Zwei Minuten später trat Johann ein und meldete, das gnädige Fräulein lasse sich entschuldigen, sie sei plötzlich unwohl geworden.
Der Lieutenant stand noch immer regungslos wie eine Bildsäule auf demselben Fleck. Er konnte sich von seiner Ver- blüffung gar nicht erholen.
Johann räusperte sich. „Die gnädige Frau," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, „werden die erste halbe Stunde schwerlich zurückkehren und der gnädige Herr auch nicht!"
Nun erst hob Götz den Brief der Tänzerin vom Boden auf und ging. —
Leonore probirte ein perlfarbenschimmerndes Seidenkleid an. Strehlens waren zum Thee bei Hofe befohlen. Sie waren letzthin beim Verlassen des Theaters auf der Gallerie des ersten Ranges mit dem fürstlichen Paar zusammengestoßen. Da Fürst Heinrich gern unter sein Volk ging, verschmähte er es, den Privatweg zu benutzen, der zu seinem Empfangssalon im Theater und der separaten Auffahrt führte. Strehlens waren respectvoll tief grüßend auf die Seite getreten. Sie waren darauf mit einer huldvollen Ansprache beehrt und von der Fürstin zum Thee geladen worden. Es war ein kleiner Cirkel; der Oberhofmarschall, der Oberforstmeister und der Intendant mit ihren Damen pflegten dann befohlen zu werden.
Leonore hielt prüfend ein paar Nelken gegen den herzförmigen Ausschnitt des Kleides. „Emma, wie passen sie dazu? Es sind die Lieblingsblumen der Fürstin und der Gärtner soll mir morgen Abend davon schicken."
„Vorzüglich, ganz vorzüglich, gnädige Frau," gab die Jungfer zur Antwort.
„Hier an der Seite müssen die Spitzen noch reicher fallen, das gibt besseren Abschluß," bemerkte Leonore.
Es klopfte und eine helle Stimme rief draußen: „Ich bin's, Asta! Jst's erlaubt, einzutreten?"
„Bitte, nur herein!"
„Ich komme ungelegen?" meinte die Kleine zögernd.
„Nein, nein, Du störst nicht. Ich hatte eben große Anprobe," erwiderte Leonore. „Wir sind morgen zum Thee bei Hof. Wie findest Du die Nelken? Stehen sie zum Kleid? In Farbenarrangements ist mir Dein Urtheil maßgebend."
„Sie machen sich ausgezeichnet! Du siehst entzückend darin aus. Dir steht überhaupt Alles!" erklärte Asta in neidloser Bewunderung. „Rothe Nelken," sie besann sich, „rothe Nelken dürftest Du eigentlich nicht tragen, die bedeuten, mein Herz ist noch frei, ich bin noch zu haben und Du —"
„Du bist ein loser Schelm, nimm Dich in Acht!" drohte Leonore. „Du bist heute sehr übermüthig, und die Vögel, die
zu früh singen —"
„Ach, Du wirst Dich wundern, ich und übermüthig I" fiel ihr Asta in's Wort-
„Vergessen Sie nicht, das Spitzengefältel an der Seite dichter zu reihen," wandte sich Leonore rasch zu der Jungfer, um der unbedachten Kleinen die weitere Rede abzuschneiden. Sie legte liebevoll den Arm um Astas Schulter und begab sich mit ihr in den anstoßenden Raum.
„Wo ist Onkel?" fragte Asta.
„Auf seinem Zimmer. Er arbeitet an seiner Broschüre, Du weißt ja, über Ballistik. Willst Du etwas von Ludwig, lasse ich ihn rufen?"
„Nicht doch, ich bin froh, daß ich Dich allein getroffen habe! ' vertraute ihr die Kleine an. „Ich habe so schrecklich viel Heimliches mit Dir zu reden. Ich gehe nachher zu ihm hinein, um Adieu zu sagen. Ach Leonie, liebste Leonie," sie umschlang die Freundin stürmisch, „ich soll fort, denke Dir, vielleicht auf ein ganzes Jahr fort nach Brüssel, nur weil ich da« Bouquet geworfen habe. Es soll heißen, ich sei auf einige Zeit verreist und auf Besuch bei Verwandten. Und an Allem ist Erna schuld! Und gerade jetzt muß ich fort, wo mein Vampyr zurückkommt! Ich hatte mich unendlich auf ihn gefreut und auf meine schönen Stunden. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie hübsch das immer war und wie gut und lieb er ist. Und schelten und zanken kann er erst. Ach, das war immer himmlisch schön, wenn er mir eine Strafpredigt hielt,
zum Beispiel den Tag bei der alten, guten Mama Huhn —" Sie hielt erschrocken inne. „Na, Dir kann ich's ja bekennen! Es war eine Unbesonnenheit von mir, aber ich dachte mir nichts dabei, ich war nämlich in seinem Atelier. Sieh' mich nicht so entsetzt an, Leonie, es ist nichts Schlimmes passirt! Nur weil ich so mitleidig war bei seinem Schwindelanfall — ich brachte ihm die Neuigkeit von Deiner Verlobung, weißt Du —, da hat er mich hier auf's Haar und auf die Stirn geküßt." Sie tippte mit dem Finger auf die betreffenden Stellen. „Was machst Du denn? Du küßt mich ja eben da? — Und dann hat ec mich durch Frau Huhn abführen lassen. Und nun ist Alles aus und ich kann ihm nicht einmal mehr schreiben! Dort im Pensionat, behauptet Erna, werden alle Briefe geöffnet und durchgelesen. Ich darf auch nur fortschicken, was die Vorsteherin für gut befindet. Und ich kann ihm nicht einmal Lebewohl sagen! Er ist doch jetzt unterwegs und ich habe seine Adresse nicht und wenn er in acht Tagen kommt, trifft er mich nicht an. Seinen letzten Brief hat Erna unterschlagen ; Johann hat es mir anvertraut. Erna spionirt immer und überall! Dem Schwager Hans hatte sie auch etwas entwendet, was nicht einmal ihm gehörte! Wie ich aber heute zu ihr mußte und sie herausgerufen wurde, ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen und hatte mir gemerkt, wo sie es hinsteckte, habe ich es ihr wieder wegstibitzt und es wird seinem rechtmäßigen Besitzer zugestellt werden. Ich habe keinen Blick hineingeworfen, gewiß nicht, Du kannst mir's glauben!"
„In was, liebes Herz?"
„Es ist nicht Mangel an Vertrauen, Leonie, durchaus nicht! Aber ich will's doch lieber für mich behalten," überlegte sich die Kleine altklug.
„Du hast ganz recht!" pflichtete ihr Leonore bei.
„Wie gut Du bist, gerade so würde mein Vampyr auch sprechen. Darum komme ich auch mit meinem Anliegen zu Dir. Willst Du meinem Herrn und Meister einen Brief von mir zustellen? Ist er hier, kommt Ihr doch mit ihm zusammen?"
Sie zog vorsichtig und mit großer Mühe ein dickes, umfangreiches Packet aus der Tasche. Es war mit zahllosen Siegeln versehen. Ein Blumenkorb, Astas Petschaft, reihte sich an den andern.
„Das ist Dein Bries?" Leonore lachte herzlich. „Du hast ihm wohl gleich Vorrath geschrieben?"
Aber Asta ging nicht auf den Scherz ein. „Liebe, Einzige, B ste," stellte sie ihr mit dem größten Ernst vor, „es sind unendlich wichtige Sachen darin, die kein Mensch sehen darf, deshalb habe ich's so sorgfältig versiegelt. Nicht aus Mißtrauen, nein, gewiß nicht!"
Leonore kam aus dem Lachen nicht heraus. „Trau, schau, wem?" schmollte sie und that beleidigt.
„Gewiß nicht aus Mißtrauen!" betheuerte Asta. „Nur weil der Inhalt einem Dritten überaus wichtig ist!"
„Sei ohne Sorge darum," beruhigte jetzt Leonore die junge Freundin, „ich verspreche Dir, Alles gewissenhaft, so wie Du es in meine Hände lieferst, zu übermitteln. Deine kleinen Geheimnisse sollen jedem menschlichen Auge verborgen bleiben. Ich werde sie getreulich Deinem Vampyr einhändigen. Da steh'! Ich will sie sofort in sicheren Gewahrsam bringen!" — Ste ging zum Schreibtisch, öffnete das Geheimfach desselben, legte das anvertraute Packet hinein und schloß doppelt ab. „Den Schlüssel hierzu und zu dem Juwelenschränkchen führe ich immer bei mir," setzte sie zu Astas Trost noch hinzu. „Würde sich denn die Angelegenheit mit Brüssel nicht redresstren lassen, Herz," forschte sie. „Gesetzt, Ludwig und ich gingen hinüber, wir legten ein gutes Wort für Dich ein und stellten die Sache in ein mildes Licht? — Ich kann den Gedanken gar nicht fassen, daß wir Dich entbehren fallen. Ludwig wird außer sich fein!"
„Schwager Hans hat sich schon vergebens für mich verwendet," belehrte Asta sie mit trauriger Resignation. „Erna ist ihm vor Wuth bald in die Perrücke gesprungen, well er für mich Partei nahm. In einer Art ist es eigentlich ganz gut und mir auch lieb, ich gehe von hier weg und auf lange


