kein Beobachter, sonst hätte sie daraus Schlüsse ziehen können.

Gib es mir doch lieber wieder," beharrte Asta abweisend aus ihr Verlangen.

Erst thu' mir kund, was Du anfangen willst, um es in seine Hände gelangen zu lassen?" weigerte sich Leonore der Herausgabe des anvertrauten Gutes.

«Ich geh' zur alten Mama Huhn in's Aurelienstift. Die hat ihn schrecklich lieb, die wird es schon ausrichten. Sie ist stundenlang im Atelier und leistet ihm Gesellschast. Ach, die ist sehr unterhaltend, sie weiß lauter Ahnengeschichten aus allen Jahrhunderten. Sie ist eine lebende Chronik!" wiederholte sie Werners Worte.

Leonore starrte sinnend vor sich hin. Von jener Frau Huhn mußte Paul das Pastellbild haben, welches ihr so

wunderbar ähnlich sah. Eine Fluth von Gedanken stürmte auf sie ein. Sie gedachte der Worte Pauls von der unglaub­würdigen Fabel aus jener Zeit, da Liebe nur sich selbst als Preis hatte- Er hatte es ihr sehr bitter zu verstehen gegeben, daß sie sich verkauft. Sie wollte die alte Frau unter irgend einem Vorwande aufsuchen und Alles von ihr erfragen; sie allein konnte ihr Auskunft geben.

Eine entferntere Thür fiel dröhnend in's Schloß.

Onkel Ludwig," stotterte die Kleine.Es ist besser, er hat mich nicht gesehen. Nur wegen Erna! Er kann sich nicht verstellen." Sie eilte zur Thür.Du gibst auch mein Packet gewissenhaft ab?" flehte sie.

Dasselbe flüsterte sie Leonoren nochmals in's Ohr, indem sie an der Treppe die Arme um ihren Hals schlang und sie wieder und wieder zum Lebewohl küßte.

(Fortsetzung folgt-)

Zische als MuManLen.

Von Dr. Ludwig Staby.

- ------- (Nachdruck verboten.)

Stumm wie ein Fisch" ist ein altes Sprüchwort, das oft angewendet wird und eine längst feststehende unumstößliche Thatsache in sich schließt nach der Meinung der meisten Men­schen. Ist dem nun in der That so, sind alle Fische wirklich stumm? Wenn man unter stumm das Fehlen einer eigentlichen Stimme, das heißt einer Lauterzeugung durch Luftbewegungen in der Lunge und Luftröhre versteht, dann hat das Sprüch­wort allerdings Recht, da den Fischen diese beiden Organe fehlen, aber so eng dürfen wir den Begriff stumm nicht fassen, denn andere Thiere, z. B. die Insekten, die auch keine Stimme ähnlich den höheren Thieren haben, wird Niemand stumm nennen, da sie aus die mannigfachste Weise die verschiedensten Laute und Töne hervorbringen, ich erinnere nur an das Brummen der Hummeln und das Zirpen der Grillen und Cikaden. Wie unter den Insekten, so gibt es auch unter den Fischen einige Arten, die befähigt sind, Laute oder Geräusche hervorzubringen und wie bei den Insekten die verschieden­artigsten Bildungen zur Erzeugung dieser Laute dienen, so auch bei den Fischen, die ebenso wie die Insekten, im Gegensatz zu den höheren Thieren, nicht Vocal«, sondern Instrumentalmusik machen. Diese Musikanten unter den Fischen, die also das alte Sprüchwort zu Schanden machen, wollen wir etwas näher betrachten.

Unter den Fischen des süßen Wassers ist die Kunst der Musik sehr wenig und nur in der unvollkommensten Form ver­breitet. Karpfen, Welse, Aale, Barben und einige andere Süßwasserfische lassen bei Beunruhigung gewisse undeutliche Töne hören, die wahrscheinlich dadurch entstehen, daß aus der Schwimmblase Luft in die Schlundröhre ausgestoßen wird. Der allbekannte, in jedem schlammigen Gewässer vorkommende Schlammbeißer (Cobitis fossilis), der unter dem Namen Wetterfisch oder Wetteraal in vielen Gegenden als Wetter­prophet in Ansehen steht, hat es in der Hervorbringung von Tönen schon etwas weiter gebracht. Dadurch, daß der ge- sammte Darmcanal des Fisches auch als Athmungsorgan functionirt, athmet er größere Mengen Luft auf einmal ein, beim Ein-, besonders aber beim Ausathmen dieser Luft, die in einer Reihe Blasen aus dem Darm entweicht, wird ein murksender oder kollerndes Geräusch verursacht, außerdem läßt der Schlammbeißer aber zuweilen noch einen hohen pfeifenden Ton hören, der ebenfalls durch Auspressen von Lust entsteht- Ein eigentlicher Tonapparat ist unter den Süßwasserfischen nur bei einem der Familie der Welse angehörenden Fisch festgestellt worden. Dicht an der Wirbelsäule in der Nähe des Kopfes besitzt dieser Fisch (Callomystax gagata) einen auf beiden Seiten fein geriffelten Knochen, der zwischen zwei mit Ein­schnitten versehenen Knochenplatten sich bewegt und bei jeder Bewegung einen scharfen Ton hervorbringt-